Kino

»The Brutalist« - Packendes Filmepos über die Gegenwart der Vergangenheit

Adrien Brody in »The Brutalist« Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Der Anfang ist buchstäblich umwerfend. Die Stimme einer Frau erzählt in Briefform aus dem Off von einem Verhör. Die Schreiberin selbst ist das Objekt der scharfen Befragung. Folter wird angedeutet. Die Sprache ist ungarisch; der Brief richtet sich an einen »Laszlo«.

Plötzlich wechselt die Szenerie: Man sieht man viel Braun und Grau, mehrere Männer in einem dunklen Raum. Die Atmosphäre ist bedrängend, unangenehm. Dann begreift man: Es ist ein Schiff, dessen Deck sich gerade öffnet. Das erste, was zu sehen ist, ist die auf dem Kopf stehende, dann horizontale Freiheitsstatue. Wird sie je wieder auf ihren Füßen stehen?

Der Mann, der hier ankommt, ist jener Laszlo des Briefs, Laszlo Toth (Adrien Brody), ein Architekt, der dem Holocaust entronnen ist und mit nichts in der Tasche 1947 nach Pennsylvania kommt. Dort versucht er, einen Platz in der US-Gesellschaft zu erringen.

Von der Reise ins vermeintliche Licht

In wenigen, schnellen Szenen skizziert Regisseur Brady Corbet in den ersten Minuten das 20. Jahrhundert als das Jahrhundert der Einwanderer. Er zeigt provisorische Unterkünfte, streift Prostitution, Ausbeutung und Rassismus. Dann steigt Laszlo in einen der Greyhound-Busse, die die Einwanderer im Land verteilen, und der nächste Abschnitt beginnt.

Im ersten Hauptteil lernt man die Hauptfigur kennen. Laszlo war ein erfolgreicher Bauhaus-Schüler. Durch nur zu erahnende Erlebnisse traumatisiert, fängt er in den USA in bitterster Armut an. Er muss Kohle schaufeln und auf dem Bau arbeiten. Durch einen Zufall entdeckt ihn der Unternehmer Van Buren (Guy Pearce) als begabten Architekten und fördert ihn mit verschiedenen Aufträgen.

Nachdem Lazlo sich in den Augen seines Förderers bewährt hat, gibt ihm Van Buren den Auftrag seines Lebens, der schnell zu einer Obsession wird. Auf einem Hügel soll er ein großes Gemeindezentrum bauen, das auch eine Kapelle enthalten und den Namen von Van Burens Mutter tragen soll - eine Art Mausoleum. Gebaut werden soll es im modernistischen Stil des Brutalismus - so erklärt sich der Titel des Films.

Das Rätsel der Ankunft

Laszlo ist ein Idealist, der zwar durchaus pragmatisch sein kann, doch keine Kompromisse duldet. Van Buren wiederum ist großzügig, neugierig und offen genug, um den Einwanderer aufzunehmen und ihm viele Möglichkeiten zu eröffnen. Aber er kauft sich in Laszlo auch ein menschliches Spielzeug. Van Buren will Anerkennung als Kapitalist und Mäzen, Laszlo aber als Künstler und Könner.

Adrien Brody und Guy Pearce haben in diesen Rollen herausragende Auftritte. Während Guy Pearce seine Figur an die größten Kapitalistenfiguren Hollywoods, an den Titelhelden in »Citizen Kane« und an verschiedene Darstellungen von Howard Hughes anlehnt, und eine Person zeigt, die brutale Härte mit echter Freundlichkeit verbindet und eine dritte Seite sorgfältig zu verstecken trachtet, trägt Adrien Brody seine Figur aus »The Pianist« in diese Rolle hinein: ein an Körper und Seele Versehrter, in dessen Gesicht sich Lachen und Weinen zu paaren scheinen.

Später kommen Laszlos Ehefrau und seine Nichte in die USA nach. Mit ihnen wird sichtbar, dass Europa in diesem Film als das Verborgene und Unbewusste Amerikas existiert, als das, was es nicht wahrhaben will. Laszlos Familie beginnt zunehmend über die gebrochene Utopie aus Fortschritt und Frieden nachzudenken, die im amerikanischen Traum ebenso verkörpert sind wie im Staat Israel, wohin die Nichte schließlich auswandert.

Auch ein Film über die Schoa

Zum Höhepunkt des zweiten Teils wird ein Zugunglück, aber auch die Weise, wie Brady Corbet dieses lange vorher schon andeutet. Das eigentlich Unfassbare in diesem Moment ist aber, dass der Film hier auch die Züge mitdenkt, die zehn Jahre zuvor von überall her nach Auschwitz fuhren, wo die meisten ungarischen Juden vergast wurden, oder nach Buchenwald, wo Laszlo irgendwie überlebte. Hier wird klar, dass »The Brutalist« auch ein Film über die Schoa ist. Erst im letzten Viertel des Films laufen alle Erzählfäden zusammen, und manches wird nun besser verständlich.

Die Gegenwart der Vergangenheit ist der rote Faden, der »The Brutalist« in seinem Ideen- und Facettenreichtum zusammenhält. Der Film rückt einen jüdischen Protagonisten und seine Traumatisierung ins Zentrum. Er zeigt eine Figur, die nicht mehr heimisch werden kann, weil die Vergangenheit nicht vergehen will.

Corbet gelingt ein mitreißender Film, der eine Fülle von Themen anspricht und dabei nur oberflächlich betrachtet einen Bogen um die Gegenwart schlägt. Seine konzentrierte Geschichte erzählt von den USA und Europa, von Tatkraft und Intellekt, Hoffnung und Scheitern. Und vom Antisemitismus in den USA.

Zeitgeschichte

Entebbe und kein Ende

Der Historiker Jan Gerber zeigt in seinem neuen Buch, wie aus dem Antizionismus der 68er-Generation radikale antisemitische Praxis wurde

von Ralf Balke  01.07.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 2. Juli bis zum 9. Juli

 01.07.2026

Künstliche Intelligenz

Ich schreibe, also bin ich

Noch nie war es so einfach, Gedanken mit KI in Worte zu fassen. Doch was bedeutet das für unser Denken, unseren Journalismus und eine der grundlegendsten menschlichen Fähigkeiten?

von Nicole Dreyfus  01.07.2026

Fußball

Länderspiel verlegt: Irland verzichtet auf Israel-Boykott

Irlands Fußballverband FAI will das UEFA-Nations-League-Spiel gegen Israel nun in Serbien austragen - auch, um einen Abstieg zu vermeiden

 01.07.2026

Berlin

Jüdische Kunstschule und UdK wollen kooperieren

Auch die Universität der Künste war nach dem 7. Oktober 2023 mehrfach Schauplatz »propalästinensischer« Aktionen. Nun will sie jüdischen Künstlern einen geschützten Raum bieten

 01.07.2026

Interview

»Es fehlte am fußballerischen Können, nicht am Glück«

Sportreporter-Legende Marcel Reif über das WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft, Jürgen Klopp und die Zukunft von Julian Nagelsmann als Bundestrainer

von Michael Thaidigsmann  30.06.2026

Burkhard C. Kosminski

»Ich würde das Stück gerne im Osten spielen«

Der Intendant am Schauspiel Stuttgart über »Die Ermittlung« von Peter Weiss, die Existenzberechtigung Israels in der Kunst und seine Auszeichnung mit der Otto-Hirsch-Medaille

von Nicole Golombek  30.06.2026

Interview

»Der Oscar öffnete mir neue Türen«

Daniel Roher über seinen ersten Spielfilm »The Piano Tuner« und den Dreh mit Dustin Hoffman und Lior Raz

von Patrick Heidmann  30.06.2026

Meinung

Georg Restle, die Jüdische Allgemeine und der berüchtigte Scheck aus Jerusalem

Früher hätte man Journalisten wie Restle, die Juden unterstellen, sie seien nur Sprachrohr einer Regierung in Israel, die Eignung als Politik-Redakteure beim Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk abgesprochen. Zu Recht

von Michael Thaidigsmann  30.06.2026