Lana Lux

Toxische Beziehung

Legt nach »Kukolka« und »Jägerin und Sammlerin« jetzt ihren dritten Roman vor: die Schriftstellerin Lana Lux Foto: Chris Hartung

Dass es nicht gut ausgehen wird für Faina und Philipp, verrät schon der Klappentext: »Eine Beziehungstat aus Leidenschaft, wird man später dazu sagen. (…) Lana Lux erzählt aus der Sicht des Täters und des Opfers: Die Geschichte einer Liebe, die zur Obsession wird.«

Eigentlich ist damit schon zu viel vorweggenommen. Dass ich das Buch dennoch vom ersten bis zum letzten Satz voll Spannung gelesen habe, liegt an der Dramaturgie, der subtilen Beobachtungsgabe und Sprachgenauigkeit der Autorin und ihrem psychologischen Einfühlungsvermögen gegenüber beiden Protagonisten, die mehr sind als Opfer oder Täter.

Akte körperlicher Gewalt werden kaum direkt geschildert

Der Roman lebt vom Nicht-Erzählten, von den Lücken und Sprüngen zwischen den Perspektiven, die für uns Lesende Imaginationsräume öffnen, von einem Wechsel zwischen ausführlich dargestellten, scheinbaren Nebensächlichkeiten, die doch ganze Atmosphären evozieren, und einer starken Verknappung zentraler Informationen. Auch Akte körperlicher Gewalt werden kaum direkt geschildert.

Eine andere Erzählstrategie nutzte Lana Lux in ihrem hochgepriesenen Erstlingswerk Kukolka (2017), das ich beim Lesen jedoch immer wieder weglegen musste, weil ich die expliziten, gegen Frauen gerichteten Gewaltdarstellungen kaum ausgehalten habe, die sich – trotz des tendenziell guten Ausgangs für die Hauptprotagonistin – in meinem Gedächtnis festhakten.

Geordnete Verhältnisse setzt ein mit Phi­lipps Kindheit: seinem zehnten Geburtstag und dem Wunsch, endlich einen besten Freund zu haben. Als kurz darauf Faina neu in die Klasse kommt, beschließt er: Sie soll dieser Freund werden. Seine Zuwendung ist anfangs zart und hilfsbereit und doch auch unangenehm in ihrer sich beiläufig einschleichenden, bisweilen rassistisch und antisemitisch wirkenden Überheblichkeit. Er korrigiert dem Mädchen, für dessen Herkunft er sich wenig bis gar nicht interessiert, bald nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch den ganzen Habitus. Faina soll sich anpassen, integrieren, seinen Vorstellungen entsprechen.

Philipp weiß, was die Sucht mit der Mutter macht

Doch wir leiden auch mit Philipp, beispielsweise, wenn er als 13-Jähriger beobachtet, wie seine Mutter wieder anfängt, Alkohol zu trinken. Er weiß, was die Sucht mit der Mutter macht und welches Leid ihm dadurch droht. Am Familientisch seiner Freundin Faina nässt er sich ein, mitten auf der Feier von Novy God, dem traditionellen russischen Silvester. Nur so bringt Philipp die stark angetrunkene Mutter dazu, mit ihm nach Hause zu gehen.

Zuvor jedoch demütigt sie den Sohn, indem sie freimütig von seinem Malheur erzählt. Faina muss, wie so häufig und wie für viele Kinder von Migranten aus anderen Sprachkreisen typisch, für die Erwachsenen übersetzen. »Faina übersetzt, dann fragt sie: ›Was bedeutet eingenässt?‹ / ›Eingepinkelt. Pipi in die Hose‹, erklärt meine Mutter. / Dann eine Stille, bevor Faina es auf Russisch wiederholt. Alle glotzen mich an.« Dass der Abend nicht nur mit Philipps Wut – er tritt auf dem Nachhauseweg ein Fahrrad kaputt – endet, sondern auch den Beginn einer Affäre zwischen seiner Mutter und Fainas verheiratetem Onkel markiert, erfahren wir erst später, aus Fainas Sicht und nur in einem Nebensatz.

Philipp übergeht Fainas ukrainische Herkunft und jüdische Identität.

Nicht anders als Philipps setzt auch Fainas Erzählteil mit einem starken »Ich« ein. Die junge Frau ist ungewollt schwanger und verliert daher ihre lesbische Partnerin, sie ist verschuldet und hat ihr Studium geschmissen. Und doch zeigt sich Faina in Rückblicken auch als kluge, selbstbewusste Frau, die bei einem Studien-Aufenthalt in Israel ihre Freiheit mit Drogen und bisexuellen Erfahrungen genießt. Anders als Philipp, von dem sie sich nach einer jahrelangen Jugendbeziehung getrennt hat, flirtet, vögelt und lacht Faina gerne. Etwas, was Philipp bei ihrem zweiten Beziehungsversuch in Rage versetzt.

Auch Faina kommt aus einem schwierigen Elternhaus

Auch Faina kommt aus einem schwierigen Elternhaus. Ihre Mutter ist zwar nicht alkoholkrank, der Vater jedoch gewaltbereit und herrschsüchtig. Faina befreit sich immer wieder aus toxischen Beziehungen – von den Eltern ebenso wie von Philipp. Doch er wird sie aufspüren. Was Lana Lux mit diesem Buch eindringlich zeigt: Gelingende Selbstbefreiung hängt auch mit dem gesellschaftlichen Status, psychischer Gesundheit und finanzieller Sicherheit zusammen.

Wie in ihren beiden anderen Romanen Kukolka und Jägerin und Sammlerin (2020) stehen Mädchen oder Frauen aus der Ukraine im Zentrum, die sich nach der Migration in Deutschland zurechtfinden müssen. »Ich habe Faina einen Rucksack von mir aufgesetzt«, sagte Lana Lux während ihrer Lesung im Berliner Brecht-Haus im Februar 2024. Worin dieser Rucksack, die biografische Nähe zur Figur, konkret besteht, verschweigt die Autorin zum Glück. Im Roman wird jedenfalls deutlich, dass sie ihre Protagonistin, deren Milieu und spezifische Herausforderungen in einer deutschen Kleinstadt gut kennt.

Fainas ukrainische Herkunft und jüdische Identität werden nicht nur von Philipp, sondern auch von der Lehrerin übergangen. Auch innerfamiliär ist der Umgang mit jüdischer Tradition unsicher. Die Frage, ob und wie Pessach gefeiert wird, gehört zu den humorvollen und witzigen Passagen des Romans.

Einmal, in einer euphorischen Phase, hat Faina ganz andere Fantasien gegenüber Philipp: Der noch immer gewalttätige Ex, der ihr auflauert, soll endlich als »Verbrecher des Nationalsozialismus verurteilt werden«, während Faina mit der kleinen Tochter nach Israel auswandern wird, »um dort in der Wüste eine Frauenkommune zu gründen«. Eine Utopie, die sich nicht erfüllt. Ein Roman, dessen Lektüre sich unbedingt empfiehlt.

Lana Lux: »Geordnete Verhältnisse«. Hanser Berlin, Berlin 2024, 288 S., 23 €

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