Geschichte

Tödliche Behandlung

Geistig behinderte Kinder in Schwäbisch Hall um 1930 Foto: dpa

Eine Kinderärztin erinnerte sich unmittelbar nach dem Krieg: »Ich habe niemals eine Spritze verabfolgt, ohne mir das Kind von einer Stationsschwester halten zu lassen. In dem Krankenblatt habe ich die Spritze nicht vermerkt, denn die Kolleginnen hatten mir gesagt, dass sie nicht zu vermerken sei. In dem Totenschein habe ich als Todesursache Pneumonie angegeben.«

Mit diesem Zitat dokumentiert Götz Aly die Routine von »Euthanasie« im Alltag einer Kinderklinik. Der Autor widmet sein neues Buch Die Belasteten seiner behinderten Tochter Karline. In der Studie lässt er, wo immer möglich, den Originaltönen den Vortritt: Die Opfer selbst und – wenn sie sich überhaupt geäußert haben – auch die Täter kommen zu Wort.

Das Euthanasieprogramm der Nazis wurde 1940 in Berlin beschlossen und von der »Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten« nach außen vertreten. Aly hat in mehr als 30-jähriger, gegen erhebliche Widerstände aus der Gesellschaft durchgeführter Arbeit die Einzelheiten für sein Buch zusammengetragen. Er forschte in Archiven, las Krankenakten, sprach mit Angehörigen und mit Ärzten, von denen zwei sogar zum Kreis der unmittelbaren Täter gehörten.

Zeitgeist Im damaligen euphemistischen Jargon hieß die Ermordung eines Kindes »Behandlung« – mit diesem Wort wurde Eltern die Zustimmung zu solchen Eingriffen erleichtert. Im Fall von Erwachsenen sprachen die Verantwortlichen der »Aktion T 4« von »Desinfektion«. In vielen der von Aly dokumentierten Fällen erfuhren die Familien erst nachträglich durch Übersendung der Urne an den zuständigen Friedhof und eines geheuchelten Beileidsschreibens mit Angabe einer falschen Todesursache vom Tod ihrer Verwandten.

Mit ihrem Euthanasieprogramm trafen die Nazis einen Zeitgeist, der die »Vernichtung lebensunwerten Lebens« zu akzeptieren bereit war – auch im Kreise vieler Familien der bereits in den »Heil- und Pflegeanstalten« einer Begutachtung für die Aktion T 4 ausgesetzten Patienten. Einigen wenigen gelang es, ihre von Deportation und Vernichtung bedrohten Angehörigen durch eine gezielte Intervention – in einem vom Autor dokumentierten Fall bei Hitler persönlich – zu schützen und vor dem sonst sicheren Tod zu bewahren.

»Behandlung« 1941 trat der katholische Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, von der Kanzel aus an die Öffentlichkeit: In drei Predigten rief er zum Widerstand gegen das Mordprogramm der »Euthanasie« auf. Hitler gab daraufhin am 23. August 1941 die Anordnung, das Morden ab dem nächsten Tag zu beenden. Dieser Stopp der Aktion T 4 erfolgte für die Täter abrupt. Intern jedoch sorgte Hitler nur für eine veränderte Art der »Behandlung«. Manche der zuvor für die Euthanasie errichteten Gaskammern wurden wieder abgebaut: Statt mit Kohlenmonoxid wurde die Ermordung mit dem Gift Luminal betrieben.

Die Belasteten ist nicht nur ein historisches Dokument über die menschenverachtende Euthanasie der Nazis. Damalige Täter haben bis weit in die Zeit der Bundesrepublik in ihrem Fach gearbeitet, für das sie sich von Grund auf disqualifiziert hatten. Das Buch fordert darüber hinaus auf, über die Gegenwart nachzudenken. Die Ambivalenz, mit der die Gesellschaft heute den Gruppen begegnet, aus denen damals die Opfer stammten, ist ähnlich geblieben.

Die soziale Fürsorge ist zwar an die Stelle der Ausrottung »überflüssiger Esser« getreten, wie die Opfer in der damaligen Effizienz-Ideologie genannt wurden. Aber hat sich nicht der Gedanke der Euthanasie im Zuge der Möglichkeiten der modernen Wissenschaft auf die Zeit vor der Geburt oder gar vor der Zeugung eines Menschen vorverlagert? Ob unsere Haltung dem Versprechen und den Ansprüchen genügt, die mit dem schönen Satz des Grundgesetzes »Die Würde des Menschen ist unantastbar« aufgerufen sind, bleibt immer wieder zu überprüfen.

Götz Aly: »Die Belasteten. ›Euthanasie‹ 1939–1945. Eine Gesellschaftsgeschichte«. S. Fischer, Frankfurt/M. 2013, 352 S., 22,99 €

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