Botanik

Stacheliges Heilmittel

Der Feigenkaktus wirkt gegen Diabetes und als Appetitzügler. Foto: Thinkstock

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Stacheliges Heilmittel

Bio-Food aus der Negevwüste – Der Feigenkaktus macht Karriere

von Ulrike Schleicher  26.01.2015 19:51 Uhr

Vielerorts wird er als natürlicher »Zaun« gegen unliebsame Eindringlinge genutzt und hat schon deshalb nicht den besten Ruf. In Australien beispielsweise gilt der Opuntia ficus-indica, besser als Feigenkaktus bekannt, schlicht als Unkraut, und man versucht, das stachelige Gewächs auf jede erdenkliche Art loszuwerden.

Noam und Schachar Blum würden dort ziemlich sicher als Spinner gelten. Denn Vater und Sohn sind froh über jeden Kaktus, der gedeiht. Auf ihrer Farm mitten in der Negevwüste wachsen auf insgesamt 200 Hektar Tausende davon – oder wie Noam zu sagen pflegt: »Es sind so viele, dass sie in einer Allee von hier bis nach Haifa reichen würden.«

Die Orly-Farm, wie die Plantage in der Nähe der Stadt Dimona heißt, ist das Ergebnis jahrelanger Zuchtversuche und ebenso langer Auseinandersetzungen mit israelischen Behörden. Denn auch in Israel war man vor rund 30 Jahren nicht gerade angetan von Noam Blums Idee, ein Gewächs zu züchten, das man sonst hauptsächlich von verstaubten Straßenrändern kennt und dessen Früchte nur unter größten Mühen zu ernten sind. Es half auch nichts, dass der Sabre, wie der Kaktus auf Hebräisch heißt, schon fast ein nationales Symbol ist. »Sabre« werden bis heute die in Israel geborenen Juden genannt. »Die Pflanze selbst wurde hier immer gering geschätzt«, sagt Noam Blum.

antioxidantien Davon ist längst keine Rede mehr, und Noams Beharrlichkeit – eine Eigenschaft, die auch dem Kaktus zugeschrieben wird – zahlt sich aus. Das Image der Pflanze hat sich gewandelt, vom stacheligen Unkraut oder Arme-Leute-Essen zum Super-Bio-Food. In Deutschland kann man in Reformhäusern für viel Geld aus dem Kaktus hergestellte Kapseln und Säfte kaufen.

Denn inzwischen haben Studien erwiesen, dass sowohl die Frucht als auch die mit der ledrigen Haut überzogenen Blätter der Pflanze überaus gesund sind: »Sie enthalten jede Menge verschiedener Vitamine, Mineralien, Antioxidantien und Ballaststoffe«, sagt der 36-jährige Schachar Blum, der von seinem Vater die Leitung der Farm übernommen hat. Die Inhaltstoffe helfen unter anderem, den Cholesterinspiegel zu senken, und werden gegen die Volkskrankheit Diabetes sowie gegen Fettleibigkeit eingesetzt. Sie sollen Hungergefühle unterdrücken.

Die Blums haben mithilfe von Agrarwissenschaftlern eine Opuntia-Sorte gezüchtet, die kaum Dornen hat und zehn Monate im Jahr Früchte in sechs verschiedenen Farbeschattierungen von Rot bis Gelb trägt. Insgesamt 40.000 Tonnen pro Jahr ernten Gastarbeiter aus dem Sudan und Thailand und Beduinen, die seit Jahren aus den umliegenden Dörfern kommen.

Für die Ernte – die Früchte werden mit der Hand gepflückt – hat Schachar Blum ein Fahrzeug entwickelt, das er »Kaktus-Mobil« nennt. Ein alter Pick-Up wurde umgebaut. Auf der Ladefläche sind rechts und links zwei ausfahrbare Leitern, von denen aus die Arbeiter auch an jene Früchte gelangen, die im oberen Teil der rund drei bis vier Meter hohen Bäume wachsen.

wasserspeicher Schachar schneidet ein Blatt auf und presst es zusammen. Fast wie aus einem Wasserhahn tropft Flüssigkeit auf die Erde. Die Pflanze ist ein exzellenter Wasserspeicher – ein Grund, warum sie viele Jahre ohne Regen überleben kann und bei Kamelen als Futter so beliebt ist. »Wer jedoch Früchte haben will, muss den Kaktus bewässern«, erklärt der Zwei-Meter-Mann.

Ein Baum brauche, um Früchte zu tragen, pro Jahr 800 Kubikmeter Wasser. Wie fast überall in der israelischen Landwirtschaft wird dazu recyceltes Wasser genutzt. Deshalb müssen die Blums auch keinen Dünger kaufen. »Es ist alles im Wasser, was der Kaktus braucht.« Da zudem keine Pestizide gebraucht werden – »Käfer oder sonstige Schädlinge meiden den Opuntia« –, gelten die unverarbeiteten Produkte des Kaktus als Bio-Food.

Der geringere Anteil der Früchte wird vor Ort gebürstet und gewaschen und in Plastikschalen sortiert. Sie werden in den Supermärkten des Landes verkauft. »Der größere Teil geht in Fabriken, die Marmeladen, Pickles, Likör, Dips, Kekse und Saft herstellen«, sagt Schachar. Die ebenfalls essbaren Blätter werden geschnitten, frisch verkauft oder gehen, wie die Früchte, in den Export nach Europa, Kanada und Russland. Schachars Ziel ist es, vor allem im Winter noch mehr Früchte zu ernten: »Da bekommen wir für ein Kilo fünf Euro auf dem europäischen Markt.«

universalnahrung Wer die Orly-Farm besucht, kann dort auch essen. Selbstverständlich ist die Grundlage der Speisen Feigenkaktus. Sogar Fladenbrot, Schakschuka und eine Panade für Schnitzel werden aus der Pflanze hergestellt. Die Gäste sind erstaunt, wie vielfältig und schmackhaft alles ist.

Vater Noam Blum erzählt derweil von seinem Traum, den Hunger in der Welt zu besiegen. Der Kaktus könne nicht nur Menschen in regenarmen Gebieten ernähren, sondern auch Rinder, Ziegen und Schafe. Betrachtet man die grünen, saftigen Pflanzen seiner Farm inmitten der sandigen und steinigen Landschaft des Negev, scheint es, als hätten die Blums bereits einen Etappensieg errungen.

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