Berlinale

»Strebt das Unbekannte an!«

Noa Regev Foto: Merav Ben Loulou

Berlinale

»Strebt das Unbekannte an!«

Noa Regev über die GWFF-Jury, Erwartungen an das Filmfestival und die Frage, wie Kino in Israel diskutiert wird

von Katrin Richter  12.02.2018 12:58 Uhr

Frau Regev, Sie sind Mitglied der GWFF-Jury für den besten Erstlingsfilm bei der Berlinale. Was erwarten Sie von dem Festival und von der Arbeit in der Jury?
Die Berlinale bietet jedes Jahr die Möglichkeit, die interessantesten Filme des Jahres anzusehen – Filme, die die Grenzen der cineastischen Kunst herausfordern und sie auf eine neue Ebene heben. Als Mitglied der GWFF-Jury habe ich in diesem Jahr die Gelegenheit, die frischesten und vielversprechendsten Stimmen des zeitgenössischen Kinos zu sehen. Das ist unter anderem deswegen spannend, weil man die formale und thematische Verbindung innerhalb der Arbeit eines Regisseurs erkennen kann. Nicht weniger interessant ist es, einen Film aus einer noch ganz unbeschriebenen Perspektive zu sehen – einer Perspektive also, der solche Verbindungen fehlen. Und natürlich kann man im Nachhinein immer feststellen, wie sich der genetische Code des ersten Spielfilms in den weiteren Werken entwickelt, denn Erstlingswerke kommen im zeitgenössischen Kino sehr häufig vor. Es ist beinahe so, als ob viele der außergewöhnlichsten und interessantesten Filme der vergangenen Jahre Erstlinge waren. Ich freue mich darauf, viele neue Filme auf der Berlinale zu sehen.

Die GWFF-Jury bewertet Beiträge der nächsten Filmemacher-Generation. Welchen Rat geben Sie jungen Regisseuren?
Zum einen hätte ich den Rat, einen Film nur dann zu machen, wenn es unvermeidlich ist. Wir sprechen hier über eine ziemlich herausfordernde Unternehmung, die beinahe an das Unmögliche grenzt. Deswegen sollten sich nur die, die keine andere Möglichkeit sehen, darauf einlassen. Zum anderen denke ich, dass man ein tiefgründiges Wissen cineastischer Arbeiten haben sollte. Mit anderen Worten: Verbringen Sie so viel Zeit wie möglich im Kino! Drittens, und das gilt besonders für den ersten Film, sollten die Herausforderungen während der Produktion minimal sein. Man sollte sich lieber auf das konzentrieren, was einen guten Film ausmacht: Regie, Drehbuch, Kinematografie, Sound. Und zu guter Letzt gilt das, was für alle Künstler im Leben gilt: Strebt das Unbekannte an! Gebt nicht auf, denn eines wohnt allen Filmen inne: Sie werden vom Anfang bis zum Ende gemacht.

Vor welchen Herausforderungen steht ein Filmemacher heute?
Bei diesem Thema landet man schnell bei einer Diskussion über finanzielle Hürden einer Produktion oder über die Art und Weise, wie der digitale Wandel das Filmsehen verändert hat. Meiner Meinung nach ist die bedeutendste Herausforderung aber die künstlerische, nämlich einen guten Film zu machen.

Sie sind seit 2013 Direktorin der Jerusalemer Cinematheque. Auf welche Art von Film spezialisiert sich Ihr Haus?
Die Jerusalemer Cinematheque legt den Fokus auf eine Vielfalt von Filmen, die nicht in kommerziellen Kinos gezeigt werden – Filme also von künstlerischer Qualität, die verschiedene cineastische Ästhetiken und Bewegungen widerspiegeln. Unser monatliches Programm bietet über 100 Werke mit dem Besten des zeitgenössischen Films und umfassende Retrospektiven des israelischen und internationalen Films. Für uns ist es zudem wichtig, Begegnungen zwischen den Filmemachern und dem Publikum zu ermöglichen, Ausstellungen und Konzerte im Rahmen der Filme zu machen, Diskussionsveranstaltungen und Vorträge anzubieten, die neugierig machen und den Dialog über kulturelle und soziale Themen anregen.

Wie hat sich das Sehverhalten des israelischen Publikums in den vergangenen Jahren verändert?
Der bedeutendste Wandel betrifft wohl die Art und Weise, wie wir audiovisuelle Inhalte sehen. Diese hat auch Einfluss auf die Form des Films. Es gibt kleinere Bildschirme, Teleobjektive und schnellere Schnitte. In der Tat scheint es so, als ob Kinoliebhaber ihren anspruchsvollen Geschmack mit reaktionären Schritten befriedigen. Sie sehen sich Filme an, die darauf bestehen, den großen Spielraum, die Verzögerung und das langsamere Tempo, das wesentlich für die konventionelle Projektion eines Films auf der Leinwand ist, »auszubeuten«.

Die Fragen an die Direktorin der Cinematheque stellte Katrin Richter.

www.jer-cin.org.il
www.berlinale.de
www.berlinale.de/de/das_festival/preise_und_juries/best_first_feature_award/index.html

Zahl der Woche

1. Maccabiah-Goldmedaille

Fun Facts und Wissenswertes

 08.07.2026

Programm

Schostakowitsch, Punk und Nathan in der Schwebebahn: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 9. Juli bis zum 16. Juli

 08.07.2026

50 Jahre in Deutschland

»Die Deutschen haben aus ihrer Geschichte gelernt«

Was ist typisch deutsch, was typisch amerikanisch? Holly-Jane Rahlens kennt sich mit beiden Nationen aus. Die Autorin lebt seit mehr als 50 Jahren in Berlin

von Nina Schmedding  08.07.2026

Interview

»Ich würde gerne mit Benjamin Netanjahu sprechen«

Der umstrittene Podcaster Ben Berndt schreibt Mediengeschichte. Sein YouTube-Format »Ungeskriptet« erreicht Millionen. Ein Gespräch

von Sven Gösmann, Stella Venohr  07.07.2026 Aktualisiert

Spanien

Festwoche in Pamplona: Wieder Aufrufe zur Zerstörung Israels

Zum Auftakt des San-Fermín-Festes in Pamplona, das für seine Stierrennen bekannt ist, wurde ein riesiges »Destroy Israel«-Banner gezeigt

 07.07.2026

Social Media

Gil Ofarim dankt neuen und alten Fans

Der Musiker liefert eine Erklärung für die Stille, die ihn seit seinem Sieg beim Dschungelcamp umgibt

 07.07.2026

New York

Adam Sandler traut Taylor Swift und Travis Kelce – Debatte über Israel-Haltung entfacht

Israelfeindliche Aktivisten werten die Mitwirkung des jüdischen Schauspielers als Hinweis auf eine mögliche Haltung der Sängerin im Nahostkonflikt

 06.07.2026

Berlin

Antisemitismusvorwürfe: Kulturfestival in Neukölln streicht umstrittene Gaza-Performance

Ein »Audiowalk« sollte Bezüge zwischen dem Krieg im Gazastreifen und dem Holocaust herstellen. Heftige Kritik kam von einem jüdischen Verein und der israelischen Botschaft

 06.07.2026

Bühne

Drama an Bord

Am Münchner Volkstheater ist »Der blinde Passagier« von Maria Lazar zu sehen – eine der besten Produktionen dieser Spielzeit

von Michael Schleicher  05.07.2026