Operette

Schaumbad der Illusion

Das Ensemble kann sein komödiantisches Vermögen nach Herzenslust ausspielen: Szene aus der Operette Foto: Jochen Quast

Es trügt der Schein, der viel zu schön ist, um wahr zu sein. Nur hinter der Fassade des Grand-Hotels trägt der Glanz der Monarchie. Infantin Isabella residiert im Exil; ein paar Getreue umgarnen sie, sind aus auf die Millionen, die sie nicht hat. Denn ihre Perlen sind ein Fake – wie so vieles andere auch. Die Regentin lebt ihre Träume, taucht ab ins Schaumbad der Illusion – und trifft eben dort auf etwas Echtes, Aufrichtiges, Wunderbares: die Liebe.

Albert, der ungelenke Zimmerkellner, hat sich in sie verguckt. Zuckersüß ist der Mokka, den er ihr serviert, und sie versteht … Unmöglich bleibt die Liaison. Hier die Hoheit, dort der Diener, das kann, das darf nicht sein, selbst dann nicht, als sich der Page als Sohn des Hotelpräsidenten entpuppt.

Und so hat das Märchen im Grand-Hotel erst einmal kein Happy End. Käme da nicht das US-Girl Marylou ins Spiel. Die Tochter des angezählten Hollywood-Produzenten Makintosh hat eingecheckt, um aus der Geschichte, die hier das Leben schreibt, einen Stoff zu machen, der für einen Kinokassenschlager taugt.

Filmreife Story mit glücklichem Ausgang

Ihr Plan geht auf. Die filmreife Story wird zum preiswürdigen Plot mit glücklichem Ausgang: Albert und Isabella finden sich. Ende gut, alles gut.

Gar nicht gut war die Lage für jene, die diese heitere Scharade erdacht haben. Als der 1892 im Königreich Ungarn geborene Komponist Paul Abraham und seine Texter Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda am 29. März 1934 die Lustspieloperette Märchen im Grand-Hotel im Theater an der Wien auf die Bühne bringen, sind die Nazis in Deutschland längst dabei, alles Jüdische zu unterdrücken – und damit auch die Musik dieses erfolgreichen Trios.

Paul Abraham, gerade noch gefeierter Unterhaltungskönig (Die Blume von Hawaii), ist aus Berlin vertrieben, seine Musik verboten. In der österreichischen Hauptstadt kann er nur bedingt an seine Erfolge anknüpfen. Sein Glück ist dahin. Abraham flieht aus Europa, geht nach New York, wo sich die Hoffnung, mit der Musik Fuß fassen zu können, nicht erfüllt. Der Komponist erkrankt psychisch schwer, später kommt eine Krebserkrankung dazu. Er stirbt 1960, vier Jahre nach seiner Rückkehr nach Deutschland.

Auch Librettist Grünwald (1884–1951) flüchtet nach New York, auch ihm bleibt dort das berufliche Fortkommen versagt. Löhner-Beda, 1883 in Böhmen geboren, überlebt die Schoa nicht: Gleich nach dem »Anschluss« Österreichs deportieren ihn die Nazis; 1942 wird er in Auschwitz ermordet.

Konzertreihe »Kosmos jüdische Musik« der Deutschen Oper am Rhein

Das Schaffen Paul Abrahams würdigt aktuell die Deutsche Oper am Rhein. In der Konzertreihe »Kosmos Jüdische Musik« gab es jetzt im Theater Duisburg eine begeisternde Premiere von Märchen im Grand-Hotel. Regisseurin Michaela Dicu hat im Verbund mit dem musikalischen Leiter Stefan Klingele ein heiter-unterhaltsames Stück in Szene gesetzt, farbenprächtig schillernd auf gleich mehreren Ebenen.

Auf der Bühne wandelt sich die drehbare Kulisse im Fortgang der Geschichte wieder und wieder, was das Hintergründige im Vordergründigen eindrucksvoll unterstreicht. Die Stufen zur Hotellobby taugen als Showtreppe für die Infantin, der Balkon im Hinterhof des Hauses erinnert an Romeo und Julia – beides starke Symbole für das »Gefälle« der Figuren zueinander, aber mitunter auch im jeweils eigenen Charakter. Ganz hohe Entertainment-Qualitäten haben die Tänzerinnen und Tänzer. Sie steppen sich durchs Kontor der Filmfirma, feiern ein wüstes Fest beim »Drink in der Jonny-Bar« und überraschen als Wasserballett im Whirlpool beim Tête-à-Tête zweier gealterter Freunde.

In diesem Setting kann das solistische Ensemble sein komödiantisches Vermögen nach Herzenslust ausspielen. Wie Sylvia Hamvasi als Infantin (großartig sowieso, aber besonders mit ihrer Arie vom »Märchen in traumschöner Nacht«), wie Jake Muffet als tapsig-jugendlicher Liebhaber (seine Melodien sind eingängig), Valerie Eickhoff als charmant-schelmische Marylou oder Cornel Frey als Isabellas ungetreuer Verlobter.

Unter die Haut geht das dramatische Stück über enttäuschte Hoffnungen, bei dem Gräfin de Ramirez (Carmen Fuggiss) ihre kühle Maske fallen lässt. Dieser Moment der Authentizität rührt an und zeigt beispielhaft, welchen Gehalt diese leichte Muse hat. Ein Quartett kommentiert und unterstreicht das Geschehen im Stile der Comedian Harmonists. Kurz: Es ist das große Ganze, das genug Zeug dazu hat, die Geschichte vom Märchen im Grand-Hotel in Duisburg fortzuschreiben. Mit einem happy Happy End!

Weitere Vorstellungen der Deutschen Oper am Rhein im Theater Duisburg bis zum 12. Oktober unter: www.operamrhein.de

Köln/Murwillumbah

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