Kino

»So etwas wie ein Guru«

Reich (Brandauer) in seinem Labor Foto: Eva Kees

Kino

»So etwas wie ein Guru«

Klaus Maria Brandauer über seine Filmrolle als der Psychoanalytiker Wilhelm Reich

von Markus Tschiedert, Tatjana Niezel  02.09.2013 16:55 Uhr

Herr Brandauer, in Ihrem neuen Film spielen Sie den Psychoanalytiker Wilhelm Reich. Wann haben Sie zum ersten Mal von Reich gehört?
In den 60er-Jahren. Damals war Reich so etwas wie ein Guru. Man konnte sich über ihn mit fast jedem unterhalten, der sich für Themen wie Gesellschaft, Gesundheit und Politik interessierte und alle Fragen, die darüber hinaus gingen und nicht so leicht beweisbar waren. Also für Sub-Gedanken, die man hatte, ohne sie haben zu wollen, für Träume und so weiter. Reich wurde von den Flower-Power-Leuten genauso verehrt wie von dem Schriftsteller John Osborne. In Deutschland geht noch heute so manchem Grünen das Herz auf, wenn er Reichs Namen hört. Als man mir vor einigen Jahren angeboten hat, einen Film über ihn zu drehen, habe ich gesagt, dass mich das Thema sehr interessiert. Danach kam es nur auf das Drehbuch an.

Hat sich Ihr Bild von Wilhelm Reich durch den Film verändert?
Nein, es hat sich verfestigt. Ich konnte ihn gleich gut leiden. Ich finde es nach wie vor erstaunlich, was man über ihn alles lesen kann, über den schrecklichen Kerl oder großartigen Guru, den Sexisten und Kommunisten, den Scharlatan und Nichtskönner et cetera. Reich wird es immer geben – und zwar immer dann, wenn man auf der Suche nach einem Menschen ist, der sich nicht vom Mainstream vereinnahmen lässt. Dafür ist Reich ein großartiges Beispiel.

Ist er ein Mann, der Sie beeindruckt?
Selbstverständlich! Ich hatte von ihm das Buch »Die Rede an den kleinen Mann« gelesen, was mich sehr bewegte. Hier war einer, der sich für die Solidarität unter den Menschen interessierte. Er war Mediziner, Sexualforscher, Psychoanalytiker, Soziologe und auch Schriftsteller. Er hat sich also um viel gekümmert und wollte etwas für die Menschen tun. Etwa die Gleichberechtigung der Frau, was zu seiner Zeit nicht selbstverständlich war, oder die Aufklärung der Menschen überhaupt. Nicht geholfen hat ihm sicher, dass er seine Sexualpolitik-Organisation in Deutschland Sexpol nannte, weil man dabei an etwas anderes dachte, als er meinte.

Ist es auch Reichs schicksalhaftes Leben, das Sie bewegt?
Bevor er sich der Wissenschaft widmete, führte er tatsächlich ein richtig hartes Dasein. Seine Mutter hatte sich umgebracht, auch sein Vater starb früh. So musste er das Landgut übernehmen, bis im Ersten Weltkrieg die Russen kamen. Er trat der österreichisch-ungarischen Armee bei und brachte es bis zum Offizier. Nach seiner Rückkehr studierte er und begegnete Sigmund Freud, den er zunächst sehr schätzte und mit dem er später ein Zerwürfnis hatte. Anders als Freud meinte Reich, dass es nicht gut sein kann, einen seelisch Kranken, den man eigentlich aufrichten will, auf eine Couch zu legen, weil das die Sache nur verschlimmert.

Wilhelm Reich ist inzwischen wieder etwas in Vergessenheit geraten. Wollen Sie ihn mit diesem Film wieder ins Licht der Öffentlichkeit zurückholen?
Natürlich, wenn ich zusammen mit allen anderen, die an dem Film mitgewirkt haben, einen Anstoß geben kann, ist das auf jeden Fall beabsichtigt. Man bringt die Zuschauer wieder zum Nachdenken, und zwar nicht über die Figur Reich, sondern über das, was er gewollt hat. Reich war jemand, der uns vor allem im Menschlichen weiterbringen wollte.

Reich war jemand, der gegen den Strom schwamm. Identifizieren Sie sich damit?
In meiner künstlerischen Arbeit bin ich zunächst auf der Seite derer, die nicht die Mehrheit haben. Das heißt nicht, dass ich denke, dass die Minderheit recht hat. Aber man muss die Minderheit zu Wort kommen lassen. Das hat auch Reich erkannt. Die Anfeindungen ihm gegenüber kamen nicht, weil er nicht zum Mainstream gehörte, sondern weil man ihn einfach nicht arbeiten lassen wollte. Was die einzelnen Organisationen mit ihm angestellt haben, das war die totale Schikane. Reich setzte auf Amerika große Hoffnungen, aber die wurden sehr schnell zerstört.

Das Gespräch führten Tatjana Niezel und Markus Tschiedert.

»Tage des Exils«

Zirkuskunst, Klezmer und Theater: »Tsirk Dobranotch« kommt nach Frankfurt

Ein außergewöhnliches Zusammenspiel aus Zirkuskunst, jiddischem Theater und Klezmermusik erwartet Besucher im August

 26.06.2026

Aufgegabelt

Sommerfrisch: Melone und Gurke auf Labneh

Rezepte und Leckeres

 26.06.2026

Dresden/Gohrisch

Sächsische Schostakowitsch Tage eröffnet

Das Festival widmet sich bis Sonntag jüdischen Einflüssen auf das Werk des russischen Komponisten

 26.06.2026

Bachmannpreis

250 Mal A und ein Abgang

Die Autorin Slata Roschal las aus ihrem Text »Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet«, aber diskutiert wurde über etwas ganz anderes

von Katrin Richter  26.06.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  25.06.2026

Essay

Licht und Schatten

Unser Autor hat vor 38 Jahren die Videoskulptur »Menora/Inventur« geschaffen. Warum sein Kunstwerk demnächst in Prag zu sehen ist – nicht aber in einer Ausstellung in Karlsruhe

von Michael Bielický  25.06.2026

Kulturkolumne

Jenseits der Schlagzeilen – mit Davidstern in der U8

Wie mein Anhänger und ich in der berüchtigten Berliner U-Bahn-Linie auf dem Weg zur Arbeit ignoriert wurden

von Ayala Goldmann  25.06.2026

Welttournee

Ein Jahr nach seinem Tod: Lalo Schifrins letztes Werk geht auf Welttournee

In Erfüllung von Schifrins letztem Wunsch bringt der Komponist und Pianist Rod Schejtman eine Welttournee auf den Weg. Auch im deutschsprachigen Raum soll die Sinfonie »Long Live Freedom« live erklingen

 25.06.2026

Zwickau

Ausstellung zu jüdischen Lebensgeschichten

Im Jahr 2022 ist in Zwickau eine alte Torarolle wiederentdeckt worden. Die Schrift der früheren jüdischen Ortsgemeinde bildet nun das Herzstück einer Ausstellung

 24.06.2026