Kino

»So viele Facetten wie möglich zeigen«

Herr Zucker, Ihre Dokumentation »The Return« wird in dieser Woche im Berliner Kino Moviemento gezeigt. Wovon handelt der Film?
Es geht darum, wie man herausfindet, was es bedeutet, jüdisch zu sein, und das an einem Ort, der eine lange jüdische Tradition hat, aber irgendwie doch vom jüdischen Leben abgeschnitten war. Mich hat fasziniert, Menschen zu begegnen, die nach den Spuren ihrer jüdischen Wurzeln suchten, und die Frage, wie sie dies tun.

Wann waren Sie das erste Mal in Polen?
2009, aber das hatte noch nichts mit dem Film direkt zu tun. Klar, habe ich auch schon darüber nachgedacht, aber ich bin eigentlich allein deswegen hingefahren, weil ich von dieser wahnsinnig interessanten jüdischen Kultur erfahren habe. Klezmer und die jiddische Sprache waren sehr angesagt damals, und das hat mich überrascht. Ich habe viele junge Juden getroffen, die mir von sich erzählt haben.

Und Sie haben sich entschieden, vier von ihnen dann zu begleiten. Wie haben Sie sich getroffen?
Ich hatte zuerst Kontakt mit Tusia, die sowohl in den USA als auch in Polen lebt. Sie war meine Übersetzerin. Und da die jüdische Gemeinschaft in Polen doch sehr übersichtlich ist, war es sehr leicht, Leute zu treffen. Sie allerdings dazu zu bringen, ihre Geschichte für einen Film zu erzählen, war etwas anderes.

Weshalb?
Nun, hier in den USA hätte wahrscheinlich ein Großteil der Menschen auf die Frage, ob sie in einem Film mitspielen wollen, mit »Ja, klar, warum nicht« geantwortet. In Europa sagen die meisten: »Natürlich nicht.«

Dafür haben die vier dann aber doch eine Menge von sich preisgegeben.

Ja, und heute sind auch alle froh, dass sie an diesem Projekt beteiligt waren.

Die vier Frauen repräsentieren vier unterschiedliche Strömungen des Judentums. Maria lebt sehr orthodox, Katka konvertiert.
Ja, das war so beabsichtigt, denn ich wollte so viele Facetten und Lebenskonzepte wie möglich zeigen.

Haben Sie alle noch Kontakt zueinander?
Wir sind alle befreundet, und ich freue mich, dass sich ihr Leben so gut entwickelt hat. Ich habe vielleicht die engste Verbindung zu Tusia, vornehmlich, weil sie teilweise in den USA lebt und es das Ganze etwas einfacher macht. Ich habe aber auch Kasia und Katka wiedergesehen und habe auch Kontakt zu Maria.

Hätte dieser Film auch in einem anderen Land realisiert werden können?
Ich denke, dass die Suche nach der Identität in jedem Land interessant ist. Aber Polen ist nun einmal in dieser besonderen Situation, dass es einst das Epizentrum jüdischen Lebens war. Die großen jüdischen kulturellen Errungenschaften, die großen Rabbiner kamen von dort. Die Tatsache, an diesem Ort zu sein, an dem gleichzeitig eine so große Tragödie stattfand.

Das jüdische Leben in Polen, wie es in der Doku gezeigt wird, scheint sehr offen zu sein. Können andere Länder dahingehend etwas von Polen lernen?
Nun, jedes Land ist unterschiedlich. Viele amerikanische Juden verbinden Polen mit dem Holocaust und Antisemitismus. Und ich wollte eine Geschichte zeigen, die eben nichts mit der Schoa zu tun hatte, sondern zeigt, dass die Leute weitermachen. Für mich ist es wichtig, dass die Menschen sehen, dass es Vielfalt in dem Land gibt und eben nicht Stereotype, dass sich das Land auch weiterentwickelt hat, wenn es darum geht, sich mit seiner jüdischen Identität auseinanderzusetzen.

Verfolgen Sie auch, wie sich das Land gerade politisch aufstellt?
Ja, ich habe viele Freunde, die darüber entsetzt sind, was dort politisch geschieht, und die die Auswirkungen, die Gesetzesänderungen haben, auch spüren.

Haben Sie etwas über sich selbst gelernt, während Sie »The Return« gedreht haben?
Ja und auch nein. Ich musste niemals so wirklich meine Identität hinterfragen. Ich bin in New York City aufgewachsen, einer Stadt, in der es so viele Juden und die unterschiedlichsten jüdischen Gemeinden gibt. Mir war nicht so klar, dass Juden in Minsk oder Warschau nicht diese Auswahl hatten. Das war vielleicht etwas naiv, aber das hat mich nachdenklich werden lassen.

Mit dem Regisseur sprach Katrin Richter.

www.thereturndocumentary.com

Das Kino Moviemento in Kreuzberg zeigt »The Return«
am 9. Juni um 18.30 Uhr und am 10. Juni um 21 Uhr im OmU

www.moviemento.de

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