Berlin

Späte Würdigung

Lucy Wasensteiner, Direktorin der Liebermann-Villa am Wannsee Foto: picture alliance/dpa

Die Prominenz der Berliner Secession wie Max Liebermann, Max Slevogt oder Lovis Corinth ging bei ihr ein und aus: Grete Ring. Zwar trägt kein Kunsthaus ihren Namen, doch war sie für den renommiertesten Kunsthändler Berlins tätig – Paul Cassirer. Nach seinem Tod 1926 übernahm sie mit Walter Feilchenfeldt sogar die Leitung des Unternehmens.

Die Liebermann-Villa am Wannsee holte mit der Ausstellung Grete Ring. Kunsthändlerin der Moderne eine außergewöhnliche Frau aus dem Schatten Cassirers hervor und verdeutlichte, welche bedeutende Rolle sie in der Kunstwelt der Weimarer Republik spielte.

Cassirer stand im Zentrum des internationalen Kunstgeschehens: Er vertrat die wichtigsten Künstler seiner Zeit, darunter Max Liebermann, und in seinem Kunstsalon präsentierte er regelmäßig, was die Moderne in Europa hervorbrachte, darunter Werke von Paul Cézanne, Henri Matisse, Ferdinand Hodler und Edvard Munch. Die Stelle bei Cassirer war für Grete Ring (1887–1952) wie geschaffen. Sie gehörte zu den ersten Frauen, die 1912 in Kunstgeschichte promovierten und ab 1918 konnte sie bei Cassirer ihre Kenntnisse einbringen. Sie agierte selbstbewusst als unabhängige, moderne Frau in einer von Männern dominierten Kunst- und Geschäftswelt.

Ein großes Foto am Eingang der Ausstellung liefert ein hervorragendes Porträt von ihr: eine Frau mit Bubikopf und legerem Kleid von Männern umgeben bei einer Auktion sitzend. Was sie kennzeichnet, sind der aufgeschlagene Katalog auf ihrem Schoß und der aufmerksame Blick, mit dem sie das Geschehen vor ihr verfolgt. Sie strahlt Ruhe und Kennerschaft aus.

Grete Ring war nicht nur im Kunsthandel tätig, sie glänzte auch als Kunsthistorikerin: Für die Van-Gogh-Ausstellung des hauseigenen Kunstsalons 1928 bot der Kunsthändler Otto Wacker sechs Gemälde an. Als diese eintrafen, erkannte Ring sofort an ihrer Machart, dass es Fälschungen waren. Der Fall ging vor Gericht und wurde von der Presse verfolgt.

Als der Prozess im Dezember 1932 zu Ende ging, trat Grete Ring bereits mit einer weiteren Epoche machenden Ausstellung hervor: »Lebendige deutsche Kunst«. Darin versammelte sie Arbeiten von Ernst Ludwig Kirchner, Wassily Kandinsky, Oskar Schlemmer, Renée Sintenis, Otto Dix, Lyonel Feininger, Paul Klee und Willi Baumeister, die die Avantgarde mit Expressionismus, Konstruktivismus, abstrakter Malerei und Neuer Sachlichkeit vertraten.

Kurz darauf galt es, das Unternehmen umzustrukturieren, um es vor der Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten zu bewahren, da sowohl Feilchenfeldt als auch Ring jüdisch waren. Während Feilchenfeldt im März 1933 nach Holland ins Exil ging und dort eine Dependance aufbaute, dauerte es bei Grete Ring länger, das Geschäft in Berlin abzuwickeln und eine Dependance in London vorzubereiten. Erst 1938 hatte sie eine Schiffsfahrkarte nach England in der Tasche, sowie vermutlich Zeichnungen, mitunter von Caspar David Friedrich.

All die Kunst, die über die Jahre durch ihre Hände ging, machten sie zur Kunstsammlerin. Es war ein Glück, dass ihre Schätze handlich waren und leicht ins Exil mitgenommen werden konnten. In London ließ sie sich trotz der schwierigen Bedingungen des Krieges nicht davon abbringen, Cassirers Kunsthandel weiterzuführen, bis sie 1952 an Leukämie starb.

Die Kuratorinnen der Ausstellung Lucy Wasensteiner und Viktoria Krieger haben eine beeindruckende Schau geschaffen. Sie würdigt neben Rings Leistungen innerhalb der Kunstgeschichte, auch ihre lebendige Persönlichkeit: Fotos zeigen sie als stolze Besitzerin eines Autos und glückliche Bewohnerin eines für sie – ganz im Stil der Zeit – gebauten Sommerhauses. Unter den mehr als 50 Exponaten sind Werke aus ihrer Kunstsammlung, die sich heute im Ashmolean Museum in Oxford befindet.

Warum solch bemerkenswerte Frau so lange dem Gedächtnis der Kunstwelt entschwand, liegt vermutlich an ihrer Tätigkeit als Kunsthändlerin, die zudem im Namen Cassirers wirkte. Diese Ausstellung war ein Schritt, ihr auch heute die Anerkennung zu geben, die ihr gebührt.

Sachbuch

Tee mit Groys

In einem neuen Gesprächsband erzählt der Philosoph Boris Groys aus seinem Leben und verliert kein Wort über den Krieg. Warum unser Rezensent das Buch trotzdem zufrieden zuklappte: eine sehr persönliche Lektüre

von Dmitrij Belkin  25.10.2026

Aufgegabelt

Fenchel-Tarte-Tatin mit Trauben und Oliven

Rezept der Woche

von Yotam Ottolenghi  25.10.2026

Kino

Ali G ist zurück – und stößt auf Ablehnung

Nach 24 Jahren schlüpft Sacha Baron Cohen wieder in die Rolle seiner Kultfigur. Doch die Branche will ihn boykottieren

von Nicole Dreyfus  25.10.2026

Shkoyach!

Alles auf Pro oder Die Sehnsucht nach neuer Übersichtlichkeit

Die Einteilung in Pro-Dieses und Pro-Jenes halte ich für profan. Aber für Prokrastination bin ich immer zu haben

von Eugen El  25.10.2026

Zahl der Woche

90,8 Prozent

Funfacts & Wissenswertes

 25.10.2026

Film

Serienhit geht weiter: Warum will jeder »Nobody Wants This«?

Eine freizügige Sex-Podcasterin und ein charmanter Rabbiner verlieben sich. Ihre Geschichte ist ein gelungener Gegenentwurf zu klischeehaften Rom-Coms. So geht die Erfolgsserie weiter

von Simone Andrea Mayer  23.10.2026

Berlin

Wenn Wolf Biermann den roten Bademantel trägt

Die Stasi wollte den Liedermacher zum Alkoholmissbrauch verleiten und seine Beziehungen zerstören. Ein Film zeigt, wie er das überstand - und was er mit fast 90 macht: Kraulen in der Ostsee zum Beispiel

von Lisa Forster, Sven Gösmann  23.10.2026

Debatte

Wahl in Israel: Star-Dirigent Lahav Shani meldet sich ausführlich zu Wort

In der Vergangenheit war der Musiker mehrmals im Visier radikaler Israelfeinde

 22.10.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Imanuel Marcus  22.10.2026