Szene

Rückkehr der Falafel-Jazzer

Strand, Sonne und frisches Obst – das sind drei der Dinge, die der Jazzpianistin Anat Fort an diesem Nachmittag im Café Noah spontan einfallen, wenn sie an den Grund ihrer Rückkehr nach Israel denkt. Mit etwas Verzögerung schiebt sie noch den Cappuccino in ihrem Lieblingscafé an der Ecke zwischen Hachaschmonaim und Achad Ha’Am hinterher. Nach Tel Aviv ist Anat Fort vor einigen Jahren zurückgekehrt. Auf ihrer Homepage sieht man die 1970 in Neve Monosson geborene Musikerin auch nicht umringt von schwitzenden Musikern in einem verqualmten Jazzkeller, sondern wie sie über den Schuk HaCarmel streift.

»Es spielt für mich als Musikerin keine so große Rolle, wo ich lebe, auch wenn die Jazzszene Israels mit der in New York überhaupt nicht zu vergleichen ist«.

Karriereknick? Ist Anat Forts Rückkehr nach Israel nur ein verbrämter Karriereknick? Keineswegs! Ihre Heimkehr folgt einem Trend, der sich seit Jahren abzeichnet. Den Anfang hatte der Bassist Avishai Cohen gemacht. Der berühmteste Jazzer Israels, exklusiv beim renommierten Blue Note Label unter Vertrag, steht am Anfang einer ganzen Reihe von Musikern, die in der Fremde Karriere gemacht haben, nun aber wieder in ihrem Geburtsland leben.

Am selben Abend spielt Anat Fort ein Konzert in der Tel Aviv Oper, bei dem sie die Songs von Shalom Hanoch interpretiert, und zwar an der Seite der israelischen Pop-Ikone. Für jeden Musiker aus Israel ist ein solches Konzert eine Art Ritterschlag – auch für Anat Fort. Verständlich also, dass die Pause im Café Noah heute etwas kürzer ausfällt. Wobei Anat Fort kein Newcomer in der Musikszene ist.

Sie ist es durchaus gewohnt, mit Stars aufzutreten, während ihrer Studienzeit etwa mit dem Pianisten Paul Bley und danach mit dem Schlagzeuger Paul Motian, der auch in ihrem Debütalbum »A Long Story« mitgespielt hat. Seither zählt die Pianistin zur führenden Riege der Jazz-Pianistinnen. Umso erstaunlicher, dass sich Anat Fort entschieden hat, New York den Rücken zu kehren.

Newcomer Anat Fort ist kein Einzelfall. Während es unter klassischen Musikern aus Israel zum guten Ton zählt, in die Klassikmetropole Berlin zu ziehen, kehren viele Jazzmusiker nach dem Karrierestart in ihre Heimat zurück. Dabei hatte es jahrzehntelang nur eine einzig kluge Entscheidung im Leben eines Jazzmusikers gegeben: nichts wie weg aus Israel und auf in Richtung Berklee College of Music in Boston, um sich dann in der Welthauptstadt des Jazz, in New York, zu etablieren. Denn dort treffen sie alle aufeinander, die Großen des Jazz, die Arrivierten wie die Newcomer. Dort sind nicht nur etliche Labels, dort sind auch weltberühmte Clubs mit klangvollen Namen wie Village Vanguard, Birdland oder Blue Note und auch intimere Locations wie Smalls oder das Cornelia St. Cafe.

Die Liste der israelischen Musiker, die es im Jazz-Mekka zu Ruhm und Ehren gebracht haben, ist lang: Der Gitarrist Gilad Hekselman, der Bassist Omer Avital oder der Schlagzeuger Ziv Ravitz – sie alle zählen zur Heerschar an Musikern, die Jazz made in Israel nicht nur salonfähig gemacht haben, sondern die das Genre um wichtige Facetten erweitert haben.

Was gemeinhin mit dem Etikett »Falafel-Jazz« versehen wird, ist bei genauerem Hinsehen eine Fruchtbarmachung jener Klänge, die die Musiker seit ihren Kindertagen umgeben haben: Neben religiöser jüdischer Musik und arabischen Melodien sind es vor allem israelische Schlager von Arik Einstein, Sascha Argov oder Shalom Hanoch, die als Einfluss genannt werden.

Auftritte Doch Israel ist kein Hotspot für Jazz, auch wenn viele Musiker wieder dort leben. Das liegt an der fehlenden Tradition, an fehlenden Auftrittsmöglichkeiten und der Unmöglichkeit, dort als Jazzmusiker finanziell zu überleben. Ein Aspekt, der auch für viele deutsche Städte gilt, für Düsseldorf, wohin es den Pianisten Omer Klein der Liebe wegen verschlagen hat, oder auch für Berlin, wo man jüdische Jazzmusiker mit der Lupe suchen muss. Das bestätigt auch Joey Baron, einer der berühmtesten Jazz-Schlagzeuger.

Er lebt zwar an der Spree, aber nicht wegen der eher bescheidenen Jazzszene, sondern um seine Lebensgefährtin, die Perkussionistin Robin Schulkowsky, zu besuchen, wenn es sein Tourplan zulässt. Andere Superstars wie der Bassist Greg Cohen leben nur deshalb in der deutschen Jazz-Provinzhauptstadt, weil sie am Jazzinstitut der Berliner Universität der Künste ein festes Einkommen gefunden haben. Ein nicht gerade häufig eintretender Glücksfall.

Erst recht nicht, wenn man sich unter den Israel-Rückkehrern umhört. Wer in Israel als Jazzmusiker lebt, der ist zwingend darauf angewiesen, die meiste Zeit in der Fremde zu arbeiten. Und das heißt vor allem: viel zu reisen. Glücklicherweise liegt Deutschland auf der Reiseroute. Auch für den Saxofonisten Eli Degibri, der an der Seite des Trompeters Avishai Cohen Mitte Januar als Solist der WDR Big Band auftrat. Ein Aufeinandertreffen zweier Israelis, bei dem nicht nur die Wesensverwandtschaft beider Musiker deutlich, sondern auch die Frage beantwortet wurde, warum »Jazz aus Israel« längst als Gütesiegel gehandelt wird.

Herbie Hancock Eli Degibri und Avishai Cohen waren noch Knaben, als sie am Konservatorium in Jaffa und dann an derselben Junior High School anfingen zu musizieren. Eli Degibri hat mit der Jazz-Ikone Herbie Hancock gespielt und spätestens mit dem sinnträchtigen Album »Israeli Song« 2010 den internationalen Durchbruch geschafft. Für eine Ausnahme hält er sich nicht: »Ich kann nicht erklären, warum Israelis dieses einzigartige und tiefe Verständnis von dieser Kunstform mit dem Namen ›Jazz‹ haben. Jazz ist wie eine Sprache, ist wie Deutsch oder Hebräisch. Und diese Sprache sprechen Israelis nun mal fließend.«

Das gilt auch für den Trompeter Avishai Cohen, der sich jedoch heftig gegen das Etikett »Israelischer Jazz« wehrt: »Manche Leute fragen mich – ohne genau hinzuhören – nach den Einflüssen israelischer Musik auf meine Songs. Ich sage dann immer: Du musst schon genauer aufpassen! Du wirst merken, dass sie durchaus da sind, weil ich ja schließlich aus Israel komme, aber das ist nicht wichtiger als alles andere. Israelische Musik steht bei meinen Kompositionen nicht mehr im Vordergrund als Led Zeppelin, Frank Zappa oder die Beatles.« Dennoch ist auch Avishai Cohen nach seiner New Yorker Zeit nach Israel zurückgekehrt – wegen seiner Frau und seiner beiden Kinder.

In der Fremde trifft der viel beschäftigte Trompeter zuweilen auf seine beiden Geschwister, die Jazzmusiker Yuval und Anat Cohen, die nach wie vor in New York arbeiten und mit denen er das Trio »3 Cohens« bildet. Selten genug spielen sie gemeinsam in Israel. Häufiger kommt es vor, dass Avishai Cohen seine Geschwister rein zufällig irgendwo auf dem Globus trifft.

Anat Fort spielt am 5. März im Berliner Jazzclub A-Trane und am 7. März beim International Klezmerfestival in Fürth.

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