Geschichte

Spuren im Schnee

Wenn von Nazi-Olympia die Rede ist, denken die meisten Menschen bislang nur an das große Spektakel 1936 in Berlin. »Winterspiele stehen im Schatten von Sommerspielen, das reflektiert sich darin«, sagt der Münchner Historiker Michael Brenner. »So gesehen ist Garmisch-Partenkirchen bislang ganz gut weggekommen.«

Am 6. Februar 1936, exakt vor 90 Jahren, eröffnete Adolf Hitler die Olympischen Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen. 2026 wird es viele Veranstaltungen geben, die kritisch an Olympia erinnern – erstmals in der nacholympischen Geschichte des Ortes. Die Lokalzeitung »Garmisch-Partenkirchner Tagblatt« verspricht: »Keine Feier, ein Gedenkjahr«. Und auch die Erste Bürgermeisterin, Elisabeth Koch, legt sich fest: »Das Gedenkjahr wird keine Jubelveranstaltung«, denn, so sagt die CSU-Politikerin: »Das waren Nazipropagandaspiele, ganz klar.«

Am 6. Februar 1936 eröffnete Adolf Hitler die Winterspiele in dem oberbayerischen Ort.

Geplant sind über das ganze Jahr verteilt Lesungen, eine Installation »Erinnern im Licht«, eine Podiumsdiskussion, ein Theaterstück und ein Konzert, »Stimmen gegen das Vergessen«. Koch will, dass es auch eine Ausstellung zu Olympia geben wird. »Spuren im Schnee« ist der Arbeitstitel, doch die nötigen Gelder sind offenbar erst spät angemeldet worden. Das bedeutet: Im Gedenkjahr wird es diese Schau nicht geben.

Das ist deswegen interessant, weil bereits eine Ausstellung existiert, die sich kritisch mit den Spielen beschäftigt. Sie heißt Die Kehrseite der Medaille und war 2011 bis 2018 im Olympia-Skistadion zu sehen. Als dieses erneuert wurde, verschwand sie im Keller eines Kindergartens, doch 2020, als das Stadion wieder geöffnet wurde, blieb sie dort unten – und liegt da bis heute.

»Einfach nicht mehr zeitgemäß«

»Es wird diese Ausstellung in der bisherigen Form nicht mehr geben, auch nicht interimsmäßig, da das Format einfach nicht mehr zeitgemäß ist«, erklärt Bürgermeisterin Koch, fügt jedoch hinzu: »Aber die Thematik wird selbstverständlich in ein neues Gesamtkonzept mit aufgenommen und behandelt.« Ihre Kritik begründet sie vor allem museumsdidaktisch. »Das war eine zu einfache Darstellung«, sagt sie. »Nur Fotos und Texte an der Wand, das reicht nicht.«

Alois Schwarzmüller hält die Begründung nicht für überzeugend. Er ist Historiker, war lange Jahre Schuldirektor in Garmisch-Partenkirchen und damals an der »Kehrseite«-Ausstellung beteiligt. Schwarzmüller erinnert sich, dass er »vielfache Zusicherungen zur Wiederbelebung der Ausstellung« bekommen habe. Er hat eine Vermutung, warum ausgerechnet im Gedenkjahr eine kritische Ausstellung im Keller liegt: 2020, als die Tafeln wieder hätten aufgestellt werden sollen, löste Koch (CSU) die bisherige Bürgermeisterin Sigrid Meierhofer (SPD) ab.

Koch kontert, die Aufarbeitung der Spiele in Garmisch-Partenkirchen müsse zum einen sehr gründlich und ohne Zeitdruck geschehen, damit sie unanfechtbar ist. Zum anderen gebe es ja nicht nur das Jahr 1936 in der olympischen Geschichte der Marktgemeinde. Tatsächlich hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) die ursprünglich für 1940 an St. Moritz vergebenen Spiele dem Schweizer Skiort wieder abgenommen – und erneut Garmisch-Partenkirchen zugeschustert. Der einstimmige Beschluss des IOC erfolgte im Juni 1939, also nach den Novemberpogromen und der Zerschlagung der Tschechoslowakei.

Fortführung der Olympiabauten

In Garmisch-Partenkirchen begann sofort ein großes Bauprogramm. »Neue gewaltige Sportanlagen entstehen«, jubelte das NSDAP-Blatt »Völkischer Beobachter« und kündigte Olympia »im größten Stile« an. Hitler persönlich ordnete am 12. September 1939, also keine zwei Wochen, nachdem die Wehrmacht Polen überfallen hatte, die Fortführung der Olympiabauten an. Die NS-Führung glaubte gar, dass Olympische Spiele fortan »für alle Zeiten in Deutschland« stattfinden sollten – immer »in eigener Regie unter uns«, wie Propagandaminister Joseph Goebbels in sein Tagebuch schrieb.

Auf diese weniger bekannte olympische Geschichte verweist Bürgermeisterin Koch nun. Vieles, was man in Garmisch-Partenkirchen mit 1936 verbinde, sei erst für 1940 entstanden. Koch nennt als Beispiel das Skistadion. »So wie es heute steht, war es für die Spiele 1940 gebaut worden«, erklärt Koch, die heutige Hufeisenform gab es 1936 noch nicht.

Trotz der Absage von Olympia 1940 wurde weitergebaut – unter Einsatz von Zwangsarbeitern.

Wegen des Zweiten Weltkriegs fand Olympia 1940 nicht statt. Adolf Hitler sagte Mitte Oktober 1939 weitere Arbeiten an dem Projekt ab. Gleichwohl wurde weitergebaut – und zwar unter Einsatz von Zwangsarbeitern. Der Historiker Schwarzmüller hat recherchiert, dass 40 französische Kriegsgefangene im Ski- und 30 im Eisstadion eingesetzt wurden.

»170 russische Kriegsgefangene zur Verfügung«

Sogar im Dezember 1941 – als also gar keine Olympiapläne mehr existieren konnten – findet sich in einer Notiz der Garmischer Schutzpolizei der Satz: »Zur Fertigstellung der im Bau begriffenen Olympiabauten stehen dem Bürgermeister des Marktes Garmisch-Partenkirchen 170 russische Kriegsgefangene zur Verfügung.«

Einerseits will die Marktgemeinde an diesen noch viel größeren und wesentlich unbekannteren Teil ihrer olympischen Geschichte erinnern. Andererseits jedoch findet das aktuelle Gedenkjahr weitgehend ohne diese wichtige Erinnerung statt.

Alice Zaslavsky

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