»Tatort«

Späte Rache

Übt sich in seinem neuen »Tatort« im »One-Shot-Verfahren«: Dani Levy Foto: dpa

Das Projekt war von Anfang an ambitioniert und ist zugleich eine Premiere. Wie Krimi-Altmeister Alfred Hitchcock in seinem Klassiker Cocktail für eine Leiche aus dem Jahr 1948 drehte Regisseur Dani Levy den 14. Schweizer Tatort im sogenannten »One-Shot-Verfahren«. Dabei kam der gesamte 90 Minuten lange Film Die Musik stirbt zuletzt ohne erkennbare Schnitte in den digitalen Kasten.

Der Grund für dieses Experiment, das eine punktgenaue Inszenierung sowie sehr viel schauspielerische Disziplin erfordert, war das knappe Zeitfenster von nur zehn Tagen, das dem Team im Konzerthaus Luzern als Drehort zur Verfügung stand. »Wir hatten von Anfang Spaß an der Idee, dass der Tatort in voller Länge live während eines Konzertes stattfinden sollte«, erklärt Dani Levy.

mord Eine Handlung gibt es auch – und die ist bemerkenswert unkonventionell und anspruchsvoll zugleich. Das liegt nicht nur an der jüdischen Thematik, die darin zur Sprache kommt, sondern auch daran, dass sich der Mord in dem Tatort irgendwann in der zweiten Hälfte des Krimis ereignet und nicht wie sonst üblich am Anfang.

Als Setting dient das Kultur- und Kongresszentrum Luzern, wo die Spitzen der Schweizer Gesellschaft zusammenkommen, um einem Benefiz-Konzert mit dem aus Argentinien stammenden Jewish Chamber Orchestra zu lauschen, das der schwerreiche und greise Unternehmer Walter Loving veranstaltet.

Gespielt werden die Werke jüdischer Komponisten, die in der Schoa ermordet wurden. Doch schon bald ereignet sich ein Giftanschlag auf den Klarinettisten Vincent Goldstein, der dem Abend eine unerwartete Wende verleiht. Denn nun kristallisiert sich peu à peu heraus, dass der Philanthrop Loving nicht – wie gemeinhin geglaubt – der edle Judenretter war, der während des Zweiten Weltkriegs verfolgte Menschen freikaufte, um sie dann in die sichere Schweiz zu bringen.

Lager Bei einer Provision von satten 30 Prozent, die er sich gönnte, half er nicht allen Juden, die ihm ihr Vermögen anvertraut hatten, bei ihrer Flucht aus Nazi-Deutschland. Sie wurden in den Lagern ermordet – darunter auch die Verwandten zweier Musiker des Jewish Chamber Orchestra. Und die haben nun eine Rechnung mit dem alten Herrn offen.

Doch so wie der Kulturabend der High Society langsam chaotische Züge annimmt, gerät auch der Tatort außer Kontrolle. Zum einen, weil Franky Loving, der Sohn des Unternehmers, nicht nur eine zentrale Rolle in dem Fall spielt, sondern darüber hinaus als eine Art Conférencier auf der Meta-Ebene das Geschehen begleitet und kommentiert.

»Filme mit Polizisten sollten verboten werden«, sagt er beispielsweise gleich zu Beginn des Films, und das ist nur der Auftakt zu zahlreichen weiteren Phrasen wie »Wir befinden uns im Zeitalter der Wahrheit«. Irgendwann nerven die fast schon clownesk in Serie heruntergespulten Kalendersprüche nur noch. Zum anderen sind die Charaktere derart schablonenhaft, dass sie Laubsägearbeiten gleichen.

Akteure Des Weiteren erfährt der Zuschauer etwas unvermittelt, dass es zwischen den beiden Kommissaren – die in ihrer Rolle ebenfalls eine Spur zu betont unkonventionell ausgelegt sind – sowie zwischen einigen der Akteuren eine Vorgeschichte gibt, die aber nicht wirklich aufgelöst wird.

Am Ende stellt sich dann auch noch der Eindruck ein, die Protagonisten seien froh, dass die Geschichte nun irgendwie vorbei ist, wobei zum Finale noch einmal extra dick aufgetragen wird.

»Tatort: Die Musik stirbt zuletzt«. ARD, Sonntag, 5. August, 20.15 Uhr

Archäologie

Die Fingerabdrücke von Qumran

Wie Wissenschaftler mithilfe von Künstlicher Intelligenz den Schriftrollen vom Toten Meer ihre letzten Geheimnisse entlocken wollen

von Sabine Brandes  10.08.2026

Campus

Schweigen als Überlebensstrategie

Ein neuer Sammelband beleuchtet die erschütternde Situation jüdischer Studierender und Lehrender an deutschen Hochschulen

von Therese Klein  10.08.2026

Berlin

Bund gibt mehr Geld für Gedenkstätten

Die deutschen Gedenkstätten erhalten von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer mehr Fördermittel - für Projekte, aber auch für den Schutz der Orte und Mitarbeiter.

 10.08.2026

Interview

»Woher haben Sie die Noten?«

Kantor Assaf Levitin und der Verleger Christoph Koop über die Edition »Hashivenu« von Kompositionen für die Synagoge – und das Interesse auch von nichtjüdischen Chören an der Musik »Made in Germany«

von Christine Schmitt  10.08.2026

Musik

Wurde Boy George bei einem Konzert in Frankfurt sabotiert?

Techniker sollen seine In-Ear-Monitore immer lauter gedreht haben, bis der britische Pop-Star seinen Auftritt abbrach

von Imanuel Marcus  10.08.2026

Aufgegabelt

Zitronen-Zaatar-Hühnchen

Rezepte und Leckeres

 09.08.2026

Meinung

Wie Georg Restle die Glaubwürdigkeit des ÖRR untergräbt

Nach dem X-Post des Journalisten hat sich Felix Schotland, Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, an WDR-Programmdirektorin Andrea Schafarczyk gewandt. Wir dokumentieren das Schreiben im Wortlaut

von Felix Schotland  07.08.2026

Berlin

Einsatz gegen Judenhass: Iris Berben erhält Deutschen Kulturpolitikpreis

Die Schauspielerin steht nicht nur vor der Kamera, sondern engagiert sich auch ehrenamtlich. Der Deutsche Kulturrat würdigt diese Leistung mit einem Preis. Igor Levit ist Laudator

 07.08.2026

Rapper Pashanim während eines Konzertes auf der Bühne

Hiphop

Rapper Pashanim: »Free Palestine« als Verkaufsschlager

Auf seinem neuen Album »Lounge Musik« rappt der Berliner Musiker Pashanim wiederholt über den Israel-Palästina-Konflikt – Kokettieren mit dem palästinensischen Terrorismus inklusive

von Lennart Wilsch  07.08.2026