Theater

Schma für Shylock

Kreditklemme: Antonio (Michael Goldberg,) ist in Shylocks Gewalt. Foto: Birgit Hupfeld

Wenn Shakespeares Jude Shylock nach über 400 Jahren seines Bühnenlebens dieser Tage auf eine deutsche Bühne tritt, so tut er das an einem besonderen Ort: In der Fassade des Schauspiels Frankfurt spiegelt sich die Europäische Zentralbank. Zieht man eine Linie vom Euro‐Zeichen vor der Bank über das Theater hinaus, landet man beim Jüdischen Museum der Stadt und hat damit in wenigen Metern jene Punkte verbunden, um die auch Shakespeares Stück kreist: Geld und Religion.

Am 14. Januar hatte der Kaufmann von Venedig in der Inszenierung Barrie Koskys Première in jenem Haus, in dem außerdem vor einem Vierteljahrhundert Zuschauer, viele davon Mitglieder der Jüdischen Gemeinde, das Auftreten des »reichen Juden« in Fassbinders Stück Der Müll, die Stadt und der Tod verhinderten.

kontinuitäten Der aus Australien stammende Barrie Kosky hat sich in Deutschland bisher vor allem im Musiktheater einen Namen gemacht. 2012/2013 übernimmt er die Intendanz der Komischen Oper Berlin. Sein Theaterstil wurde einmal als »kraftvoll und drastisch, saftig und sexy, wahr und witzig« beschrieben.

Kosky selbst will, dass seine Zuschauer einen »Schlag in die Eingeweide« empfinden. Beim Kaufmann saß der Schlag perfekt. Die Frankfurter Inszenierung führt eine Auseinandersetzung fort, die Kosky bereits am Anfang seiner Karriere begann. Als Gründer des Gilgul‐Theaters in Sydney beschäftigte er sich in den 90er‐Jahren mit jüdischen Themen.

Als Leiter des Wiener Schauspielhauses kreierte er von 2001 bis 2005 zusammen mit Susanna Goldberg die Jewtopia‐Trilogie, die an diese Arbeiten anknüpfte. Dennoch will Kosky nicht als »jüdischer Regisseur« verstanden werden. Auf den Postern seiner Dybbuk‐Produktion in Sydney stand: »This is not Ghetto Theatre.«

identitäten Koskys Inszenierungen kreisen häufig um Identität und ihre Konstruktion. Diese Frage stellt er auch mit der Figur Shylocks. Shakespeare hält für seinen Pfandleiher am Ende die Zwangstaufe bereit: Der Jude muss Christ werden. Für das Theater müsste man umgekehrt jedoch fragen: Kann Shylock jemals wirklich Jude werden?

Als Figur auf der Bühne ist er Fantasie eines christlichen Autors, als Figur im Stück Produkt der venezianischen Gesellschaft. Immer wieder haben deshalb jüdische Theatermacher versucht, einen eigenen Blick auf diese aus christlichem Geiste geborene Figur zu werfen: Berühmtestes Beispiel ist Maurice Schwartz, der sich 1947 am Yiddish Art Theatre in New York an einer Neudeutung des venezianischen Ghettobewohners versuchte.

Barrie Kosky ist schon in seinem Hannoveraner Ring des Nibelungen ans Eingemachte gegangen und hat Wagners antisemitische Karikaturen Alberich und Mime in vielseitige, gebrochene Charaktere verwandelt. Ähnlich zielstrebig geht er auch beim Kaufmann vor: Das Liebesgetändel in Belmont etwa streicht er komplett. Er konzentriert sich stattdessen ganz auf die Geschehnisse in Venedig und gewinnt da‐durch eine enorme Konzentration, Dichte und Kraft rund um das Paar Shylock und Antonio, von Wolfgang Michael und Michael Goldberg mit beeindruckender Intensität verkörpert.

luther Diese Fokussierung rückt den religiös motivierten Judenhass noch stärker in den Mittelpunkt als sonst. Sogar dessen Ablagerungen in der Sprache zeigt die Textfassung Susanna Goldbergs auf Basis der alten Schlegel‐Übersetzung wunderbar.

Doch Kosky und Goldberg gehen noch weiter: Sie montieren antisemitische Texte Martin Luthers zu einem langen Monolog, der sich bis zum Pogromaufruf steigert. Peter Schröder spricht diese Texte als hinzuerfundener Martin Luther und verflucht die »jüdischen Wucherer«: Eine Linie, die sich bis zu Teilen der Occupy‐Bewegung vor den Toren des Theaters zieht.

Koskys Inszenierung umkreist von hier an mit unglaublichem Furor vor allem ein Thema: das der Identität. Was ist das jüdische Ich, und wer hat die Macht, es zu definieren? Der israelische Autor Motti Lerner meinte einmal, Identität sei das Ergebnis einer freien Wahl. Man könne wählen, Jude zu sein oder nicht. Kosky ist da skeptischer.

Sein Kaufmann beginnt mit der Beschneidung Shylocks zum Schma Jisrael und endet als Bluttaufe: Shylock muss den mit Gott geschlossenen Bund rückgängig machen, indem er sich seine Vorhaut wieder annäht. Schon die Wiener Jewtopia‐Trilogie stand unter dem Motto »No Escape«: Der eigenen Identität entkommt man nicht. Und wenn, dann nur mit Gewalt. So bekommt auch die Gerichtsszene am Ende des Stücks etwas zutiefst Existenzielles: Als Spiegelung von Kafkas Vor dem Gesetz, das den Abend eröffnet, wird sie zum unerbittlichen Kampf um die jüdische Identität.

wagner Und doch bleibt mehr als Resignation. Ein früherer Abend Koskys hieß Dafke!! und dieses »Trotzdem« zeigt er auch beim Kaufmann. Die wunderbare Barbara Spitz singt Wagner auf Jiddisch, vom »Contrast Quartet« als Jazz‐Standards neu arrangiert. Man kann die Aufführung als Versuch einer Umkehrung begreifen: Wenn Shylock schon Christ werden muss, dann soll wenigstens der antisemitische deutsche Meister auf Jiddisch erklingen. Man mag der eigenen Identität nicht entkommen, aber man kann sie selbstbewusst in die Bühnen‐Arena werfen.

William Shakespeare: Der Kaufmann von Venedig. Regie Barrie Kosky.

Schauspiel Frankfurt, Aufführungstermine: 19. Januar, 1., 11. und 12. Februar.

www.schauspielfrankfurt.de

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