Zionismus

Rilke und die »Judenfrage«

40 Jahre vor Israels Staatsgründung schrieb der Dichter einen Brief, der bislang kaum rezipiert wurde

von Paul Nemitz  22.10.2018 16:15 Uhr

RAINER MARIA RILKE German poet enjoying a country walk Date: 1875 - 1926 (Mary Evans Picture Library) | Nur für redaktionelle Verwendung., Keine Weitergabe an Wiederverkäufer. Foto: dpa

40 Jahre vor Israels Staatsgründung schrieb der Dichter einen Brief, der bislang kaum rezipiert wurde

von Paul Nemitz  22.10.2018 16:15 Uhr

Im Dezember 1906 verschickte der jüdische Aktivist, Herausgeber und Arzt Julius Moses einen Fragebogen an »3000 der bedeutendsten Männer und Frauen der Welt, an Minister, Politiker und Parlamentarier, an die Vertreter der Kunst und Wissenschaften, an Dichter und Schriftsteller, an Philanthropen, Finanziers und Großindustrielle«. Sein Thema: die »Lösung der Judenfrage«.

Mehr als 100 Prominente, darunter Maxim Gorki, Thomas Mann und Leo Herzberg‐Fränkel, verfassten Antworten, die Moses zunächst in der von ihm herausgegebenen Wochenzeitung »General‐Anzeiger für die gesamten Interessen des Judentums« und im Sommer 1907 in Buchform veröffentlichte. Zu jenen, die zurückschrieben, gehörte auch der damals 31‐jährige Lyriker Rainer Maria Rilke.

intellektuelle Julius Moses, geboren am 2. Juli 1868 im Städtchen Schubin bei Bromberg in Posen, gehörte als Arzt und Publizist um die Jahrhundertwende zur selbstbewussten Schicht der aufstrebenden jungen jüdischen Intellektuellen Berlins. Dank seines Onkels Moritz Moses, Schuhmacher in Greifswald, konnte Julius trotz seiner Herkunft aus einer armen jüdischen Handwerkerfamilie Medizin studieren.

Schon als Student engagierte er sich politisch und journalistisch. Im Jahr 1902 gründete Moses den Verlag des »General‐Anzeigers« in Berlin. Darüber hinaus gab er auch den »Schlemihl« heraus, ein »illustriertes jüdisches Witzblatt«, sowie Bücher wie Morris Rosenfelds Lieder des Ghetto oder Altneuland von Theodor Herzl.

Moses hatte als Publizist und später als einziger sich offen zum Judentum bekennender SPD‐Reichstagsabgeordneter eine eminent politische Sichtweise auf die »Judenfrage«. 1938 notierte er, damals schon isoliert von seiner Familie in einem sogenannten Judenhaus lebend: »Die Judenfrage (…) hat in allen Stadien meines Lebens eine große Rolle gespielt.« Unmittelbarer Anlass für seine Umfrage 1906 war für Moses das Pogrom gegen die Juden im damals russischen, heute polnischen Bialystok am 14. Juni 1906, bei dem über 80 Juden getötet und noch mehr verletzt wurden.

fragen Schon am 21. Juni 1906 sprach Moses aus Anlass des Massakers auf einer Kundgebung der Berliner Zionistischen Vereinigung vor 2000 Teilnehmern. Dort wandte er sich gegen die Judenmission, forderte Kirchen und Regierungen auf, sich an das jüdisch‐christliche Gebot der Nächstenliebe zu halten und lieber die »Missionare und Apostel hinüber in das russische Knutenreich« zu senden.

In seinem Rundschreiben stellte Moses vier Fragen:

»1. Worin besteht nach Ihrer Anschauung das Wesen der Judenfrage?

2. Glauben Sie, dass das Judenproblem ein für alle Länder gleiches Problem ist, oder glauben Sie, dass die Judenfrage in den verschiedenen Ländern auch eine verschiedene Lösung erheischt?

3. Worin besteht nach Ihrer Anschauung die Lösung der Judenfrage?

4. Wenn Sie für die verschiedenen Länder eine verschiedene Lösung der Judenfrage für nötig erachten, worin besteht diese Lösung der Judenfrage a) in Deutschland b) für Russland?«

Wunsch Während Thomas Manns Antwort in der Literaturwissenschaft viel beachtet und kommentiert wurde, ist die Antwort Rainer Maria Rilkes bislang nur wenig rezipiert. Der Dichter äußert sich darin sehr kritisch zum übersteigerten Nationalismus des beginnenden 20. Jahrhunderts: »Das nationale Sich‐Besinnen, das so befremdlich scheint in einer Zeit übernationaler Verständigung«, sei, gemeinsam mit der Forderung nach Nationalkirchen, dem Wunsch der Staaten geschuldet, selbst zu aktiven Gestaltern zu werden. In Klammern fügt er an: »(Deutschland am gröbsten und entschlossensten)«.

Dann wendet sich Rilke dem Thema Religion und Gott zu. Es geht ihm zunächst um die individuelle Frömmigkeit, die individuelle Beziehung zu Gott. »Hier müsste (vermute ich) das jüdische Volk mit seiner Selbstaufrichtung einsetzen. Denn bedrängt und zurückgesetzt und verrufen wie es ist, muss es sich seines einen wirklichen gewaltigen Vorsprungs bedienen dürfen. Auf die Tatsache, dass seiner Rasse eine von ihr unabtrennbare Religion, oder wirklicher: Religiosität, entspricht, muss es seine Existenz mit inständiger Einseitigkeit zu stellen versuchen.«

Hier scheint Rilke durch Moses’ Einführung inspiriert, die der Herausgeber seinen vier Fragen vorangestellt hatte. Denn auch Moses weist auf die Verbindung von Rasse und Religion im Judentum hin. »Rassenkenner zweifeln heute nicht mehr an dem nationalen Bestande der Juden. Fraglich bleibt es immerhin, ob die Juden lediglich als Konfession weiterbestehen können. Denn es darf nicht übersehen werden, dass unsere Religion eng mit dem Wesen des jüdischen Volksstandes verknüpft ist und stets von Nationalismus erfüllt war«, so Moses.

Diaspora Moses spricht gleich mehrfach in seiner Einleitung die Zerstreuung der Juden in der Diaspora an, denen die Messias‐Idee, Religion und Geschichte Halt boten. Rilke nimmt das auf: »Jeder für sich, an der Stelle, auf die er verstreut ist, muss um den Anschluss an den großen alten Gott besorgt sein.«
Seine Stellungnahme endet Rilke mit einem Verweis auf das Buch Josua. Es bleibt unklar, ob mit dem Hinweis auf die »Stelle«, an die das jüdische Volk sein Schicksal zurücklegen soll, um es den Händen zu entziehen, die damit »spielen und würfeln«, die Gründung eines Judenstaates in Palästina gemeint war. Denkbar ist es.

Später schreibt Rilke mit Blick auf das Schicksal der Juden, dass sie ihre Wurzellosigkeit leichter ertragen könnten, da sie »bevorzugt scheinen durch die ihnen eingeborene Einheit von Nationalität und Religion«. Einige Rilke‐Kenner sehen darin eine frühe Neigung des Dichters zu einer zionistischen Lösung der »Judenfrage«.

Nicht nur Rilkes Antwort auf den Fragebogen von Julius Moses, sondern auch viele andere Rückmeldungen werfen ein Licht auf die Debatten der damaligen Zeit und auf die Geschichte jüdischen Lebens. Sie sind für unsere Zeit ein wichtiges Lehr‐ und Lernmaterial, wenn es um die Themen Identitätsfindung, »Leitkultur«, den Dialog zwischen und mit Religionen und um Debattenkultur geht.

Diskussion Dagegen ist die typisierende Charakterisierung der Juden, die in der damaligen Diskussion über die Judenfrage vielfach anzutreffen war (auch in der Einleitung Moses’) nicht mehr angemessen. Wohin diese führen kann, hat uns die Geschichte gelehrt. Gerade jene Typisierungen, die den Antisemitismus damals beflügelten, inspiriert durch die Leitwissenschaft des 19. Jahrhunderts, die Biologie, mit ihren Metaphern vom gesunden (Volks-)Organismus und dem (jüdischen) Bakterium als Eindringling, das abgewehrt oder nach Eindringen wieder ausgestoßen oder gar vernichtet werden muss, haben Schlimmes zur Folge gehabt.

Eine freie, demokratische Gesellschaft ist kein biologischer Körper, der nach medizinischen Kategorien von Gesundheit und Krankheit lebt und mit biologischer Reaktion Eindringendes abstößt.

Rilke selbst hat denn auch zu Recht in seiner Antwort an Moses die Frage nach dem Einzelnen an den Anfang gestellt. Dem Einzelnen sein Recht geben, zu seinem eigenen, persönlichen Verhältnis zu Gott, zur Gesellschaft, zur Geschichte, und nicht zu vergessen, dass der Mensch im Mittelpunkt steht und nicht eine wie auch immer definierte Nation, das ist es, was Rilke uns heute lehrt.

Der Autor arbeitet als Chefberater bei der Europäischen Kommission und ist Enkel von Julius Moses.

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