Cyber Security

Schattenwelt im Netz

Für jeden Geschmack etwas: Screenshot aus dem Darknet Foto: dpa

Israelische Security- und Internetfirmen genießen weltweit einen exzellenten Ruf, und so war es nicht verwunderlich, dass das in Tel Aviv ansässige Start-up »Sixgill« seine jüngste Finanzierungsrunde im Juni problemlos abschloss. Fünf Millionen hatte das auf Cybersicherheit spezialisierte Unternehmen von Investoren erhalten, das Geld wird in die Infrastruktur und die Weiterentwicklung eines der wichtigsten Projekte gesteckt, nämlich die automatisierte Erkennung von bevorstehenden Hackerangriffen im sogenannten Darknet. Sixgill selbst gibt an, unter anderem potenzielle Hacker aufgrund ihrer Aktivitäten im Darknet identifizieren und sie bei ihren Planungen überwachen zu können.

Avi Kasztan und Elad Levi, die beiden Gründer von Sixgill, das nach einer Hai-Art benannt wurde, können auf jahrzehntelange Erfahrungen in den Bereichen Technologie und Security verweisen. Von Identitätsdiebstahl bis zur vom Besitzer unbemerkten Kaperung des Rechners sei jede einzelne neue Kriminalitätssparte finanziell lukrativ, sagt Kasztan. »Diese Kriminellen können Menschen ruinieren, ohne dass diese viel dagegen tun können.«

Mafia Zudem ermögliche das Darknet kriminelle Existenzen ohne deren Schattenseiten: »Im wirklichen Leben muss man eine Menge Voraussetzungen erfüllen, um beispielsweise Mitglied der Mafia zu werden – und nachweisen, dass man es auch richtig ernst meint, bei manchen Organisationen sogar dadurch, dass man sich etwa einen Finger abhackt. Im Darknet muss man höchstens eine Bank hacken.«

Jahrelang hatte dieses obskure Darknet von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt existiert. Dass ohnehin nur fünf Prozent aller im Netz vorhandenen Seiten in regulären Suchmaschinen verzeichnet sind, war den meisten Usern nie wirklich klar. Erst durch spektakuläre Erfolge der Polizei gegen im »Dunkelnetz« aktive Drogendealer und zuletzt durch die Enthüllung, dass sich der Attentäter von München seine Waffe dort besorgt hatte, geriet dieser Teil des Netzes in die Schlagzeilen.

Im Gegensatz zu herkömmlichen Webseiten ist das Darknet nicht mit den üblichen Browsern wie Firefox oder Safari zu erreichen. Benötigt wird ein spezieller Browser, der mit Verschlüsselungssoftware ausgestattet ist und das Onion-Routing nutzen kann. Das allein reicht aber nicht, um die Dunkelnetz-Seiten mit der Endung ».onion« auch zu finden; dazu wird beispielsweise das »Hidden Wiki« benötigt, in dem Links zu Sites, Marktplätzen und anderem gesammelt werden.

Genau an diesem Punkt setzt Sixgill an: Das Unternehmen ist mit eigenen Servern im Tor-Netzwerk aktiv und bietet vermutlich einen Verzeichnisdienst an. Der sei »so eine Art Google für das Darknet«, so ein Informatiker. Sixgill werde daher »früher oder später Informationen über alle dortigen Seiten gesammelt haben«. Was dann folge, sei »eigentlich einfach: Man baut einen Katalog auf und startet einen Crawler, also einen Suchbot, der automatisch die Seiten durchsucht und analysiert«. Ähnlich wie Google, nur eben im »dunklen« Teil der virtuellen Welt.

prävention »Mithilfe unserer Technologie können wir die wichtigen Orte des Darknet nicht nur erkennen und crawlen, sondern auch die Personen hinter diesen Seiten verstehen«, sagt Kasztan. »Und dadurch sind wir in der Lage, Dinge zu sehen, bevor sie geschehen.« Sixgills Konzept überzeugt bereits jetzt: Vor einigen Tagen schloss das Unternehmen einen Vertrag mit der mexikanischen Firma Scitum/Telmex ab, das die Technologie des israelischen Start-ups seinen Kunden, unter anderem großen lateinamerikanischen Kommunikationsanbietern, zur Verfügung stellen wird.

Mithilfe des Crawlers kann überwacht werden, was auf welchen Seiten aktuell passiert. Oder was demnächst passieren wird – Cyberattacken lassen sich so vorab erkennen, die davon potenziell Betroffenen können dann geeignete Gegenmaßnahmen ergreifen, etwa das Routing umstellen oder die Serverkapazitäten ausweiten.

Schutz vor Terrorismus bietet Sixgill allerdings nicht an, und das vermutlich bewusst: Laut einer britischen Studie vom Frühjahr ist das Darknet zwar ein Tummelplatz für kriminelle Aktivitäten aller Art, Terrororganisationen wie ISIS oder Al Qaida nutzen für ihre Rekrutierungen und den Informationsaustausch jedoch meist herkömmliche Internetdienste wie WhatsApp und Facebook. »Militante und Extremisten scheinen die Infrastruktur des Darknet nicht für sehr nützlich zu halten«, fasst Thomas Rid, Professor für Security Studies am Londoner King’s College, die Studie zusammen. Hingegen würden die dunklen Seiten vor allem für Kriminelles aller Art, von illegalen pornografischen Angeboten bis hin zu Cyberattacken, Waffen- und Drogengeschäften sowie Betrugsdelikten, genutzt.

Dienstleistungen Aber auch besondere »Dienstleistungen« können dort gefunden werden: Anonyme Bombendrohungen werden im Darknet ab einem Preis von fünf Dollar angeboten, wie eine Zeitung Anfang 2016 enthüllte. Geld spielt als Motivation eine große Rolle, hat auch Kasztan festgestellt: »Aber nicht die einzige, denn viele der Hacker sind ausgewiesene Experten und könnten in der Industrie viel verdienen.« Der Thrill, etwas Verbotenes zu tun, ist seiner Meinung nach ein nicht zu unterschätzender Antrieb.

Allerdings ist nicht alles, was im Darknet zu finden ist, automatisch kriminell. Die »Mediengruppe Bitnik« ist beispielsweise ein Kunstprojekt, das seit 2014 einen eigenen Crawler zum Einkaufen ins Darknet schickt. Wöchentlich mit 100 Dollar in Bitcoins aufgeladen, geht der »Random Darknet Shopper« auf eigene Faust los und erwirbt Darknet-Waren – und lässt sich diese dann an die Adresse der jeweiligen Ausstellung schicken. Unter anderem kaufte das Shopping-Tool schon nachgemachte Markenkleidung, illegale Drogen und einen gefälschten Pass.

Dies rief zu Beginn des Projekts sogar die Polizei im schweizerischen St. Gallen auf den Plan, wo die Gruppe eine Ausstellung veranstaltet hatte. Ein Sprecher der Ermittlungsbehörde erklärte dann jedoch, dass das vom Einkaufs-Crawler erworbene Ecstasy keine Strafverfolgung nach sich ziehe, weil die Droge bei Bitnik »sicher verwahrt« werde und nicht für den Konsum gedacht sei.

Und auch Aktivisten sind im Darknet vertreten, wie eine Gruppe, die der Auffassung ist, dass mit Steuergeldern finanzierte wissenschaftliche Erkenntnisse frei und für jedermann nutzbar sein sollten: Auf Sci-Hub, einer Darknet-Plattform, sind derzeit 48 Millionen akademische Papers abrufbar.

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