Ausstellung

Technisierung des Mordens

»Kann man nicht erzählen«: Kulmhof Foto: PR

Einige Opfer ahnten schon, was ihnen bevorstand. »Juden, wartet nicht, hier bleibt ihr nur einen Tag, dann fahrt ihr in den Ofen – 13. Transport«, so lautet eine Inschrift vom 28. Januar 1942 an der Wand der Synagoge in der polnischen Stadt Kolo. Von hier war es also nicht mehr weit bis zum Dorf Chelmo nad Nerem, das seinerzeit Kulmhof am Ner genannt wurde. 14 Kilometer noch bis zu jener Vernichtungsstätte, in der die nationalsozialistische Massentötung der europäischen Juden durch Giftgas ihren Anfang nahm.

Am 8. Dezember 1941, also vor fast genau 70 Jahren, wurde die Mordfabrik »in Betrieb genommen«, in der in den folgenden 16 Monaten knapp 150.000 Menschen – überwiegend Juden, aber auch Roma und Sinti sowie sowjetische Kriegsgefangene – umgebracht wurden. »Es war kein Lager zum Aufenthalt. Hier ging es darum, möglichst viele Menschen möglichst schnell und effektiv zu vernichten«, sagte der Historiker Wolfgang Benz, Sprecher des Beirats der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, zur Eröffnung der Ausstellung »Kulmhof – Das unbekannte Vernichtungslager« im Centrum Judaicum am 8. Dezember 2011 – die erste Ausstellung weltweit über diese Vernichtungsstätte.

Das Dorf liegt rund 70 Kilometer nordwestlich von Lodz. 250 Einwohner, 40 Häuser, eine katholische Kirche und ein Herrenhaus bildeten die unheimliche Kulisse für diese bis heute kaum bekannte Mordfabrik. Kulmhof gilt als das erste der sechs großen Vernichtungslager der Schoa. »Die Methoden, aber auch das Personal dieses Lagers stehen in der Kontinuität der sogenannten Euthanasie. Man hatte bereits vor Kulmhof sein Handwerk, die Technik des Tötens mit Gas, gelernt«, erklärt Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

Fabrik Das zur Mordfabrik umgebaute Herrenhaus (»Schloss«) lag direkt neben der Dorfkirche. Lediglich ein hoher Bretterzaun diente als Sichtschutz. Das »Sonderkommando Lange« unter dem SS‐Hauptsturmführer Herbert Lange führte die unmittelbare Vernichtung durch. Zum vermeintlichen Duschen mussten die Opfer das Gebäude betreten und sich entkleiden. Dann wurden sie von einer tobenden SS‐Meute über einen langen Korridor zu einer Art Rampe getrieben, an deren Ende einer von drei Gaswagen stand. Bis zu 100 Menschen wurden in den luftdichten Aufbau der in Berlin‐Neukölln produzierten LKWs gepresst, dann wurden die Türen verschlossen. Der Fahrer startete den Motor.

Über einen Schlauch wurden die giftigen Auspuffgase des Benzinmotors in das Innere des Kastenaufbaus geleitet. »15 Minuten lang ließ der Fahrer den Motor laufen. Nach rund acht Minuten fielen die Menschen in Ohnmacht. Danach trat der Tod ein«, schildert Uwe Neumärker die Anfänge der Technisierung des NS‐Massenmordes, der später in Treblinka und Auschwitz weiter automatisiert und perfektioniert wurde. Die Gaswagen fuhren anschließend ins vier Kilometer entfernt gelegene und gut bewachte »Waldlager«. In diesem Waldstück wurden die Leichen in Feldkrematorien verbrannt, die Überreste zur Vertuschung dieser Verbrechen in einer Knochenmühle zermahlen. Derweil ließ man die Gaswagen reinigen. Anschließend fuhren die LKWs zurück ins Dorf Kulmbach.

Am 7. April 1943 wurde das »Schloss« gesprengt, das SS‐Sonderkommando zur Partisanenbekämpfung nach Südosteuropa entsendet. Nur drei Menschen haben das Lager von Kulmhof überlebt. »Das kann man nicht erzählen«, hat der 2006 verstorbene Szymon Srebrnik einmal über das gesagt, was den Menschen dort widerfahren ist. Auf zwölf Ausstellungstafeln ist die Geschichte des Vernichtungslagers Kulmhof noch bis zum 29. Februar 2012 im Centrum Judaicum zu sehen.

»Kulmhof – Das unbekannte Vernichtungslager«. Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, Oranienburger Straße 28–30, 10117 Berlin

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