Therapie

Simsalabim!

Aus dem Hut gezaubert: Magische Tricks als Therapieform Foto: Fotolia

Zauberei kann kleine Wunder bewirken – zumindest bei Kindern, die unter Lähmungen leiden. »Denn von den konventionellen therapeutischen Übungen sind sie nicht gerade begeistert«, sagt Dido Green. »Sie finden sie meist langweilig und stupide«, berichtet die Dozentin von der »Stanley Steyer School of Health Professions« an der Universität Tel Aviv von ihren Erfahrungen. »Doch während meiner früheren Arbeit am Evelina-Kinderhospital in London konnte ich beobachten, mit welcher Freude und Aufmerksamkeit die kleinen Patienten auf einen Zauberer reagierten, der zu ihrer Unterhaltung kleine Kunststücke präsentierte.«

Die Idee für eine neue Therapie war geboren. Gemeinsam mit einigen professionellen Magiern entwickelte Green eine Reihe schnell zu erlernender Übungen, die den Charakter von Zaubertricks haben. Der Spaßfaktor sollte dabei für die Kinder im Vordergrund stehen. »Mithilfe einfacher Gegenstände wie Schwammbällen, Gummibändern, Büroklammern oder Spielkarten sollen sie ihre motorischen Fähigkeiten entwickeln«, erklärt die gelernte Beschäftigungstherapeutin und Neurologin ihre Methode.

kunststücke Erste Tests haben bereits bewiesen, dass das Konzept Hand und Fuß hat. Eine Gruppe von neun Kindern studierte über einen Zeitraum von vier bis sechs Wochen jeden Tag für zehn Minuten intensiv mehrere kleine Zauberkunststücke ein. »Die Resultate waren erstaunlich. Nicht nur, weil im Unterschied zu den konventionellen Übungen die Kinder absolut begeistert bei der Sache waren, sondern weil sie auch erhebliche Fortschritte erzielten, was die Kontrolle über ihren Bewegungsapparat angeht«, erklärt Green, die ihren Doktortitel mit einer Arbeit über »Psychomotorische Entwicklung von Kindern« erworben hat.

Um fundiertere Aussagen zu machen, sind weitere Studien mit einer größeren Teilnehmerzahl geplant. »Dann soll auch ein Magnetresonanztomograf zum Einsatz kommen, um genau zu überprüfen, ob und in welchem Ausmaß durch unseren therapeutischen Ansatz ebenfalls die relevanten Bereiche des Hirns stimuliert wurden.« Denn dies ist die Voraussetzung dafür, dass die Muskeln besser gesteuert werden können. Zudem lassen sich dann konkrete Aussagen machen, wie lange eine Zaubertherapie dauern muss, um erste konkrete Resultate zu erzielen.

regeln Neu ist die Idee von Dido Green eigentlich nicht. Bereits seit vielen Jahren kommt das Erlernen von einfachen Zaubertricks in der Therapie zum Einsatz. Beispielsweise bei der Behandlung von Kindern mit Aufmerksamkeitsdefiziten, Lernproblemen und anderen Verhaltensauffälligkeiten. Denn Zauberei setzt die Einhaltung und Umsetzung von ritualisierten Regeln und klar definierten Bewegungen voraus und kann so mit dazu beitragen, die Konzentrationsfähigkeit deutlich zu steigern. Zudem werden die sensomotorischen, kognitiven und sozioemotionalen Fähigkeiten gefördert. In Deutschland gibt es Heilpädagogen wie den Heidelberger Mitarbeiter der Arbeiterwohlfahrt Manfred Huber, der sogar ein Zauberdiplom hat und auf diesen Therapieansatz schwört: »Kinder lernen spielerisch, strategische Handlungsabläufe präzise einzuhalten und sich auf die Sache zu konzentrieren«, erklärt Huber.

motorik Dennoch betritt die Tel Aviver Dozentin mit ihrem Konzept Neuland, indem sie die Zaubertherapie auch bei Kindern mit motorischen Störungen anwendet. »Natürlich kann man mit dem Zauberstab keine Lähmungen heilen«, betont Green, die übrigens vor ihrem Job als Beschäftigungstherapeutin eine Karriere als Ballerina am kanadischen Nationalballett sowie am »Sadlers Wells Royal Ballet« absolviert hatte. »Sehr wohl aber lässt sich eine größere Kontrolle über den eigenen Bewegungsapparat und damit mehr Selbstvertrauen gewinnen.« Und nicht nur körperlich behinderten Kindern kann mit ihrer Methode geholfen werden, glaubt sie. »Wenn die Magnetresonanztomografie beweist, dass das Hirn durch das Einstudieren kleiner Zaubertricks stimuliert wird, halte ich den Einsatz ebenfalls bei Schlaganfallpatienten oder autistischen Personen für möglich.«

zaubercamp Um weitere fundierte Aussagen über die Erfolgsaussichten der von Green entwickelten Therapie zu machen, ist ein mehrwöchiges Sommercamp in Großbritannien und in Israel geplant. 30 Kinder sollen dann jeden Morgen drei Stunden lang nicht nur das kleine Einmaleins der Magie einstudieren, sondern am Nachmittag das Erlernte auch vor einem Publikum vorführen. »Genau dadurch stärken sie den Glauben an die eigenen Fähigkeiten, der ihnen aufgrund ihrer körperlichen Beeinträchtigungen oftmals fehlt.«

Neben den neurologischen Aspekten geht es Green um die ganze Persönlichkeit, die auf diese Weise gefördert werden soll. Doch ein Problem hat sie: »Leider ist die Finanzierung des Sommercamps noch nicht in trockenen Tüchern. Wir hoffen auf Fördermittel vom Guy’s and St. Thomas’ Charity in England. Wenn es um die Mittelbeschaffung für solche Projekte geht, hilft leider keine Zauberei.«

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