documenta

»Sabine Schormann und Christian Geselle sind untragbar«

Zentralratsgeschäftsführer Daniel Botmann über die Antisemitismus-Skandale und personelle Konsequenzen für die Verantwortlichen

von Philipp Peyman Engel  13.07.2022 18:13 Uhr

Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats der Juden Foto: © Gregor Zielke / Zentralrat der Juden in Deutschland

Zentralratsgeschäftsführer Daniel Botmann über die Antisemitismus-Skandale und personelle Konsequenzen für die Verantwortlichen

von Philipp Peyman Engel  13.07.2022 18:13 Uhr

Herr Botmann, bei der documenta reihte sich in den vergangenen Wochen ein Antisemitismus-Skandal an den anderen. Verantwortung hat trotz weltweiter Kritik bislang keiner der Entscheidungsträger übernommen. Wie bewerten Sie das?
Es ist längst überfällig, dass die Verantwortlichen für das Antisemitismus-Desaster Konsequenzen ziehen. Die documenta-Chefin Sabine Schormann und Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle haben den Skandal zu verantworten und stehen jetzt einer Aufarbeitung aktiv im Wege. Sie sind untragbar. Nach deren Rücktritt von ihren documenta-Ämtern bestünde zumindest die Chance, dass die Skandale aufgearbeitet werden.

Warum genau ist das wichtig?
Die aktuelle documenta15 ist nicht mehr zu retten. Der Blick muss nach vorne gerichtet werden. Es muss sichergestellt werden, dass die antisemitische BDS-Bewegung keinerlei Plattform mehr bei dieser und anderen vom Bund geförderten Kulturveranstaltungen erhält. Denn überall dort, wo BDS-Befürworter involviert sind, muss man mit juden- oder israelfeindlichen Eklats rechnen. Daran dürfen wir uns nicht gewöhnen.

Vergangene Woche haben Sie im Kulturausschuss des Bundestages sehr deutlich Stellung zur documenta bezogen. Wie haben Sie in den Wochen zuvor die Debatte über die Kunstausstellung verfolgt?
Die documenta beschäftigt den Zentralrat der Juden seit Beginn des Jahres. Es gab frühzeitig handfeste Hinweise, dass es antisemitische Vorfälle geben wird. Das haben wir auch unüberhörbar artikuliert, zum Beispiel gegenüber den documenta-Verantwortlichen vor Ort oder im Gespräch mit Kulturstaatsministerin Claudia Roth. Dass jüdische Künstler gecancelt werden, ist bei einer solchen Gemengelage abzusehen. In der FAZ war zu lesen, dass ein jüdisches Kollektiv aus Brasilien nach palästinensischem Protest nicht eingeladen wurde. Doch diese antisemitischen Bilder im »Stürmer«-Stil haben meine schlimmsten Befürchtungen übertroffen.

Hatten Sie den Eindruck, dass die Warnungen des Zentralrats im Vorfeld zumindest zu Versuchen der Kursänderung bei den Verantwortlichen geführt haben?
Nein.

Wie fielen die Reaktionen stattdessen aus?
Unsere Warnungen wurden beschwichtigt, weggebügelt und teils als rassistisch abgetan. Dabei muss allen spätestens jetzt klar sein: Personen und Institutionen, die BDS nahestehen, werden am Ende den judenfeindlichen Ideen der Boykottbewegung auch ein Forum geben.

Wie wirkmächtig ist BDS Ihrer Ansicht nach im deutschen Kulturbetrieb?
Der Einfluss ist offensichtlich viel zu groß. Um es klarzustellen: BDS ist eine antisemitische Ideologie. Und Antisemitismus darf niemals unter dem Deckmantel der Kunstfreiheit akzeptiert und toleriert werden. Der Bundestag hat die Bundesregierung 2019 aufgefordert, BDS keine Plattform zu bieten. Dieser Auftrag des Gesetzgebers muss konsequent umgesetzt werden.

Das heißt aber auch, dass sich Eklats wie bei der documenta jederzeit wiederholen können, solange die Anti-BDS-Resolution des Bundestages nicht umgesetzt wird …
Davon ist auszugehen. Die gute und wichtige Arbeit, die die Kunst- und Kulturszene vielfach leistet, wird durch die sich immer wiederholenden antisemitischen Vorfälle im Kulturbetrieb überschattet. Antisemitismus ist kein Kavaliersdelikt. Die Betroffenenperspektive muss ernst genommen werden. Jeder kann die Politik Israels kritisieren. Aber bitte, ohne dass dadurch Antisemitismus verbreitet wird. Hierfür bietet die IHRA-Arbeitsdefinition eine hervorragende Grundlage.

Sie hatten es vorhin erwähnt, dass die Kritik des Zentralrats an der documenta teilweise als rassistisch bezeichnet wurde, weil es sich bei den Urhebern des antisemitischen Werkes um indonesische Künstler handelt. Wie gehen sie mit solchen Vorwürfen um?
Antisemitismus muss immer und überall verurteilt werden. Egal, von wem er ausgeht und egal wo er geäußert wird. So einfach ist das. Übrigens sind die antisemitischen Bilder auf der documenta nicht nur zu verurteilen, weil sie in Deutschland gezeigt wurden und weil Deutschland eine NS-Vergangenheit hat. Diese judenfeindlichen Gemälde sind auf der ganzen Welt antisemitisch. In Indonesien genauso wie in Deutschland. Da kann und darf es keinen kulturellen Rabatt geben.

Die WELT hat gestern enthüllt, dass der Antisemitismus-Skandal auf der Documenta noch einmal neue Ausmaße angenommen hat. Die israelfeindlichen Verstrickungen von documenta-Vertretern ist noch viel größer als bisher bekannt. Fast 100 Beteiligte der documenta unterzeichneten israelfeindliche Briefe. Überrascht Sie das? 
Mich überrascht, dass das noch jemanden überrascht. Wir haben gewarnt, Expertise angeboten und den Dialog gesucht. Wenn man unsere Befürchtungen ernstgenommen hätte, könnten wir eine entspannte documenta genießen. Stattdessen hat man die Sache laufen und schleifen lassen. Ich frage mich, wann sich eigentlich mal jemand bei den anständigen Künstlern, den Helfern hinter den Kulissen und den Menschen vor Ort entschuldigt, die sich engagieren und für die die documenta das Größte ist.

Mit dem Geschäftsführer des Zentralrats der Juden sprach Philipp Peyman Engel.

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