Einsteins Nichten

»Sie haben mich auf Anhieb beeindruckt«

Friedemann Fromm Foto: PR

Herr Fromm, Sie sind für Ihre Dokumentation »Einsteins Nichten« Lorenza und Paola begegnet, den Großnichten des Nobelpreisträgers Albert Einstein, die mit zusehen mussten, wie ihre Verwandten 1944 von der Wehrmacht erschossen wurden. Wie sind Sie auf die beiden Frauen gestoßen?
Der Journalist Andreas Englisch ist auf sie aufmerksam geworden. Er war am Lago di Bolsena, unterhielt sich auf Deutsch, und hinter ihm beschwerten sich zwei ältere Frauen, dass sie deutsch hören müssen. Englisch lebt seit vielen Jahren in Italien und sprach sie daraufhin an. Schließlich saßen sie eine Stunde später bei Lorenza und Paola in der Küche, aßen Spaghetti, und dann begannen die beiden Damen, aus ihrem Leben zu erzählen.

Wie verlief Ihr erstes Treffen?

Wir haben Zutaten zum Kochen gekauft, gingen in die sehr verwinkelte Dachwohnung der beiden in Rom und haben miteinander gesprochen. Die beiden haben mich auf Anhieb beeindruckt. Beide sind vollkommen unterschiedlich mit ihrem Schicksal umgegangen, und beide sind komplett frei von Selbstmitleid. Der Umgang mit Schmerz und Verlust hat mich sehr fasziniert. Mir war bis dahin gar nicht so bewusst, wie wichtig es für Opfer ist, ihren Schmerz zu adressieren. Bei Strafverfolgung von NS‐Verbrechen gibt es immer Menschen, die sagen: »Jetzt ist es aber auch lange her.« Aber dass die Opfer wie in einem Vakuum leben, ist denen gar nicht bewusst. Lori hat erzählt, dass, als die ersten Deutschen zum Urlaub nach Italien kamen, hat sie sich vorgestellt, eine dieser Familien sei die des Kommandanten von damals. Ich fand es wichtig, diesen beiden Damen eine Plattform zu geben.

Hatten Lorenza und Paola Ihnen gegenüber Vorbehalte?
Nein, Paola hatte sogar mal einen deutschen Ehemann und spricht auch Deutsch – nur sie tut es nicht. Sie fühlen sich von Deutschland als Land im Stich gelassen – wie übrigens auch von Italien. In Rom gab es diesen berühmten Giftschrank, in dem genau diese Verbrechen der deutschen Wehrmacht an vermeintlichen Kollaborateuren, an Juden, an Partisanen abgelegt wurden. Denn auch von italienischer Seite wurde das nicht wirklich aufgeklärt. Parallel zu »Einsteins Nichten« zeigt der Bayerische Rundfunk eine Dokumentation über die Tätersuche. Es ist erschreckend, wie nachlässig diese Verbrechen von deutscher Seite verfolgt wurden.

Es gab vor Jahren den Versuch, den Mord an den Einsteins mithilfe der ZDF‐Sendung »Aktenzeichen XY … ungelöst« aufzuklären.
Das allerdings ist im Sande verlaufen, und das Verfahren wurde wieder eingestellt. Auch von amerikanischer Seite wurde der Mord nach dem Krieg nicht wirklich verfolgt, denn der Name Einstein war in der McCarthy‐Ära in Verruf geraten.

Es gibt in der Doku Szenen, die das volle Ausmaß dessen zeigen, womit Lorenza und Paola emotional zu kämpfen haben. Wie haben Sie das als Regisseur erlebt?
Als ich gehört habe, dass die beiden zum Beispiel seit 70 Jahren nicht mehr auf dem Friedhof waren, auf dem ihre Angehörigen liegen, dachte ich: Wenn die Schwestern dazu bereit sind, dorthin zu fahren, müssen wir das unbedingt festhalten. Ich wollte die Doku um diese physische Reise dorthin drehen.

Wie haben die beiden Schwestern auf diesen Vorschlag reagiert?
Sie haben ihn abgelehnt. Auf gar keinen Fall wollten sie an diesen Ort. Dann hat aber Paola, die ihr Schicksal sowieso anders verarbeitet als Lorenza, gesagt: Vielleicht ist das auch eine Chance. Sie überzeugte ihre Schwester davon, und dann gingen wir in das erste Haus in Umbrien. Die Bedingung war, dass beide natürlich jederzeit hätten aussteigen können.

Wie haben sie sich den Orten ihrer Vergangenheit angehnähert?
Der Weg hoch zum Haus war schwierig, und dann haben sich die beiden Frauen erst einmal in den Wald gelegt und geschlafen. Ich fand es unglaublich spannend, und für Paola war es im Nachhinein auch ein befreiendes Erlebnis. Lori hat sich immer gegen diese Befreiung gewehrt und gesagt: Ich will meine Wut nicht verlieren. Das sind zwei ganz unterschiedliche Ansätze.

Was war für Sie die Herausforderung bei diesem Film?
Die Schwestern nicht zu überfordern. Das Thema ist so sensibel, Lorenza und Paola sind schon sehr betagt. Ich wollte auch ihrer Geschichte gerecht werden. Schwierig war, auszuloten, was man den beiden zumuten kann. Der Film sollte den beiden Frauen folgen und ihrer Geschichte auch Raum geben. Es waren hochemotionale Prozesse.

Wie haben die sich gezeigt?

Lori zum Beispiel ist davon überzeugt, dass sie weiß, wer die Familienmitglieder ermordet hat. Es ist aber historisch belegt, dass er es nicht gewesen sein kann. Aber sie braucht für ihre Verarbeitung dieses Gesicht. Hätten wir das in dem Film gezeigt, wäre er nie veröffentlicht worden, denn dieser Mann hat noch Familie, und die hätte die Doku sofort gestoppt. Lori war dann etwas zufriedener, nachdem sie erfahren hat, dass es diese andere Dokumentation geben wird.

Glauben Sie, dass in den Fall der ermordeten Einsteins noch einmal Bewegung kommt?
Nein, denn die oder der Täter wären nicht mehr gerichtsfähig. Und der Fall ist – so beschämend es ist – auch zu unbedeutend. Es sind ja »nur« drei Opfer – mit dem anschließenden Selbstmord vier Opfer. Im historischen Gesamtgefüge ist es – und das ist beschämend – zu unwichtig.

Haben Sie noch Kontakt zu den beiden Schwestern?
Ja, sie leben in Rom, haben ihren Sommersitz am Lago di Bolsena. Für Paola war das Filmen eine befreiende Erfahrung. Sie sagte immer, es reicht nicht, zu überleben. Für Lori war das Ganze sehr aufwühlend. Beide sind aber sehr glücklich, dass es diese Doku gibt.

Mit dem Regisseur sprach Katrin Richter.

Die Dokumentation ist ab 24. August in den Kinos zu sehen.
www.einsteinsnichten-derfilm.de

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