Interview

»Soziale Kontakte sind ein Einfallstor für Extremisten«

Der Medienwissenschaftler Felix Zimmermann Foto: Patric Fouad

Interview

»Soziale Kontakte sind ein Einfallstor für Extremisten«

Felix Zimmermann über Antisemitismus in der Gaming-Szene

von Johannes Senk  04.12.2023 18:23 Uhr

Herr Zimmermann, das Thema Antisemitismus ist derzeit hochaktuell. Auch im medialen Bereich haben antijüdische Verschwörungstheorien und Hasskommentare Konjunktur. Wie sieht das in der Gaming-Szene aus?
Gaming ist sehr heterogen, deswegen kann man kaum von einer einheitlichen Szene sprechen. Zudem ist die empirische Forschung zum Phänomen Extremismus und Gaming noch sehr jung, weswegen es wenig belastbare Erkenntnisse gibt. Dennoch können wir feststellen, dass Antisemitismus in der gesamten Branche, auch bei Spielentwicklern und Game-Influencern, noch ein »blinder Fleck« ist. Der aktuelle Konflikt könnte jedoch noch einmal ein Brennglas darauf richten, wie wichtig Antisemitismus-Prävention auch im Gaming-Kontext ist.

Wie zeigen sich antisemitische oder extremistische Inhalte beim Gaming?
Einerseits gibt es tatsächlich Games, die von Extremisten entwickelt werden. Zum Beispiel haben Rechtsextremisten aus Deutschland und Österreich das Spiel »Heimat Defender« in Umlauf gebracht, in dem antisemitische und homophobe Inhalte rezipiert werden. Auch islamistische Terrororganisationen wie der IS und die Hisbollah haben eigene Spiele entwickelt. Allgemein haben diese Spiele aber wenig öffentliche Wirkung. Sie sind eher eine Selbstvergewisserung für die Szenen, zumal sie in der Regel schnell aus dem Verkehr gezogen werden. Schwerwiegender ist das bei Modifikationen für Spiele.

Was bedeutet das?
Hier werden für bereits bestehende und populäre Games sogenannte Mods, also von privaten Entwicklern erstellte Erweiterungen oder Veränderungen, angeboten. Im extremistischen Bereich sehen wir hier eine große Bandbreite, besonders oft aber Bezüge zum Nationalsozialismus. So gibt es Mods für Strategiespiele, die den Bau von Konzentrationslagern oder eine Wehrmachtsuniform für den Spielcharakter ermöglichen. Weil die Anbieter der Vertriebsplattformen mit Sichtung und Moderation der Inhalte nur ungenügend hinterherkommen, sind solche Mods teilweise sehr lange abrufbar und können sich verbreiten. Dass solche Spielentwicklungen einen strategischen Nutzen zur Rekrutierung für die extremistische Szene verfolgen, ist aber eher die Ausnahme. Wichtiger ist es, die Kommunikation beim Gaming im Blick zu behalten. Hier gibt es meiner Einschätzung nach das größte Gefahrenpotenzial.

Inwiefern?
Durch gemeinsames Spielen, das gemeinsame Meistern von Herausforderungen, entstehen Verbindungen zwischen den Spielern. In Zeiten von Online-Gaming oft auch zwischen noch unbekannten Menschen. Wir haben in den Corona-Lockdowns gesehen, wie wichtig diese Verbindungen in die Online-Community gerade für junge Menschen sind, um soziale Kontakte zu pflegen. Dieser im Grunde positive Effekt ist aber auch ein Einfallstor für Extremisten. Auf diese Weise können sie über das Spielen erst einmal ins Gespräch kommen und Vertrauen aufbauen.

Dort versuchen Extremisten dann, andere zu »bekehren«?
Die größte Gefahr ist, dass sich antisemitische Verschwörungstheorien und rechte Ideologien in den Gaming-Communitys normalisieren. Das ist der Nährboden, auf dem Extremismus entstehen kann. Problematisch ist auch, dass jüdisches Leben und dessen Geschichte in der Games-Kultur bislang praktisch keine Rolle spielen. Bei historisierenden Spielen zum Zweiten Weltkrieg wie Strategiespielen oder Shootern geht es oft nur darum, wer die besseren Schützen oder Panzer hat und damit auf militärischer Ebene gewinnt. Der Zusammenhang mit dem Holocaust wird dabei in der Regel komplett ausgeblendet. Es gibt im Gaming-Kontext kaum Reflexion darüber sowie wenige positive Beispiele in Spielen.

Das Gespräch mit dem Referenten für Games-Kultur, politische Bildung und Extremismus bei der Bundeszentrale für politische Bildung führte Johannes Senk.

Berlinale

Eine respektvolle Berlinale scheint möglich

Die 76. Berlinale hat mit Glamour, großen Gefühlen und einem wunderbaren Eröffnungsfilm begonnen. Respekt wurde großgeschrieben am ersten Tag. Nur auf der Pressekonferenz der Jury versuchte Journalist Tilo Jung vergeblich zu polarisieren

von Sophie Albers Ben Chamo  13.02.2026

Potsdam

Barberini-Museum zeigt deutsche Impressionisten

Drei große Sonderausstellungen präsentiert das Potsdamer Barberini-Museum pro Jahr. 2026 werden zum Auftakt Werke von Max Liebermann und weiteren Künstlern des Impressionismus in Deutschland gezeigt

 13.02.2026

Analyse

Historiker: Dirigent von Karajan kein Hitler-Sympathisant

Opportunist oder Gesinnungsnazi? Das historische Bild des Dirigenten Herbert von Karajan leidet seit Längerem unter seiner NSDAP-Mitgliedschaft. Der Historiker Michael Wolffsohn will ihn nun von mehreren Vorwürfen freisprechen

von Johannes Peter Senk  13.02.2026

Berlinale-Film

Special Screening: David Cunio in Berlin erwartet

Das Kino Babylon zeigt vier Monate nach der Freilassung der israelischen Hamas-Geisel eine neue Fassung des Films »A Letter To David«

von Ayala Goldmann  12.02.2026

Meinung

Schuld und Sühne?

Martin Krauß irritiert der Umgang mancher Medien mit dem »Dschungelcamp«-König Gil Ofarim

von Martin Krauß  12.02.2026

Kulturkolumne

»Konti: Mission BRD«

Meine Bewältigung der Einwanderung nach Deutschland: Wie ich als Immigrant ein Brettspiel entwickelte

von Eugen El  12.02.2026

Hollywood

Rachel Weisz spielt in Neuauflage von »Die Mumie« mit

Beim dritten Teil hatte die Schauspielerin eine Mitwirkung abgelehnt, da sie das Drehbuch nicht überzeugt hatte. Auf den neuesten Film müssen Fans noch etwas warten

 12.02.2026

Erfurt

Jüdische Kulturtage mit mehr Sichtbarkeit in Israel

Dank eines gewachsenen Netzwerks erwarten die Organisatoren von Thüringens größtem jüdischen Festival zahlreiche Künstler aus Israel

 12.02.2026

Filmfestspiele

Was die Berlinale diesmal bietet

Wieder läuft keine israelische Produktion im Wettbewerb. Dafür finden sich viele jüdische und israelische Perspektiven im gesamten Programm

von Sophie Albers Ben Chamo  11.02.2026