Fernsehen

Sein Leben – ein Film

Marcel Reich-Ranicki (1920–2013) Foto: Ullstein Bild

Hätte er auf seinen Großvater gehört, wäre der 1920 in der polnischen Kleinstadt Wloclawek geborene und 2013 verstorbene Marcel Reich-Ranicki wie viele seiner Vorfahren Rabbiner geworden. »Ich sag dir ein Geheimnis: Als Rabbi kannst du faulenzen und hast viel Zeit zum Lesen.«

Wie man weiß, hat Reich-Ranicki den Rat nicht angenommen, sondern wurde Deutschlands bekanntester Literaturkritiker. Wie es dazu kam und vieles mehr hat er 1999 in seiner Autobiografie Mein Leben aufgeschrieben. Das Buch wurde mit mehr als 1,2 Millionen verkauften Exemplaren ein Bestseller.

Der in Israel geborene Dror Zahavi verfilmte im Jahr 2009 Reich-Ranickis Lebensgeschichte verfilmt. Der 90-Minuten-Streifen wurde erneut ausgestrahlt und ist noch bis zum 25. April in der ARD-Mediathek abrufbar.

Generalkonsul Der Film setzt nach Krieg und Schoa ein. 1949 wird Marcel Reich-Ranicki, polnischer Generalkonsul in London, nach Warschau zitiert. Man wirft ihm vor, mit »zersetzenden Elementen« kollaboriert zu haben. Einem Mitarbeiter des Geheimdienstes, der ihn stundenlang verhört, erzählt er seine Geschichte: 1928, er ist acht Jahre alt, schicken ihn die Eltern zu begüterten Verwandten nach Berlin. Der Empfang ist frostig, in der Schule wird der Junge wegen seines polnischen Akzents gehänselt.

Die Mutter schärft ihm ein »Du musst immer der Beste sein« – die einzige Möglichkeit, sich als Außenseiter zu behaupten. Der Ratschlag fruchtet. Wenige Jahre später kennt der polnische Gymnasiast die deutsche Literatur besser als seine Mitschüler. Er möchte in Berlin bleiben, studieren und später Literaturkritiker werden. Doch weil er Jude ist, bekommt er keinen Studienplatz. Im Herbst 1938 wird er nach Polen abgeschoben und kehrt zurück in seine Familie.

Immer wieder wird die Erzählung durch dramaturgisch gekonnt eingeflochtene Verhörszenen unterbrochen. Ebenso wie Geheimdienstoffizier Krzysztof Kawalerowicz (Sylvester Groth) möchte auch der Zuschauer wissen, wie es weiterging im Leben des Marcel Reich-Ranicki.

Matthias Schweighöfer, der den erwachsenen Reich-Ranicki spielt, vom 18-jährigen Gymnasiasten bis zum 38-jährigen Konsul im Verhör, besticht durch Souveränität und Reife. Es ist sein Verdienst, dass in dem Film aus dem gefürchteten Kritiker ein Sympathieträger geworden ist.

Schoa Im Zentrum des Films stehen die Jahre der Schoa. 1939 Kriegsbeginn, Pogrome und Plünderungen, 1940 Zwangsumsiedlung ins Warschauer Ghetto. Marcel Reich arbeitet im Übersetzungsbüro des Judenrates. Im Juli 1942 wird das Ghetto geräumt, die ersten Deportationen beginnen. Weil Mitarbeiter des Judenrats und ihre Familien zunächst verschont werden, heiraten Marcel und Tosia (berührend gespielt von Katharina Schüttler) in aller Eile – eine der ergreifendsten Szenen des Films.

Die große Liebe zwischen Marcel Reich-Ranicki und seiner Frau Teofila durchzieht den Film als roter Faden. Die beiden wurden 1940 ein Paar und blieben es bis zu Tosias Tod im April 2011.

In der ARD-Mediathek findet sich der Film hier.

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