Therapie

Ruhe bewahren!

Schon in Friedenszeiten ist für autistische Kinder der Stresspegel hoch. Foto: Thinkstock

Der Umgang mit autistischen Kindern ist für Eltern und Erzieher nicht immer leicht. Ein israelisches Programm soll ihnen nun helfen, die Ruhe zu bewahren. Bewährt hat es sich bereits in Krisenzeiten.

Im Gaza-Krieg des vergangenen Sommers war die Situation für autistische Kinder besonders schwierig. Durch die ständigen Raketenbeschüsse und die Alarmsirenen war ihr gewohnter Alltag plötzlich durcheinandergebracht. Schulbesuche und Freizeitaktivitäten, die zu ihrer Routine gehörten, konnten während der Operation »Protective Edge« von Anfang Juli bis Ende August nicht mehr so regelmäßig wie gewohnt stattfinden, stattdessen mussten sie zu Hause bleiben – mit Eltern, die durch die ständige Bedrohung nicht immer die Ruhe ausstrahlen konnten, die für die Kinder wichtig gewesen wäre.

»Wenn schon ein nicht autistisches Kind massive Schwierigkeiten hat, mit der schrecklichen Realität eines Krieges fertig zu werden – also einer Situation, die per definitionem verwirrend und angsteinflößend ist –, ist es für ein autistisches Kind 1000-mal so schwer«, sagt Nilly Cohen Aronson, Direktorin der israelischen »Association for Children at Risk«.

Umfeld Autisten brauchen ein stabiles, ruhiges, verlässliches Umfeld, um Vertrauen zu fassen und sich sicher zu fühlen. »Genau das wird allerdings durch Sirenengeheul und Bombendetonationen erschüttert«, so Cohen Aronson. Denn vor allem die autistischen Kinder fühlen sich schon in Friedenszeiten durch plötzlich auftretende, eigentlich harmlose Ereignisse bedroht.

»Ein unerwartetes Geräusch, eine Änderung in der gewohnten Route, die zur Schule oder nach Hause führt, ein auf einmal etwas anders schmeckendes Gericht – all das kann zu Angst und Panikzuständen führen«, beschreibt Aronson, wie empfindlich autistische Kinder auf kleinste Störungen der normalen Abläufe reagieren können.

Umso wichtiger ist es für ihre Eltern und alle anderen Bezugspersonen wie Lehrer und Erzieher, ruhig zu bleiben und Stabilität und Geborgenheit zu vermitteln. Um das zu erreichen, haben die Autismus-Experten von »Children at Risk« im vergangenen Jahr ein Lernprogramm erarbeitet. Dessen Besonderheit liegt darin, dass es sich an Eltern und Betreuer und nicht an die Kinder richtet.

Die Bezugspersonen lernen zunächst, wie sie ihre Belastbarkeit steigern und auch in stressigen Situationen die Ruhe bewahren können. Atemübungen, kleine Entspannungstricks und bewusst positives Denken gehören dazu. Die Erwachsenen können dann beruhigend auf die Kinder einwirken und ihnen ihrerseits zeigen, wie sie Angst überwinden können.

Dieses Programm wurde gemeinsam mit dem israelischen Cohen-Harris Center entwickelt, dem »Children at Risk« angeschlossen ist. Das auf Methoden für Stressabbau spezialisierte Tel Aviver Zentrum war mit seinen Programmen bereits an ganz unterschiedlichen Orten im Einsatz – unter anderem nach einem schweren Erdbeben in Mittelitalien in der Stadt Molise und ebenfalls nach einem Erdbeben 2004 in der Türkei. Seither habe sich der Fokus in der alltäglichen Arbeit und Forschung jedoch etwas weg von der Trauma-Überwindung und hin zu deren Prävention entwickelt, wie der Psychotherapeut Daniel Hamiel vom Cohen-Harris Center berichtet.

Aschkelon Verschiedene Studien zeigten, so der federführende Trauma-Experte, wie effektiv eine solche Verhütung sein könne. Die Hauptuntersuchung wurde dabei in Aschkelon durchgeführt. Die nur wenige Kilometer vom Gazastreifen entfernte Stadt war 2009 heftigem Raketenbeschuss ausgesetzt gewesen. Die Hälfte der dortigen Grundschulen hatte das »preventative intervention program« durchlaufen, das ursprünglich zum Ziel hatte, Kindern Hilfe bei der Bewältigung alltäglicher Stresssituationen wie einer schlechten Note oder Krach mit den Eltern zu geben.

»Nach dem Krieg haben wir alle Schulen miteinander verglichen, und die Resultate waren selbst für uns verblüffend«, berichtet Hamiel. »An Schulen, die an dem Programm teilgenommen hatten, traten 50 Prozent weniger Symptome auf, die dem PTSD, dem Posttraumatischen Stresssyndrom, zugerechnet werden.«

Kongress In diesem Monat soll das Programm internationalen Experten beim in Jerusalem stattfindenden »Europäischen Kongress für kognitive Verhaltenstherapie« vorgestellt werden. Daniel Hamiel geht davon aus, dass es auf große Resonanz stoßen wird – auch, weil es ideal für den Einsatz in Krisenregionen oder ärmeren Ländern ist. Dafür ist es nämlich auch deswegen gut geeignet, weil nicht alle potenziellen Adressaten extra in teuren Spezialkursen geschult werden müssen, sondern diejenigen, die das Training durchlaufen haben, ihrerseits anderen beibringen können, wie es funktioniert.

Aronson berichtet, dass gerade in diesem Monat das 2014 begonnene Pilotprojekt auf 30 Kindergärten der Association for Children at Risk erweitert wird. »Die Therapeuten und Lehrer absolvieren das Programm und geben das Erlernte an Kollegen und Eltern weiter«, schildert sie.

»Während des Krieges ging das natürlich nicht, aber später dann haben die Teilnehmer uns berichtet, dass sie nach nur sieben Lerneinheiten bereits einen großen Unterschied im täglichen Leben gemerkt haben – wenn sie entspannt sind, sind es auch die Kinder. Und das führt dazu, dass das Risiko von Folgeproblemen erheblich minimiert wird.«

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