Rafael Seligmann

Scharfzüngiger Chronist

Rafael Seligmann Foto: imago images/VISTAPRESS

Rafael Seligmann

Scharfzüngiger Chronist

Der Schriftsteller wird 75. Ein Freund und Weggefährte gratuliert

von Daniel Killy  12.10.2022 22:56 Uhr

Was bloß soll man schreiben, wenn es gilt, einem langjährigen Freund zum Geburtstag zu gratulieren – und das auch noch öffentlich? Am besten ist es wahrscheinlich, man hält sich zunächst einmal an nüchterne Fakten. Denn die sind dem akribischen Jubilar sowieso am liebsten.

Am 13. Oktober wird Rafael Seligmann 75 Jahre alt. Viele Jahrzehnte seiner bisherigen Lebensspanne hat der gebürtige Israeli damit verbracht, dieser Republik den Spiegel vorzuhalten – ob in fiktionaler Form oder in Sachbüchern, Essays oder Filmen. Dabei erinnert Seligmanns prägnante Schreibweise in ihrer Klarheit stets an ein Drehbuch, und zwar eines, das wenig Spielraum für Interpretationen lässt.

Zu seinem Geburtstag wird das Buch »Der Milchmann« von 1999 neu aufgelegt.

Ob in belletristischer oder essayistischer Form: Die Standpunkte von Rafael Seligmann treten immer deutlich zutage, Missverständnisse sind quasi ausgeschlossen. Seine Sprache dient der Verdeutlichung von Sachverhalten, nicht etwa deren Verschleierung oder gar Verharmlosung. Bildung und Sprachsinn sind das Vehikel dieses rastlosen Aufklärers, der sich gleichermaßen über kleine, scheinbar nebensächliche Ungerechtigkeiten echauffieren kann wie über die großen Malheurs in der Geschichte deutsch-jüdischer Koexistenz.

ICHENHAUSEN Als Spross des verschwundenen bayerischen Landjudentums – wobei verschwunden ein Wort ist, das Seligmann vermeidet, denn von den Nazis vernichtet, ermordet, ausgelöscht oder umgebracht wäre adäquater – kam der in Israel geborene Rafael 1957 gleich zweifach entwurzelt zurück. Ichenhausen, des Vaters ursprüngliche Heimat im bayerisch-schwäbischen Landkreis Günzburg, war als Zuhause ebenso untergegangen wie das seit Jahrhunderten dort ansässige Judentum.

Stattdessen präsentierte sich dem Rückkehrer eine fremde und feindselige Umgebung, die sein Vater Zeit seines zweiten Lebens in Deutschland vordergründig zu umgarnen und zu beschwichtigen versucht hatte, innerlich aber an all den Demütigungen und Rückschlägen zerbrechen sollte, während seine Mutter ihre postnazistische bundesrepublikanische Umgebung samt deren Einwohnern inbrünstig hasste, wie Seligmann in Rafi, Judenbub, dem letzten Teil seiner Trilogie über die eigene Familie, beschrieb.

Dass aus dem Jungen, der sich anfangs so intensiv wie aussichtslos nach Israel zurückträumte, einmal ein Chronist dieses weitgehend judenfreien Landes werden würde, hätte wohl damals niemand für möglich gehalten. Am wenigsten er selbst, der sich im München der 60er-Jahre den unterschiedlichsten Formen des Antisemitismus ausgesetzt sah.
2020 schrieb er anlässlich des 9. November in der »taz«: »Ich begriff, Antisemitismus liegt den Schülern nicht im Blut. Er wird ihnen von Lehrern, Geistlichen, judenfeindlichen Politikern – die NPD befand sich im Aufwind –, kurz: von Autoritätspersonen eingebrannt.«

GESCHICHTSLOGIK So schuf sich Seligmann das, was er »die biologische Lösung« nannte. »Ich flüchtete in den Trost der Ohnmächtigen und ersann eine Geschichtslogik: Bewusste Nazis waren bei Kriegsende 30 Jahre alt. 1965 waren sie 50 Jahre – wie unsere Frau Braun (seine Mittelschullehrerin, Anmerkung der Redaktion). Ich musste mich noch 15 Jahre gedulden, um zu erleben, dass die meisten Nazis und Antisemiten in Rente gehen würden. Dann, so redete ich mir ein, würde die Judenfeindschaft verglimmen.«

Seine »biologische Nazi-Rechnung«, schloss Seligmann, »schien aufzugehen. 1963 musste Hans Globke, ein Kommentator der Nazi-Rassengesetze, sein Amt als Chef des Kanzleramts räumen. 1969 wurde der ehemalige NS-Parteigenosse Kurt Georg Kiesinger als Bundeskanzler abgewählt. Kiesingers Bezwinger Willy Brandt war ein ausgewiesener Anti-Nazi, der wegen seiner demokratischen Gesinnung in die Emigration fliehen musste. Deshalb wurde Brandt lange verunglimpft«.

Dass unter der Ägide Brandts »der Antijudaismus in Deutschland unwiederbringlich verlöschen würde«, wie Seligmann es annahm und wünschte, war ein Trugschluss. Denn, so der Autor, »der Antisemitismus gleicht einem Retrovirus. Er ändert seine Form von religiöser über ›rassische‹ zur ideologischen Feindseligkeit«.

RESILIENZ Wahrscheinlich wurde aus dem hoffnungsfrohen Schüler, der seine eigene Rechnung erstellte, um festzumachen, wann Deutschland denn wieder judenfreundlich werde, nur deshalb der scharfzüngige Chronist und Kritiker deutscher Verhältnisse, weil seine Lust am Leben ihm die Resilienz dazu verschaffte, das ganze Elend zu ertragen.

Die Zeitläufte hierzulande begleitet Rafael Seligmann mit Chuzpe und Humor.

Dass er die Zeitläufte hierzulande mit Humor und Chuzpe zu begleiten imstande war und ist, macht Rafael Seligmann noch unverzichtbarer. Denn seine Analysen gelten nicht nur den schlichten Antisemiten unter uns, er lässt auch Ministerinnen oder Bundespräsidenten nichts durchgehen.

Oder wie er es formuliert: »Einerlei, in welchen Kreisen man sich als Jude bewegt, stets wird man als Vertreter Israels angesehen. Nicht nur von sogenannten einfachen Menschen. Immer wieder wurde ich auch von Politikern, Ministern angesprochen, sie führen jetzt in meine Heimat zu meinem Minister. Das ist gut gemeint und verrät doch die Identifizierung der Juden als Teil einer auswärtigen Macht. Kein ›Deutscher wie wir‹.«

Rafael Seligmanns Essays und Romane (zum Geburtstag wurde Der Milchmann von 1999 bei Langen Müller neu aufgelegt), seine Artikel und Interviews sind ein steter, unverdrossener Dienst an unserer Gemeinschaft. Kaum jemand setzt sich so unüberhörbar und unverdrossen für Demokratie und Toleranz ein wie Seligmann. Herzlichen Dank dafür, lieber Rafi – Masal tow und bleib gesund!

Los Angeles

William Shatner kündigt Heavy-Metal-Album mit Starbesetzung an

Der jüdische Schauspieler und Musiker will mit 95 Jahren nicht leiser treten, sondern lauter: Sein neues Album soll prominente Musiker aus der Metalszene zusammenbringen

 01.05.2026

Archäologie

Rätsel um antikes Baby-Massengrab

Wissenschaftler der Universität Tel Aviv haben Knochenreste aus der Perserzeit gefunden, die in Tel Aseka bestattet wurden. Etwa 70 Prozent stammen von Kindern unter zwei Jahren

von Sabine Brandes  01.05.2026

Howard Rossbach

Wanderer zwischen Ostküste und Oregon

Er ist Spross einer Familie bekannter Politiker und Bankiers. Doch seit 50 Jahren reüssiert der gebürtige New Yorker Howard Rossbach am anderen Ende Amerikas als Winzer. Ein Porträt

von Michael Thaidigsmann  01.05.2026

Literatur

Herkunft, Schuld und der lange Schatten der Vergangenheit

Krieg, Flucht, Schuld. Diplomat Rüdiger von Fritsch hat ein Buch über seine Familie geschrieben - und über das schwere Erbe deutscher Geschichte

von Christiane Laudage  01.05.2026

Jubilar

Architektur als Zeichen der Hoffnung - Daniel Libeskind wird 80

Das Jüdische Museum Berlin, der Masterplan für Ground Zero in New York: Für den Amerikaner ist Bauen Teil der Erinnerungskultur

von Sigrid Hoff  01.05.2026

Kino

»Nürnberg«: Russell Crowe und Rami Malek locken mit Star-Power

Die Oscar-Gewinner Russell Crowe und Rami Malek glänzen als Nazi-Kriegsverbrecher und Psychiater mit ausgefeiltem Schauspiel. Das ist faszinierend – und problematisch

von Peter Claus  01.05.2026

Zahl der Woche

154.369 Drusen

Fun Facts und Wissenswertes

 01.05.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Marathon oder Volcano Race – von Schnelligkeit und meiner Unsportlichkeit

von Katrin Richter  01.05.2026

Muttertag

Moja Mama!

Die jiddische Mamme ist Motiv in etlichen Witzen. Dabei ist sie ist so viel mehr. Eine Würdigung aus der Perspektive eines Sohnes

von Jan Feldmann  01.05.2026