Gedenkstätte

Schwerpunkt Bildung

Vom freien Mitarbeiter zum Chef: Hans-Christian Jasch Foto: Uwe Steinert

Hans-Christian Jasch kehrt als Leiter der Gedenkstätte »Haus der Wannsee-Konferenz« an einen Ort zurück, an dem er bereits gewirkt hat. Der Jurist und Rechtshistoriker war von der Gründung 1992 bis 2010 freier Mitarbeiter der Einrichtung. Nun wird er ab Mai als Nachfolger von Norbert Kampe die Arbeit der Gedenkstätte führen.

In der Villa mit Seeblick im Berliner Bezirk Zehlendorf fand am 20. Januar 1942 die berüchtigte »Wannsee-Konferenz« statt. Die Teilnehmer beschlossen nicht, wie häufig falsch angenommen wird, die »Endlösung der Judenfrage«. SS- und NSDAP-Funktionäre stimmten vielmehr die Arbeitsteilung und Zusammenarbeit ihrer jeweiligen Behörden bei der bereits beschlossenen Vernichtung ab. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Haus zunächst keine Gedenkstätte. Zuerst befand sich für wenige Jahre das August-Bebel-Institut der SPD in dem Gebäude, die längste Zeit aber ein Schullandheim für Neuköllner Schüler.

Die Bemühungen des Auschwitz-Überlebenden Joseph Wulf, in der Villa eine Forschungsstelle über den Nationalsozialismus einzurichten, blieben in den 60er-Jahren zunächst erfolglos. Erst 1986 unternahm die Berliner Verwaltung konkrete Schritte, um die Einrichtung der Gedenkstätte zu ermöglichen – bis die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz schließlich offiziell am 19. Januar 1992, ein halbes Jahrhundert nach der Konferenz, eröffnet werden konnte.

Pädagogik Hans-Christian Jasch hat sich in seinem akademischen Schaffen intensiv mit der Wannsee-Konferenz beschäftigt. Das Thema hatte den 1973 geborenen Juristen aber bereits früher bewegt. Als junger Freiwilliger bei der Aktion Sühnezeichen in Brüssel arbeitete er dem Vorsitzenden des Auschwitz-Komitees zu.

Seit der Eröffnung der Gedenkstätte begleitete Jasch als freier Mitarbeiter die pädagogische Arbeit, in der Besuchern auch nahegebracht wird, wie ihre jeweilige Berufsgruppe in die Vernichtungsmaschinerie der Nazis integriert war.

Jasch hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit den Mitteln der Erwachsenenbildung und Arbeitspädagogik bei heutigen Entscheidungs- und Verantwortungsträgern ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie leicht sich die Eliten im Dritten Reich zu Handlangern des Vernichtungswerks machen ließen. Besonders interessiert ihn dabei, sagt er, wie »besonders die juristisch gebildeten Eliten des Dritten Reichs zur Vernichtung beitrugen«.

Dissertation Von der kritischen Betrachtung nahm Jasch seinen eigenen Berufsstand der Juristen nie aus. In seiner Dissertation beleuchtete er den Nazi-Funktionär Wilhelm Stuckart, der als Vertreter des Reichsinnenministeriums an der Wannsee-Konferenz teilgenommen hat. Auf der Dissertation aufbauend veröffentlichte Jasch auch das Buch Staatssekretär Wilhelm Stuckart und die Judenpolitik. Der Mythos von der sauberen Verwaltung (Oldenbourg-Verlag, 2012).

In seinen Arbeiten zeichnet Jasch nach, wie Stuckart in Zusammenarbeit mit anderen NS-Funktionären »die politische Entrechtung der Juden und deren systematische Trennung von nichtjüdischen Deutschen durch strafbewehrte Kontaktverbote wie das Eheverbot und das Verbot des außerehelichen Geschlechtsverkehrs zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen« entschieden vorantrieb.

Stuckart, dem Jasch einen großen Anteil seiner akademischen Arbeit gewidmet hat, galt »neben seinem schwachen Minister Wilhelm Frick und dem Seniorstaatssekretär Hans Pfundtner zu jener Zeit längst als der eigentliche Innenminister«, wie der Rechtshistoriker erklärt.

Eliten Jaschs Beiträge, in denen er die Verstrickung deutscher Verwaltungsorgane in den Vernichtungsapparat kritisch aufarbeitet, erschienen auch während seiner Tätigkeit als Regierungsdirektor im Bundesinnenministerium. Dort hat inzwischen ein Aufarbeitungsprozess eingesetzt.

Als Leiter der Gedenkstätte will Jasch die Bildungsarbeit fortführen. In den berufsspezifischen Seminaren, die schon sein Schwerpunkt als freier Mitarbeiter waren, will er weiterhin die Frage stellen, »welche Strukturen, welche Denk-, Sprech- und Verhaltensweisen« dazu beitragen, »dass Menschen die Gleichberechtigung verweigert wird und sie als Objekte behandelt werden«. Aus der Geschichte der Eliten im Dritten Reich will er den Bogen zu heutigen Eliten schlagen und sie befähigen, »sich solchen Tendenzen entgegenzustellen«.

Die Bedeutung dieser Arbeit kann Hans-Christian Jasch direkt aus seinen Studien begründen. Wilhelm Stuckart wurde in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen wegen seiner Beteiligung an den Verbrechen der Nazis angeklagt und verurteilt. Die Haftstrafe wurde allerdings mit der Internierung verrechnet. Er wurde 1949 entlassen und im anschließenden Entnazifizierungsverfahren als »Mitläufer« eingestuft. Er bekam sogar noch eine Anstellung als Geschäftsführer des Instituts zur Förderung der niedersächsischen Wirtschaft.

Dass Stuckart 1953 schließlich als freier Mann starb, ohne wirklich für seine Beteiligung an der Rassegesetzgebung gebüßt zu haben, nennt Jasch »eine wesentliche Motivation« für sein Engagement.

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