Ausstellung

Sieben Videos und 1700 Bücher

Boaz Kaizmans Videoinstallation Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln / Marleen Scholten

»Hi, Dovale«, hört der Besucher einen Mann mit grauem Dreitagebart in einem Videotelefonat sagen. Sodann erblickt man Dov Glickman, den israelischen Schauspieler, der spätestens mit seiner Darstellung des Familienpatriarchen Shulem in der Kultserie Shtisel internationale Bekanntheit erlangte. Glickman ist vor schlichten Buchregalen zu sehen, er beugt sich zur Kamera hinunter, trägt ein weißes T-Shirt, und sein Gesicht ziert ein imposanter Schnurrbart. Auf Hebräisch, von deutschen Untertiteln begleitet, spricht er unter anderem über das Erlernen des Jiddischen für seine Rolle in Shtisel: »Jiddisch, die Sprache der Juden in Aschkenas, Deutschland.«

GESPRÄCHSPARTNER Nun kommt wieder sein Gesprächspartner ins Bild. Der 1962 in Tel Aviv geborene, seit den 90er-Jahren in Köln lebende Künstler Boaz Kaizman berichtet, dass er sich in dieser Installation zum ersten Mal selbst als Jude in Deutschland zeigt. Das beiläufig und privat wirkende Videotelefonat ist Teil von Kaizmans Videoarbeit »Grünanlage«, die das Kölner Museum Ludwig anlässlich des Festjahres »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« präsentiert. Der Besucher findet sie, etwas versteckt, in einem größeren Saal im Untergeschoss des renommierten, zwischen Dom und Rhein gelegenen Kunstmuseums. Insgesamt sieben Videoprojektionen laufen dort abwechselnd und manchmal auch parallel nebeneinander.

Immer wieder erblickt man den Künstler in alltäglichen Situationen: im Atelier etwa oder in der Küche beim Schälen eines Obststücks, beim Zubereiten einer Kürbissuppe oder in seinem Wohnzimmer. Eine andere Videoprojektion zeigt derweil ein angestrengt und konzentriert wirkendes junges Musikensemble, das eine experimentell anmutende Komposition darbietet. Dann sind Außenaufnahmen von Gebäuden und Straßenzügen in Deutschland und Israel zu sehen, wenig später erklingt unvermittelt Klezmermusik. Die Tonspur einiger Videos lässt sich unterdessen nur mit aufgesetzten Kopfhörern erfahren. Irgendwann erblickt man wieder Dov Glickman, der diesmal in einer seriösen Sprecheraufmachung einen Vortrag über Jiddisch vorliest.

FESTJAHR Boaz Kaizmans Videoinstallation hinterlässt beim Ausstellungsbesucher einen mitunter disparaten Eindruck. Den Raum teilt sie mit einer Pop-up-Bibliothek. Von den allzu alltäglich wirkenden Videoschnipseln ermüdet, hat man dort die Möglichkeit, in – das Festjahr lässt grüßen – 1700 ausgewählten Büchern aus der insgesamt etwa 95.000 Bände beherbergenden Kölner Bibliothek zur Geschichte des deutschen Judentums, »Germania Judaica«, zu stöbern.

Auf die »gesammelten zionistischen Werke« von Theodor Herzl stößt man in der für die Ausstellungsdauer eingerichteten Präsenzbibliothek ebenso wie auf die mehrbändige Encyclopaedia Judaica. Ein deutsch-russischsprachiger Sammelband mit Erinnerungen jüdischer Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion in Nordrhein-Westfalen ist ebenso zu finden wie Maxim Billers Novelle Im Kopf von Bruno Schulz und Heinrich Heines Buch der Lieder.

Ob man sich während des Museumsbesuchs auf diese Bücher konzentriert einlassen kann und möchte, während im selben Saal Boaz Kaizman und Dov Glickman über dieses und jenes plaudern, ist eine berechtigte Frage. In ihren besten Momenten wirkt Kaizmans Videoinstallation mit angeschlossener Bibliothek wie ein multimedialer Studienraum, der Brücken zwischen deutsch-europäisch-jüdisch-israelischer Geschichte und Gegenwart schlägt. Man könnte diese Schau aber auch als ein vielstimmig-disparates Konzert beschreiben, das zu sehr im Fragmentarischen und Improvisierten verharrt.

»Paul-Spiegel-Filmfestival«

Sieben gute Filme

In Düsseldorf beginnen das Festival unter dem Motto »Jüdische Welten« mit einem besonderen Gast vor jedem Film

 16.04.2026

TV-Tipp

Der Elvis der Violine

Ivri Gitlis ist ein Phantom. Er bespielte mit seiner Geige die großen Bühnen und musizierte mit den Stars der Musikbranche. Seinen Namen kennen heute aber nur die wenigsten. Eine Arte-Doku begibt sich auf Spurensuche

von Manfred Riepe  16.04.2026

Paris

Einen Picasso für 100 Euro gewonnen

Das Auktionshaus Christie’s hat ein Gemälde des berühmten Malers für einen wohltätigen Zweck verlost. Gewonnen hat ein 59-Jähriger aus Paris

von Nicole Dreyfus  16.04.2026

»Scrubs«

Die Rückkehr der Anfänger

Nach 16 Jahren Pause geht es weiter mit der amerikanischen Krankenhaus-Serie. Aber funktioniert das Konzept noch?

von Ralf Balke  16.04.2026

Kulturkolumne

Wenn der Moderator nur sich selbst hört

Armin Laschet und die Absicht, ein Interview zu geben: Über Ambiguitätstoleranz im Deutschlandfunk

von Maria Ossowski  16.04.2026

Thriller

Israelische Serie »Unconditional« startet auf Apple TV

Orna reist mit ihrer 23-jährigen Tochter Gali nach Moskau. Kurz vor einem Flug wird Gali festgenommen. Damit beginnt Ornas Kampf für Gerechtigkeit

 16.04.2026

New York

Mehrere Juden auf neuer »Time«-Liste der einflussreichsten Menschen

Zwei jüdische Regierungschefs, drei Unternehmer und neun Künstler genießen nach Ansicht der Magazin-Autoren einen hohen Einfluss

von Imanuel Marcus  16.04.2026

London/Los Angeles

Unerwarteter Ticket-Boom: Royal Ballet bedankt sich bei Timothée Chalamet

Nach kritischen Bemerkungen des Hollywood-Stars steigen Reichweite und Ticketverkäufe in der Oper- und Ballett-Welt deutlich

 15.04.2026

London

Boy George unterstützt Israel online und erntet dafür Hass-Kommentare

»Es ist gerade sehr trendy, Israel zu hassen. Aber ich habe immer gesagt: ›Mode ist für die Zerbrechlichen, Stil für die Mutigen‹«, schreibt das Multitalent. Die Antworten lassen nicht lange auf sich warten

 14.04.2026