Raubkunst

Retour an die Erben

Es ist wirklich ein schönes Bild», sagt Jörg Benario und schaut auf das Display seines Laptops. Dort ist der Scan eines Gemäldes zu sehen: drei Schiffe, Strand, aufgewühltes Meer, stürmischer Himmel, zwei schemenhafte Menschen.

«Als meine Mutter das erste Mal vor dem Gemälde stand, ist sie in Tränen ausgebrochen», erzählt Benario. Noch nie zuvor hatte sie ein Bild aus dem Besitz ihres Großvaters gesehen. Nun hing es direkt vor ihr.

«Auch für mich war das ein echter Gänsehautmoment», sagt der 50-Jährige mit ruhiger Stimme. Im vergangenen Frühjahr war Benario zusammen mit seiner Mutter aus Berlin das erste Mal ins Leopold-Hoesch-Museum nach Düren in Nordrhein-Westfalen gefahren.

kunstsammler Dort hängt die Strandszene mit dem Titel «Ostsee» aus der Werkstatt des berühmten expressionistischen Malers Karl Schmidt-Rottluff. Früher hing es in der Villa von Hugo Benario in Berlin-Dahlem. «Mein Urgroßvater war im Berlin der 20er-Jahre ein bekannter Kunstsammler», erzählt Benario, der als Stadtführer in Berlin arbeitet.

Tatsächlich besaß der Unternehmer und Textilkaufmann Hugo Benario eine der größten Kunstsammlungen seiner Zeit. Mehrere seiner Gemälde und Plastiken wurden 1928 in der Ausstellung Neuere deutsche Kunst aus Berliner Privatbesitz in der Berliner Nationalgalerie gezeigt.

Hin und wieder verkaufte der Mäzen auch einige Kunstwerke aus seiner Sammlung. Nachdem Hugo Benario 1937 mit nur 62 Jahren an einem Herzinfarkt starb, verschwand die Sammlung unter ungeklärten Umständen.

Emigration Bekannt ist, dass die Nationalsozialisten Benario bedrängt hatten und ihm wiederholt wegen angeblicher Devisenvergehen bei Verkäufen ins Ausland der Prozess gemacht worden ist. Was aber nach Benarios Tod und der Emigration seiner Witwe 1939 nach Großbritannien mit der vor allem auf moderne Kunst spezialisierten Sammlung geschehen ist, das haben seine Nachkommen nicht herausfinden können.

«Wir hatten nach der Wende eine Provenienzforscherin beauftragt, da wir davon ausgingen, dass die Nazis meinen Urgroßvater zum Verkauf der Kunstwerke unter Wert gezwungen hatten», erzählt der in Ost-Berlin aufgewachsene Jörg Benario. Dafür konnten aber keine eindeutigen Belege gefunden werden.
Auch eine Inventarliste mit den zuletzt im Besitz der Familie befindlichen Kunstwerken blieb verschollen. Das erschwerte die Recherche ungemein.

Nach mehreren Monaten der Nachforschung gab die Provenienzforscherin schließlich ohne nennenswerte Ergebnisse auf. «Wir hatten uns schon damit abgefunden, nie wieder etwas von den Kunstwerken meines Urgroßvaters zu hören», sagt Benario. Bis am Jahresende 2016 ein Anruf aus Düren kam. Im dortigen Leopold-Hoesch-Museum habe man ein Bild als belastet identifiziert, das man der Sammlung von Hugo Benario zuordnen könne. Man wolle es den Erben zurückgeben.

«Ich war total perplex. Damit hatte niemand in der Familie gerechnet», sagt Jörg Benario. Das Dürener Kunstmuseum hatte sich zwei Jahre zuvor darangemacht, seinen gesamten Fundus auf möglicherweise unrechtmäßig angeeignetes Eigentum untersuchen zu lassen.

Provenienzforscher Der Provenienzforscher Kai Artinger, der sich in seiner Arbeit bereits öfter mit NS-Raubkunst beschäftigt hat, war von der Museumsleitung mit dieser Aufgabe beauftragt worden. Schmidt-Rottluffs Bild war ihm rasch ins Auge gefallen. «Das Gemälde mit dem offiziellen Titel ›Ostsee‹ war unter anderem Namen katalogisiert worden. Das hatte mich stutzig gemacht», sagt der Kunsthistoriker. Durch intensive Archivrecherche fand er dann heraus, dass das Bild in der modernen Kunstausstellung 1928 in der Berliner Nationalgalerie ausgestellt worden war.

Die Liste der damals von Privatbesitzern als Leihgabe zur Verfügung gestellten Kunstwerke existiert bis heute. Daraus ging hervor: «Ostsee» war eine Leihgabe von Hugo Benario. «Damit konnten wir das Gemälde einwandfrei dem Besitz von Hugo Benario zuordnen», erläutert Artinger.

Anhand eines überlieferten Briefwechsels mit einem Schweizer Museum, dem Benario das expressionistische Gemälde 1933 zum Kauf angeboten hatte, wusste der Forscher, dass es sich bei Machtantritt der Nationalsozialisten noch im Besitz des Berliner Kunstsammlers befand. Danach verliert sich die Spur.

museum Die Zeit von 1933 bis 1952, dem Jahr, in dem das Leopold-Hoesch-Museum das Gemälde aus dem Besitz einer Berliner Witwe, deren Mann in sowjetischer Kriegsgefangenschaft gestorben war, erwarb, konnte Provenienzforscher Artinger nur fragmentarisch rekonstruieren.

«Wir wissen, dass Hugo Benario das Bild verkaufen wollte und dass ihn die Nazis anhand fadenscheiniger Beschuldigungen wegen Devisenvergehen unter Druck gesetzt hatten», sagt Artinger. Mit Blick auf die Indizienlage hatten sich das Museum und die Stadt Düren auf Empfehlung des Forschers schließlich dazu entschieden, das Gemälde als belastet – oder, wie es im Juristendeutsch offiziell heißt, «NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut» – einzustufen.

«Aufgrund der Verfolgungsgeschichte der Familie Benario ist anzunehmen, dass der Verkauf des betreffenden Gemäldes nicht unter adäquaten Bedingungen stattgefunden haben kann», schlussfolgert Artinger. In Gesprächen zwischen der Familie und der Museumsleitung konnte man sich inzwischen auf die Restitution des Gemäldes einigen.

Marktwert Expertisen von Kunsthändlern haben einen aktuellen Marktwert von rund 1,1 Millionen Euro festgestellt. Es ist dabei ausdrücklicher Wunsch der Benarios, dass das Bild im Museum in Düren verbleibt und damit auch weiterhin für die Öffentlichkeit zugänglich ist. «Es geht uns nicht ums Geld, sondern um die Ausübung von Gerechtigkeit gegen das schreiende Unrecht von damals», sagt Jörg Benario.

Die Stadt Düren beabsichtigt, das Gemälde nach der Rückerstattung von der Familie zurückzukaufen und dem Museum zu übergeben. Jörg Benario und seine Mutter wollen bei der feierlichen Übergabe, die noch in diesem Jahr stattfinden könnte, auf jeden Fall dabei sein.

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