Israel

Sehnsucht nach Zion

Durch Corona hat sich der Platz vor der Jerusalemer Kotel stark verändert. Wie anderswo gilt auch hier: Abstand halten! Foto: Flash 90

Lechzend klebe mir die Zunge
An dem Gaumen, und es welke
Meine rechte Hand, vergäß’ ich
Jemals dein, Jerusalem –
Wort und Weise, unaufhörlich
Schwirren sie mir heut’ im Kopfe.
(Heinrich Heine)

In Zeiten von easyJet und EL ALs Up war es so einfach wie günstig, wann immer gewünscht, Berlin am Morgen zu verlassen und am frühen Nachmittag in Jerusalem zu stehen. Mit einem frischen Rugelach in der Hand das goldene Licht auf den alten Steinen zu bewundern, sich für den nächsten Tag am Gordon Beach in Tel Aviv zu verabreden und sich gleichzeitig seelisch auf das Ausmaß des abendlichen Familienessens vorzubereiten. Feiertage und Familienfeste waren nur viereinhalb Stunden entfernt. Das ist gerade mal eine Zugfahrt von Berlin nach München. Seufzen. Vorbei die Zeit.

Nun sitzt man an der Spree und spürt in den vom Nachrichtendauerfeuer ermüdeten Knochen, dass die Möglichkeit des Hafuch Gadol den Berliner Caffè Latte tatsächlich erträglicher gemacht hat. Nur hat die Macht des Wissens um die Möglichkeit niemanden so wirklich interessiert. »Nächstes Jahr in Jerusalem« war doch ein Kinderspiel. Vor Covid-19.

Feiertage und Familie waren nur viereinhalb Stunden entfernt. Diese Zeit ist erst mal vorbei.

Als wir am 12. Februar von Tel Aviv nach Berlin zurückgeflogen sind, hat meine Schwiegermutter uns ein Zehnerpack Einweg-Masken und einen Batzen Desinfektionstücher in die bereits vollen Arme gedrückt. Wir haben gelächelt und sie natürlich nicht benutzt. Da drohte etwas, aber noch war es weit weg. Die Nachrichten waren doch immer schrill. Die eine Familie, die sich bereits am Gate professionelle Masken über Mund und Nase zog, entledigte sich derer noch vor dem Abheben. Zu unbequem und zu belustigt wohl die Blicke der Mitflieger, dachte ich und desinfizierte heimlich unsere Klapptische und Armlehnen.

abstand Am 21. Februar gab es den ersten Covid-19-Fall in Israel. Ab dem 9. März musste jeder, der nach Israel einreiste, 14 Tage in bidud, Quarantäne. Mein Schwager kam aus den USA zurück und durfte Frau und Kinder nicht umarmen. Nur auf Abstand konnten Sohn und Tochter mit dem Vater reden. Kurz war es ein interessantes Spiel, dann haben sie herzzerreißend geweint. Und wir mit. Das Land schloss die Grenzen, und »Zoom« wurde zur emotionalen Autobahn. Mit heftigen Staus. Gespräche voller Sorge und Hilflosigkeit. Doch schien die Situation irgendwie trotz Chaos unter Kontrolle. Man war Ausnahmezustände ja gewöhnt.

Aber das Kein-Kommen-und-kein-Gehen hat eine neue Qualität mit sich gebracht. Der sichere Hafen ist unerreichbar. Schluss mit der Selbstverständlichkeit. Im April gab es ein bisher unbekanntes Innehalten am Ende des Seders. »Nächstes Jahr in Jerusalem« klang anders als sonst. Irgendwie näher dran am Original. Und was wird eigentlich mit der Brit Mila unseres wunderbaren neuen Neffen?

Die fand im August ohne uns statt, dafür mit Masken, Abstand und deutlich weniger Gästen. Nicht-Staatsangehörige dürfen nur noch mit Sondererlaubnis ins Land, und die ist nicht leicht zu bekommen. Eine Französin, die zur lange geplanten Hochzeit ihres Sohnes einreisen wollte, sagte der »Jewish Telegraphic Agency«, dass sie nach großer Anstrengung zwar einen Termin zum Vorsprechen in der Botschaft bekommen habe – aber erst nach der Hochzeit. »Es fühlt sich an, als würde ich aus Ägypten ausziehen wollen.«

novum Das erste Mal seit Gründung des Staates Israel können Juden ohne israelischen Pass nicht nach Israel. Das sei ein »existenzielles Problem«, zitiert die israelische Zeitung »Haaretz« Bernard Abouaf, den Chef des französischen Radiosenders Radio Shalom. »Es ist noch nie vorher passiert, dass Juden, die Macht im Land haben, Juden, die diese Macht nicht haben, sagen: ›Ihr könnt nicht kommen, wir müssen uns vor euch schützen.‹«

Tatsächlich haben europäische Länder in der Reaktion auf die Covid-19-Krise bald nachgezogen, und Israels striktes Vorgehen war kein Einzelfall mehr. Immerhin blieb uns in Deutschland der harte Lockdown bisher erspart. Die Familie in Israel durfte das Haus kaum verlassen. Das sorgt für mehr Verständnis, was den Trennungsschmerz von Familie und Land allerdings nur bedingt lindert.

Israel ist für uns seit Monaten unerreichbar. Wann hat es das zuletzt gegeben?

Während die israelische Einwanderungsbehörde Mitte Juli bekannt gab, dass die Einreise von »Kernfamilienmitgliedern« zu Geburten und Hochzeiten vereinfacht werden solle, ist das Land nun fest im Griff der zweiten Welle. In Deutschland gibt es pro Tag rund 1000 Corona-Neuinfektionen, in Israel mittlerweile mehr als 3000. Und Deutschland hat fast zehnmal so viele Einwohner wie Israel. »Nächstes Jahr in Jerusalem« hat mittlerweile einen verzweifelten Klang, weil wir einfach nicht wissen, wie es weitergehen wird.

Der berühmte Halbsatz ist seit dem Mittelalter in der Haggada zu finden. Michele Alperin vom Princeton Jewish Theological Seminary sieht in Jerusalem mehr spirituelle Erlösung als den tatsächlichen Ort. »Jedes Jahr Pessach trinken Juden vier Glas Wein und füllen ein fünftes für Elijahu«, zitiert sie Rabbi David Hartman. »Das Glas wird gefüllt, aber nicht getrunken. Doch jedes Jahr wird das Glas der Hoffnung gefüllt. Pessach ist die Nacht für sorglose Träume, für Visionen, was Menschen und Gesellschaften sein können, was Geschichte werden kann. Das ist die Bedeutung von LaSchana Haba’a Biruschalajim.«

Also, füllen wir unser Glas der Hoffnung, bis wir uns endlich wiedersehen.

Yaara Keydar

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