Raritäten

Talmud der Überlebenden

Sie sind auf schlechtem Papier gedruckt und eher notdürftig gebunden. Nach mehr als 60 Jahren befinden sie sich meist in prekärem Zustand. Und dennoch sind es überaus teure, weil seltene Bücher, die seit Kurzem in der Berliner Staatsbibliothek gesammelt werden – Publikationen aus den DP-Camps, den Lagern für jüdische Flüchtlinge in den anglo-amerikanischen Besatzungszonen Nachkriegsdeutschlands.

schoa-dokumentationen »Sche’erit ha-Pletah«, Rest der Geretteten, nannten sich nach Esra 9 die rund 50.000 bis 75.000 Überlebenden der Schoa, die in Gebäuden ehemaliger Arbeits- und selbst Konzentrationslager, in Wehrmachtskasernen und eilends errichteten Baracken notdürftig untergebracht waren – in der Hoffnung auf einen Neuanfang außerhalb Deutschlands. Ein Leben »im Wartesaal«, wie es Zalman Grinberg, der erste Vorsitzende des Zentralkomitees der befreiten Juden in der amerikanischen Zone, nannte. Für die meisten wurde daraus unfreiwillig ein mehrjähriger Aufenthalt. In dieser Zeit der Vorläufigkeit und der Ungewissheit entstanden in den Lagern Schulen und Kindergärten, wurden Sportvereine, Theatergruppen und Lesezirkel gegründet – und Bücher veröffentlicht.

Insgesamt dürften es 400 hebräische und jiddische Titel sein, die in den Camps zwischen 1945 und dem Beginn der 50er-Jahre entstanden: religiöse Werke, politische Pamphlete, Romane, Lyrikbände, Hebräisch-Wörterbücher, aber auch Instruktionen für angehende Elektriker. Hier wurden auch die ersten Dokumentationen über die Schoa verfasst – teils als nüchterne, vielfach von Bildmaterial erstaunlich guter Qualität begleitete Tatsachenberichte, teils in Form von Romanen und selbst Gedichten. Nicht selten wurden die Verfasser als Zeugen zum Nürnberger Kriegsverbrechertribunal geladen und ihre Publikation zu den Beweisstücken genommen. Bemerkenswert ist bei diesen Werken die Betonung des militärischen Widerstands und die Teilnahme »an vorderster Front« von jungen Frauen und Mädchen – so etwa in Yosef Gars Umkum fun der jidischer Kowne oder in der in München edierten Zeitschrift Fun letztn churbn – ein Aspekt, der in der Mainstreamliteratur bekanntlich lange völlig ignoriert und ohne die ihm gebührende Würdigung blieb.

lager-machsor Auch religiöse Literatur gab es natürlich. Da war etwa der legendäre Survivors’ Talmud, der auf Veranlassung der Rabbinervereinigung in der amerikanischen Zone mit Unterstützung der amerikanischen Militärverwaltung und des American Joint Distribution Committee 1948 in 19 Bänden herausgegeben wurde; und der zu Pessach 1946 veröffentlichte Mussaf le-Hagadah schel Pessach. Y. D. Scheinzon (Text) und Miklos Adler (Holzschnitte) schufen einen à jour gebrachten Nussach der Verfolgung und Vernichtung Israels und dessen Hoffnung auf die Rückkehr ins Land der Väter. Von dem schmalen Bändchen sind nur vier Exemplare nachgewiesen – eines nun in der Staatsbibliothek.

Die meisten religiösen Druckwerke, die in den Lagern kursierten – Mikraot gedolot, einzelne Talmudtraktate, Ausgaben des Schulchan Aruch und des Sohar, Werke des RaMbaM, des Wilner Gaon und des Baal Schem Tov, Hagadot und Sidurim –, waren jedoch nicht dort entstanden. Es handelte sich um Bücher, die von DPs der zweiten Generation mitgebracht worden waren, jenen Flüchtlingen, die nach den Pogromen von Kielce sowie angesichts der sich verschärfenden antisemitischen Kampagne in der Sowjetunion und im Ostblock in die südwestdeutschen Camps emigriert waren, womit sich die Zahl der DPs 1948 dramatisch auf über 200.000 erhöhte. Diese Werke wurden im Klischee-Verfahren nachgedruckt, wobei meistens zusätzlich zu dem ursprünglichen Erscheinungsort und -jahr der aktuelle Druckort und das Datum angegeben wurden.

In vielen Ausgaben finden sich auf der Rückseite des Titelblatts Memorials für ermordete Angehörige, denen sonst keine Matsevot gesetzt werden konnten. Hinzu kamen Werke der religiösen Tradition, überwiegend Schriften der unterschiedlichen chassidischen Richtungen, vor allem aus der Lubawitscher Gemeinschaft, die in den Vereinigten Staaten ihre spirituellen Zentren neu aufgebaut hatten. Sie versandten einige Exemplare ihrer Publikationen, die dann in den Lagern verteilt und nachgedruckt wurden. In diesen Reprints finden sich häufig Stempel, die das ewige Gedächtnis an die Ermordeten, die Erinnerung an die Schoa anmahnen.

Sammlerstücke Als Erinnerungsstück werden viele Überlebende ihren »Lager-Machsor«, das Exemplar einer Zeitung oder ein zerlesenes Liederbuch mitgenommen haben, als sie aus den Camps nach Israel oder in die USA aufbrachen. Andere ließen bewusst alles zurück, das mit der erniedrigenden Wartezeit im Nachkriegsdeutschland und den Jahren der Verfolgung davor verknüpft war. Deshalb sind Bücher aus den DP-Camps heute so rar. Die wenigen erhaltenen, nun nach und nach in den Handel gelangenden Exemplare stammen aus den Nachlässen verstorbener Überlebender in den USA, in Israel und in Frankreich. Dem Vernehmen nach gibt es inzwischen zahlreiche Privatsammler, denen die Bewahrung dieser Literatur ein Anliegen ist. Öffentliche Büchereien haben bislang wenig Interesse bekundet.

Zwar zeigt ein Blick in die Kataloge der deutschen Bibliotheken, dass hier und da, auch in der Berliner Staatsbibliothek, DP-Drucke erworben wurden, doch hatte man offensichtlich stets nur die Veröffentlichungen der jeweiligen Region im Auge. Dank des Engagements und der Kenntnisse eines in Straßburg ansässigen Antiquars sowie der großzügigen Unterstützung durch die New Yorker Bernard H. Breslauer Foundation konnte im Herbst vergangenen Jahres mit dem 19-bändigen Überlebenden-Talmud sowie weiteren 220 Drucken das Fundament der Sammlung gelegt werden, die in den kommenden Jahren vervollständigt werden soll. Katalogisierung und Erschließung der bislang erworbenen Titel werden noch 2010, bis zu Beginn des jüdischen neuen Jahres 5771 abgeschlossen sein.

Die Bücher stehen im Orientlesesaal der Staatsbibliothek Berlin interessierten Lesern zur Verfügung.
www.staatsbibliothek-berlin.de

Berlinale-Film

Special Screening: David Cunio in Berlin erwartet

Das Kino Babylon zeigt vier Monate nach der Freilassung der israelischen Hamas-Geisel eine neue Fassung des Films »A Letter To David«

von Ayala Goldmann  12.02.2026

Meinung

Schuld und Sühne?

Martin Krauß irritiert der Umgang mancher Medien mit dem »Dschungelcamp«-König Gil Ofarim

von Martin Krauß  12.02.2026

Kulturkolumne

»Konti: Mission BRD«

Meine Bewältigung der Einwanderung nach Deutschland: Wie ich als Immigrant ein Brettspiel entwickelte

von Eugen El  12.02.2026

Hollywood

Rachel Weisz spielt in Neuauflage von »Die Mumie« mit

Beim dritten Teil hatte die Schauspielerin eine Mitwirkung abgelehnt, da sie das Drehbuch nicht überzeugt hatte. Auf den neuesten Film müssen Fans noch etwas warten

 12.02.2026

Erfurt

Jüdische Kulturtage mit mehr Sichtbarkeit in Israel

Dank eines gewachsenen Netzwerks erwarten die Organisatoren von Thüringens größtem jüdischen Festival zahlreiche Künstler aus Israel

 12.02.2026

Filmfestspiele

Was die Berlinale diesmal bietet

Wieder läuft keine israelische Produktion im Wettbewerb. Dafür finden sich viele jüdische und israelische Perspektiven im gesamten Programm

von Sophie Albers Ben Chamo  11.02.2026

Berlinale

»Wir wollen die Komplexität aushalten«

Wenn die Welt um einen herum verrücktspielt, helfen nur Offenheit und Dialog, sagt Festivalchefin Tricia Tuttle

von Sophie Albers Ben Chamo  11.02.2026

Meinung

Oliver Pochers geschmacklose Witze über Gil Ofarim

Der Comedian verkleidet sich auf Instagram als Ofarim und reißt Witzchen über die Schoa. Während echte Komiker Humor stets als ein Mittel nutzen, um sich mit den Schrecken und Abgründen dieses Verbrechens auseinanderzusetzen, tritt Pocher nur nach unten

von Ralf Balke  11.02.2026

Nachruf

Israels verkanntes Musikgenie

Unser Autor hörte Matti Caspi schon als Kind bei einem Konzert im Kibbuz. Eine persönliche Erinnerung an den Sänger und Komponisten, der mit 76 Jahren an Krebs gestorben ist

von Assaf Levitin  11.02.2026