Kino

Spiegel der Gesellschaft

Noemi Schory und Yael Reuveny sind alte Bekannte. Ihre Begegnung am vergangenen Mittwoch im Dietrich-Bonhoeffer-Haus in Berlin bildete den Auftakt zu dem dreitägigen Filmseminar »Zwischen Krieg, Alltag und Liebe. Perspektiven des israelischen Gegenwartsfilms«. Dazu eingeladen hatte die Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden.

Filme seien ein Weg, um die »komplexe israelische Gesellschaft auf der Ebene der Wahrnehmung und deren Interpretation zu betrachten«, begründet Doron Kiesel, wissenschaftlicher Direktor der Bildungsabteilung, die Einladung. Zusammen mit Sabena Donath, der Leiterin der Bildungsabteilung, hatte er das Seminar vorbereitet.

Nachdem Noemi Schory, renommierte Kennerin der israelischen Filmszene, einen Überblick zu den Filmen gab, eröffnete Yael Reuvenys preisgekrönter Dokumentarfilm Schnee von gestern anschließend die Tagung. Die Enkelin von Schoa-Überlebenden erzählt darin von ihrer eigenen Spurensuche und den Widerständen ihrer Familie bei ihrem Umzug nach Deutschland.

Erwachsen Israel durch seine Filme kennenzulernen und in ihrem Kontext zu verstehen, sei eine weit verbreitete Tendenz geworden, sagte Schory in ihrem Eröffnungsvortrag. Gerade die neueren Filme offenbarten dabei eine wahre »Schatztruhe an Begabungen«. Sie entspringen einem Wandel, der vor etwa 14 Jahren eingesetzt habe. »Die israelische Gesellschaft lässt ihre Kindheit hinter sich und wird erwachsen«, so das Fazit der Filmwissenschaftlerin.

Es sei ein Vorurteil, dass es dabei immer nur um Politik und Krieg gehe. Schory, die in Israel die Filmabteilung des Beit Berl College leitet, betonte, wohin der Trend derzeit geht: weg vom gemeinschaftlichen Wir, hin zum individuellen Ich samt seinen persönlichen Traumata, den Wunden der kollektiven Kibbuz-Gesellschaft, den Folgen von Gewalt und Rassismus, dem Schmerz der Einwanderung. Der Schmelztiegel gehöre der Vergangenheit an, so Schory. Heute sei Israel eine multinationale Gesellschaft. Ob marokkanische, äthiopische oder georgische Wurzeln – jede Gruppe erzähle »selbstbewusst ihre eigenen Geschichten«.

Ob diese von zerrissenen Familien und Generationskonflikten handeln oder vom Umgang mit der Schoa, von Sexismus oder sozialem Elend, ob sie aus säkularer, orthodoxer oder arabischer Perspektive erzählt werden oder aus dem Blickwinkel von Frauen – israelische Filme seien eine »Einflugschneise«, um Israel und seine zahlreichen Facetten als Migrationsgesellschaft zu verstehen, betonte auch Doron Kiesel.

Ausschnitt 90 Teilnehmer waren aus ganz Deutschland angereist, viele von ihnen über den Kooperationspartner Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk (ELES), der Begabtenförderung für jüdische Studenten. Sie begründeten ihre Motivation vor allem mit Interesse an Israel und Filmleidenschaft, aber auch mit dem Wunsch, Gleichgesinnte zu treffen und neue Leute kennenzulernen.

Johanna Korneli aus Berlin zum Beispiel interessierte sich besonders für den Aspekt der israelischen Migrationsgesellschaft. Der jungen ELES-Doktorandin gefiel an dem Seminar besonders die Auswahl der Filme. »Natürlich ist das Spektrum viel größer. Was wir hier sehen, ist ja nur ein kleiner Ausschnitt. Aber die Filme spiegeln viele so unterschiedliche Aspekte wider, das finde ich reizvoll«, sagt die Berlinerin.

An drei intensiven Tagen sahen die Teilnehmer nicht nur Filme quer durch alle Genres, vom Sozialdrama bis zum Politthriller, vom Dokumentarfilm bis zum Krimi. Gemeinsam mit Experten erarbeiteten sie darüber hinaus verschiedene Aspekte der Filme, analysierten Figurenkonstellationen und diskutierten kontrovers.

Diskussion »Sehr komplex und politisch, teilweise mit extremen Argumenten« sei etwa die Diskussion nach dem Liebesdrama Alles für meinen Vater gewesen, fasste Filmkritiker Sascha Westphal seine Eindrücke zusammen. Der Film von Dror Zahavi erzählt die Geschichte eines palästinensischen Selbstmordattentäters, der sich auf dem Weg zum Attentat in eine Jüdin verliebt. So wie dieser Film wirken auch die Diskussionen beim gemeinsamen Abendessen nach.

Die Organisatoren sehen darin ihre Seminar-Ambitionen bestätigt. »Wir wollen lernen, etwas gemeinsam zu sehen – auch als pädagogische Herausforderung, um einander besser zu verstehen«, so Kiesel. Dabei waren es vor allem die Geschichten der Protagonisten, die berührten, provozierten und bei manchem Seminarteilnehmer Schwarz-Weiß-Ansichten zerbröseln ließen.

Bethlehem zum Beispiel, ein Film von Yuval Adler, machte es den Zuschauern schwer, sich mit einer Seite zu identifizieren. »Der Film spielt mit dem Zuschauer. Er ist unbequem. Denn er urteilt nicht. Er zeigt die Menschen in all ihren Facetten. Doch wer sind die Guten, wer die Bösen?«, fragt Johanna Korneli nach dem Workshop, den der Filmexperte Werner Lott vom Fritz Bauer Institut Frankfurt leitete.

Das sei charakteristisch für die neuen israelischen Gegenwartsfilme, erklärt Noemi Schory: Die Filmemacher distanzieren sich klar von ideologischen Aussagen und Sendungsbewusstsein. Filme seien somit der »wahre Spiegel der Gesellschaft« geworden.

Boom Kein Wunder, dass Israel bei internationalen Festivals überproportional vertreten ist – angesichts von Filmförderkursen für gesellschaftliche Randgruppen, Filmkursen in Schulen und 13 Filmhochschulen. Im Vergleich dazu: In Deutschland sind es sieben, in Dänemark zwei und in Frankreich vier Filmhochschulen. Israels Filmindustrie boomt.

Doch wie viel Vielfalt, Toleranz und Offenheit wird übrig bleiben oder gar als Schwäche aufgefasst werden in einem Land im Dauerkampf? »Die israelische Filmszene scheint eine unaufhaltsame Flutwelle zu sein«, ist Schory überzeugt. »Hoffen wir, dass ihre Popularität anhält – insbesondere in einer Zeit, in der Israel international an Sympathie verliert.«

Giora Feidman

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