Es dürfte nur wenige Habilitationsschriften geben, über die in letzter Zeit so oft und so erbittert diskutiert wurde wie über Polnische Bürgermeister und der Holocaust von Grzegorz Rossoliński-Liebe, dem deutsch-polnischen Historiker und Alfred Landecker Lecturer an der Freien Universität Berlin. Doch droht, wie das Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« jüngst fragte, nun ein weiterer Historikerstreit? Die Frage ist rasch beantwortet: Nein. Im vorliegenden Fall scheint es, als redeten die Opponenten weniger über die vom Autor dargelegten Fakten, sondern vor allem aneinander vorbei.
Denn im Kern der Auseinandersetzung über das Buch von Rossoliński-Liebe steht die unter deutschen Historikern einhellige Empörung über die übergriffige Reaktion politisch motivierter Kreise in Polen, insbesondere über die kolportierte Einflussnahme des polnischen Botschafters in Berlin, wodurch es laut dem polnisch-kanadischen Historiker Jan Grabowski zur Verschiebung einer der Buchvorstellungen, und zwar in der Berliner »Topographie des Terrors«, kam. Derzeit ist die Buchpräsentation von Grzegorz Rossoliński-Liebe dort am kommenden Dienstag, dem 3. März, geplant.
Keine Frage, es ist skandalös, wenn staatliche Einrichtungen inhaltlichen Einfluss auf Wissenschaft und Kultur nehmen. Doch nicht jeder Historiker, der sich entscheidet, keine offenen Protestbriefe zu unterschreiben, oder darauf verzichtet, die rund 1100 Seiten zu lesen und zu rezensieren, ist deshalb solidarisch mit den Angreifern des Buchs oder gar Feind des Autors.
Wissenschaftler unter Druck zu setzen, ist immer verwerflich
Wissenschaftler unter Druck zu setzen, ist immer verwerflich – aber weshalb setzt Grabowski dann jene Wissenschaftler moralisch unter Druck mit dem Vorwurf, sie würden mithelfen, »historische Tatsachen unter den Teppich zu kehren«, wenn sie sich nicht aktiv hinter Rossoliński-Liebe stellten?
Das Getöse überdeckt, dass Rossoliński-Liebe nicht nur eine Forschungslücke schließt, sondern ein wissenschaftlich fundiertes Buch vorgelegt hat. Der Autor beeindruckt quantitativ, hat aber gleichwohl methodisch sauber gearbeitet und mit großer Akribie Quellen ausgewertet. Das Buch ist gut und klar geschrieben. Zudem war der Autor so klug, den erfahrenen David Hamann mit dem Lektorat zu betrauen.
Das Buch betreibt Täterforschung, es geht um die Kollaboration nichtdeutscher Mittäter.
Rossoliński-Liebe befasst sich darin mit einem wichtigen Aspekt der Täterforschung, und zwar der Kollaboration und der nichtdeutschen Mittäter, in diesem Fall der polnischen Bürgermeister, im sogenannten Generalgouvernement (GG), dem von 1939 bis 1945 deutsch besetzten Teil Polens. Erst in den vergangenen 25 Jahren geriet das Thema Kollaboration und Mittäterschaft zunehmend in den Fokus der Forschung, wie Christoph Dieckmann jüngst einem kundigen Einwurf in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« unterstrich. Meist aber war diese Mittäterschaft ein Nebenaspekt im Rahmen von Studien zu anderen Themen.
Insoweit zeigt Rossoliński-Liebe, dass Kollaboration ein weiterhin notwendiges und erkenntnisreiches Forschungsfeld ist. Auf diesem Feld untersucht der Historiker die Kollaboration polnischer Bürgermeister und auch ihre Beteiligung an der Schoa. Was für nationalkonservative Polen wie Ketzerei wirken mag, wie die Beleidigung eines sorgsam gepflegten Nationalmythos, ist also in Wahrheit eine wichtige Untersuchung.
Nach der Einleitung stellt der Autor die politische Situation in Polen vor dem deutschen Überfall vor, um dann die Ebene der »Städte als Orte der Koexistenz und Gewalt« zu beleuchten. Dem folgen Kurzbiografien von Bürgermeistern verschiedener Orte, darunter jener, die der Autor »jüdisch-polnische Städte« nennt. Anschließend widmet sich das Werk dem Kapitel »Krieg, Besatzung und Verwaltung«, gefolgt von »Bürgermeister im Netz der Verwaltung«.
Es ist beeindruckend, wie akribisch der Autor möglichst alle Aspekte einzubeziehen sucht. So heißt es im Kapitel zu den Dorfschulzen: »Als Vertreter kleiner Ortschaften und Dörfer standen die Dorfschulzen in der Hierarchie der Verwaltung des GG ganz unten, waren aufgrund ihrer großen Zahl jedoch eine sehr wichtige Beamtengruppe. Bis zum Anschluss Galiziens dienten im GG insgesamt 14.343 Schulzen sowie 1148 Bürgermeister und Vögte. Sie waren sowohl für die Erfassung der Lebensmittelkontingente, die Rekrutierung der Zwangsarbeiter als auch für die Umsetzung des Judenmords absolut unentbehrlich.«
Auf diese bemerkenswerte Schlussfolgerung folgt das in der gegenwärtigen Auseinandersetzung zentrale Kapitel »Holocaust«. Rossoliński-Liebe ergänzt bekannte Fakten um viele weniger bekannte Details und Ereignisse, die brutale Realitäten zeigen.
Gnadenlosigkeit der Steuerverwaltung im Generalgouvernement
Ein Beispiel dafür sind die überhöhten Strom- und Wasserrechnungen an Ghetto-Verwaltungen, mit denen Kommunen ihren Haushalt sanierten. Ein anderes ist die Gnadenlosigkeit der Steuerverwaltung. Die Fülle der Maßnahmen und ihre perfide Detailliertheit, mit der die unterste Vollstreckungsebene des deutschen Besatzungswillens Polen drangsalierte, ist erschütternd – sei es die Hunde- und Fahrradsteuer, vor allem aber die immer neuen Kollektivstrafen der Kontributionen. Sie unterstreichen, wie umfassend das Besatzungsregime polnisches Leben reglementierte.
Als problematisch erweisen sich jedoch zwei Aspekte im Buch: Der Autor insinuiert, dass es auf Bürgermeister-Ebene eine »deutsch-polnische Verwaltung« gegeben habe. Das verleitet zu der Annahme, dass der polnische Bürgermeister und sein deutsches Pendant ein Verhältnis pflegten wie weiland der stellvertretende Landrat Franz Josef Strauß und die US-Besatzungsbehörden, die ihn 1945 eingesetzt hatten.
Tatsächlich waren die von Rossoliński-Liebe untersuchten Bürgermeister ausführende Organe der NS-Herrschaft. Während sie durchaus Spielraum hatten, wenn es darum ging, ihren deutschen Oberen zuzuarbeiten, war der Spielraum in die andere Richtung minimal.
Der Autor legt heutige moralische Maßstäbe an
Vereinfacht ausgedrückt: Die Bürgermeister konnten entweder die Befehle und Wünsche der Deutschen ausführen oder andernfalls zwischen Rücktritt und Bestrafungen bis hin zur Ermordung wählen. Der Autor hingegen legt heutige moralische Maßstäbe an: »Keiner der in dieser Studie untersuchten Bürgermeister protestierte gegen die Deportationen oder die Massenerschießungen, wobei einige sie im Privaten verurteilten.«
Das Buch wirkt streckenweise, als wolle es den Deutschen ein vom Autor unterstelltes Monopol der Verantwortung für die Schoa entwinden und eine Art von »Gleichberechtigung« für die Kollaborateure erstreiten. So kommt er zu folgender Erkenntnis: »Polnische Bürgermeister und Mitarbeiter der Stadtverwaltungen im GG waren umfassend in den Holocaust und andere Verbrechen der deutschen Besatzer involviert (…). Aufgrund ihrer Zahl und Rolle in der Verwaltung waren sie eine der wichtigsten Gruppen administrativer Akteure, ohne die das GG nicht hätte funktionieren können. Sie gestalteten deshalb die Geschichte der Besatzung, der Kollaboration und des Holocaust aktiv mit, indem sie ihre Städte verwalteten, Verordnungen ihrer Vorgesetzten umsetzten und Entscheidungen innerhalb ihres institutionellen Handlungsrahmens trafen.«
Der Studie ist zu wünschen, dass die Ergebnisse breit rezipiert werden.
Dies legt den Umkehrschluss nahe, dass ohne das Vorhandensein polnischer Bürgermeister das NS-Regime im Generalgouvernement »nicht hätte funktionieren können«. Betrachtet man die Wirkungsweise deutscher Verwaltungen in besetzten und kollaborierenden Ländern, wirkt diese Schlussfolgerung nicht zu Ende gedacht. Vielleicht waren aber Bürgermeister als Tätergruppe der Schoa einfach nur weniger bedeutsam, als der Autor annimmt?
Die Reaktionen jener, deren Geschichtswahrnehmung quasireligiöse Züge trägt, sagen mehr über sie selbst als über das Buch
Insofern ist dem Buch zu wünschen, dass die Rechercheergebnisse breit rezipiert werden und die wissenschaftliche Debatte um die unterschiedlichen Interpretationen und Schlussfolgerungen frei von jeglichem Druck dem Erkenntnisfortschritt dienen. Dass dies im politischen Raum anders gesehen wird, vor allem bei jenen, deren Geschichtswahrnehmung quasireligiöse Züge trägt, war vorhersehbar. Ihre Reaktionen sagen aber mehr über sie selbst als über das Buch.
Die aktuelle Debatte mag daher ein guter Ausgangspunkt sein, grundsätzlich über den Umgang mit staatlicher Einflussnahme beim Umgang mit Wissenschaftlern nachzudenken.
Als der Autor dieser Zeilen 2018 publizierte, dass der bekannte elsässische »Widerstandskämpfer« Henri Henripierre, sich in Wahrheit nach dem deutschen Überfall 1940 um die deutsche Staatsbürgerschaft bemühte, seinen Namen »eindeutschte«, sich beim SS-Arzt August Hirt bewarb und dort keinesfalls wie behauptet Zwangsarbeiter war, sondern auf der Gehaltsliste der SS stand, war die Empörung groß. Nicht über den NS-Täter, der sich schamlos am kulturellen Erbe mutiger Résistance-Helden bediente – sondern über die Tatsache, dass ein liebevoll gepflegtes Nachkriegsnarrativ durch neue Quellen gestört wurde. Wo Vergangenheitsverklärung Teil der Politik wird, ist Faktenorientiertheit selten – nicht allein bei Grzegorz Rossoliński-Liebes Gegnern.
Der Parlamentspräsident Litauens hat für den Holocaust-Gedenktag 2026 die künstlerische Gedenk-Installation »WE! ARE! HERE!« ins Parlament nach Vilnius eingeladen. Teil der Installation sind lebensgroße Porträts von Schoa-Überlebenden sowie ihre Gedanken zur Wannsee-Konferenz.
Einige der Beteiligten, darunter ein Nachfahre litauischer Juden, hätten gern persönlich an der Feierstunde teilgenommen. Doch die Veranstaltung wurde unter fadenscheinigen Gründen kurzfristig abgesagt.
Doch will jeder Historiker, der nun nicht laut protestiert oder offene Briefe unterzeichnet, wie von Grabowski angenommen, historische Tatsachen »unter den Teppich« kehren? Oder ist es einfach nur Zeit für mehr Resilienz? Und vielleicht zu Freude darüber, dass die zunehmende Ideologisierung der Welt dazu führt, dass nicht nur in kleinen Zirkeln spezialisierter Wissenschaftler über neue historische Erkenntnisse gestritten wird, sondern eine breite Öffentlichkeit erfährt, welch aufwendige und oft intensive Arbeit Historiker leisten, um dem Erkenntnisfortschritt zu dienen?
Julien Reitzenstein ist Historiker und lehrt an der Universität Stuttgart. Er koordiniert gegenwärtig das internationale Projekt »Handbook Ideologies in National Socialism«.