Rausch und Religion

»Schon die Tora kennt Cannabis«

In alter Tradition? Auch der Vater des Chassidismus, der Baal Schem Tov, war angeblich Kiffer. Foto: Flash 90, Montage

Herr Needleman, Sie haben unter dem Pseudonym »Yosef Leib ibn Mordachaya« ein Buch namens »Cannabis Chassidis« geschrieben, in dem es, wie der Titel sagt, um Marihuana in der jüdischen Tradition geht. Ist Kiffen koscher?
Ja, natürlich. Aber die eigentliche Frage, lautet: Wenn ich schon high werden will, gibt es dann nicht in unserer Tradition Rat und Weisung, wie ich es am besten tue?

Wie kamen Sie auf dieses Thema?
Ich bin in Brooklyn aufgewachsen und modern orthodox erzogen worden. Nach dem Highschool-Abschluss ging ich nach Israel, um herauszufinden, welche Traditionen es im Judentum gibt, die mit Fragen des Wohlbefindens zu tun haben. Mit Alkoholtrinken im religiösen Kontext war ich bereits vertraut; der jüdische Zugang zu Cannabis war eine offene Frage für mich. Aber, so meine Überlegung, wenn die Tora uns Orientierung geben soll, um alles, was gut ist, zu genießen, muss sich dort auch dazu etwas finden lassen.

Und was haben Sie entdeckt?
Es gibt in unseren Schriften eine Vielzahl von Verweisen auf berauschende Kräuter. Schon in der Tora. In Exodus 30:23 ist die Rede von Salböl. Dabei wird eine Zutat »knei bosem« erwähnt, die laut Raschi sehr wichtig ist. Der Rambam, also Moses Maimonides, schreibt, diese Zutat sei »weltweit geschätzt, in jedem Land und jedem Reich«. Im 20. Jahrhundert hat Rabbiner Arye Kaplan eine Interpretation zitiert, wonach es sich bei dieser Zutat um Cannabis handeln müsse, das zu Maimonides’ Zeiten in Ländern wie Marokko und Jemen, in denen viele Juden lebten, traditionell verbreitet war.

Gibt es weitere Belege in der Tora für die Nutzung psychoaktiver Substanzen?
Manche Wissenschaftler vertreten aktuell eine interessante Theorie über die Mazze, die die Israeliten während der Wüstenwanderung zu sich nahmen. Diese Mazze entstand aus rohem, ungesäuertem Teig, der langsam in der Sonne fermentierte. Bei diesem chemischen Prozess entstanden, so die Theorie, psychoaktive Substanzen, die kollektive Halluzinationen des ganzen Volkes Israel verursachten. Im zweiten Buch Mose lesen wir, dass die Juden, als sie die Tora erhielten, Stimmen sahen und Blitze hörten. Halluzinatorisch scheinen auch Phänomene zu sein wie Visionen ihrer Vorfahren, die die Israeliten hatten, oder dass der Himmel über den Ägyptern einstürzte. Irgendwann wurden die Halluzinationen zu übermächtig und die Priester mussten einschreiten.

Sie schreiben auch, dass chassidische Rebben der Neuzeit mit Cannabis experimentiert haben.
Ein Indiz dafür ist, dass der Wilnaer Gaon in seinem Cherem, also dem Bann gegen die Chassidim, diesen vorwarf, dass sie sangen, tanzten und rauchten. Rabbi Israel Friedman von Ruschin pflegte Pfeife zu rauchen und vor Schabbat den ganzen Raum mit Rauch zu füllen. Dann öffnete er ein Fenster und sprach: »Die Wolken der Woche verziehen sich, die Wolken des Schabbes kommen herein.« Und Rabbi Levi Jitzchak von Berditschew rauchte stets Pfeife, bevor er betete.

Vielleicht war nur Tabak in den Pfeifen?
Ich denke nicht. Vom Vater des Chassidismus, Rabbi Israel ben Elieser, besser bekannt als der Baal Schem Tov, weiß man, dass er eine Wasserpfeife rauchte, um »alijat neschama« zu erleben, den Aufstieg der Seele. Sein Biograf, Rabbi Josef von Polonoje, schrieb, er würde seinen ganzen Anteil an dieser und der kommenden Welt dafür geben, um nur ein einziges Mal zu schmecken, was der Baal Schem Tov in seiner Pfeife rauchte. Im Übrigen war ein Baal Schem eine Art Arzt, der wilde Gräser und Rinden sammelte, um daraus Medizin zu machen. Auch das spricht für meine These.

Gehören Sie also zu denen, die den Drogenkonsum als spirituelles Erlebnis verstehen?
Nein, mir gefällt nicht, wenn Leute so was behaupten. Drogen an sich schaffen kein spirituelles Erlebnis. Aber die Gründe, warum man sie zu sich nimmt, können spiritueller Natur sein. Und Drogen können unterstützend wirken. Marihuana etwa hat den positiven Effekt, den Kopf von Problemen frei zu machen, die einen gerade beschäftigen, sodass man sich auf das Wesentliche konzentriert; das kann beim Beten sehr nützlich sein, vor allem, wenn man nicht in Eile ist.

Wenn Cannabis tatsächlich, wie Sie sagen, ein Bestandteil unserer Tradition ist, wie erklären Sie sich dann, dass sämtliche religiösen Autoritäten unserer Tage Marihuana strikt ablehnen?
Erstens ist das Judentum definiert durch eine Reihe von Verboten, die uns vor schlechten Einflüssen bewahren sollen. Das Wissen um die wohltuende Wirkung von Cannabis ist leider in unserer Tradition verloren gegangen. Zweitens galt und gilt in der Diaspora, dass wir als Minderheit uns nie gegen die Gesetze des Landes stellen sollen. Cannabis ist in der westlichen Gesellschaft ein offizielles Tabu.

Gleichzeitig aber Teil der Alltagskultur.
Auch deshalb habe ich das Buch geschrieben. Ich will gerade jungen Leuten Rat im Umgang mit Drogen geben, die sie sowieso konsumieren. Wenn sie schon kiffen oder andere Substanzen zu sich nehmen, sollen sie es auf nützliche und verantwortungsvolle Weise tun.

Zum Beispiel?
Mein Rat lautet: Wenn man kifft, sollte man am besten allein sein und etwas zu tun haben, auf das man sich konzentrieren kann. Oder aber man macht es in einer kleinen Gruppe von Menschen, die man wirklich mag. Dann gehört dazu, dass man den Joint miteinander teilt. Sinnvoller Umgang mit Rauschmitteln schließt für mich aber noch etwas anderes mit ein, nämlich, eventuell auch zu einem Punkt zu gelangen, ab dem man bestimmte Drogen nicht mehr nimmt.

Ihr Buch ist also kein Plädoyer für den Cannabiskonsum?
Nein. Kiffen kann Menschen von ihren wahren Bedürfnissen und Verantwortlichkeiten entfremden. Das ist die Gefahr dabei. Anders als Alkohol verursacht Cannabis auch keine innere seelische Wärme. Aber: Es ist von allen Drogen die am wenigsten gefährliche. Und diejenigen, die damit verantwortungsvoll umgehen, wissen um die Kraft der Droge und ihre eigenen Grenzen.

Das Gespräch führte Chavie Lieber.

Yosef Leib ibn Mordachaya: »Cannabis Chassidis. The Ancient and Emerging Torah of Drugs«. Autonomedia Press, Williamsburg 2012, 256 S., 17,95 US-$

New York

Preis für Sacha Baron Cohen

Die Anti-Defamation League zeichnet den Schauspieler für sein unorthodoxes Eintreten gegen Vorurteile aus

 19.11.2019

Würdigung

Toten Hosen mit Julius-Hirsch-Preis geehrt

Die Punkband ist für ihr Engagement gegen Judenhass ausgezeichnet worden

 18.11.2019

Dana von Suffrin

Beobachterin aus Leidenschaft

Der Erfolg ihres Romans »Otto« hat sie überrascht. Im Zentrum steht ein jüdischer Familienpatriarch – der erstaunlich viele Züge ihres eigenen Vaters trägt

von Katrin Diehl  18.11.2019

Heidelberg

Start für »Jüdische Soziale Arbeit«

Studium an der Hochschule für Jüdische Studien vermittelt theoretische Grundlagen und Praxiserfahrung

 18.11.2019

Frankfurt/Main

Erinnern ohne Zeitzeugen

Eine internationale Konferenz befasst sich mit der Zukunft der Gedenkkultur und gesellschaftlicher Verantwortung

von Ingo Way  18.11.2019

Reise

Lost in Ramallah

Wie leben eigentlich die Menschen im Westjordanland? Unser Autor fuhr mit drei Freunden hin

von Joachim Lottmann  17.11.2019