Tagung

Radikal pro Israel

Mit roten und blau-weißen Fahnen: linke Israelfreunde auf einer Demo gegen den »Al-Quds-Tag« in Berlin Foto: Gregor Zielke

Antiimperialistische und stalinistische Linke hassen sie inbrünstig, der Verfassungsschutz beobachtet sie aufmerksam und gelegentlich berichten ausländische Journalisten amüsiert oder befremdet über diese seltsame Spezies: die pro‐israelische radikale Linke, in der Szene auch »Antideutsche« genannt. Ein Begriff, den diese selbst allerdings nicht mehr gelten lassen möchten. Lieber erhebt man, wie der als Guru der Szene geltende Justus Wertmüller 2009 in der Zeitschrift »Bahamas« formulierte, den Anspruch, Ideologiekritik im Geist der Kritischen Theorie zu betreiben.

»konkret« An diesem Wochenende treffen sich Vertreter dieser Richtung in Hamburg zur Tagung »Israel. Deutschland. Zwei Staaten. Keine Lösung.«. Veranstalter ist die Monatszeitschrift »Konkret«. Deren Herausgeber Hermann L. Gremliza gilt als so etwas wie der strenge und zuweilen schrullige, aber wegen seiner Verdienste geachtete Patenonkel all jener Linken, die sich zumindest über eines einig sind: Solidarität mit Israel und der Kampf gegen Antisemitismus sind notwendig.

Unter den Referenten und Teilnehmern der abschließenden Podiumsdiskussion finden sich Antideutsche (bleiben wir der Einfachheit halber bei diesem Begriff) wie Stephan Grigat, Alex Feuerherdt und Lars Quadfasel. Mit dabei ist auch Thomas Ebermann, ehemaliger Kader des maoistischen Kommunistischen Bundes (KB) und in den Jahren 1987 und 1988 Fraktionssprecher der Grünen im Bundestag, der seine Position selbst so charakterisiert: »Links sein heißt kein Vaterland haben, nicht um einen nationalen Standort in der Welt rangeln, sondern denen, die in diesem System das Sagen haben, die Pest an den Hals zu wünschen.« Bundestagsabgeordnete der Grünen (von 1987 bis 1990) war auch Jutta Schwerin, Tochter eines jüdischen Kommunisten. Der linksliberale Publizist Micha Brumlik, ein Kind jüdischer Flüchtlinge, gehörte zu den frühen Kritikern des Antisemitismus in der Linken.

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In seinem Artikel »Plan B«, der im Juli vorigen Jahres in Konkret veröffentlicht wurde, hatte Brumlik wohlwollend Varianten eines möglichen binationalen israelisch‐palästinensischen Staates diskutiert. Während Avi Primor, der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland, kritisch, aber unaufgeregt in der Konkret‐Debatte antwortete, dass eine Zweistaatenlösung bei einem stärkeren Engagement der USA und der EU immer noch die realistischere Option sei, war die antideutsche Reaktion heftiger.

»Es gibt unter den gegebenen Umständen keine Lösung des Nahostkonflikts, denn diese würde implizieren, den Antisemitismus aus der Welt zu schaffen«, schrieb Stephan Grigat. Der Politologe Clemens Heni nannte auf seinem Blog Brumliks Artikel gar ein »besonders durchdachtes, generalstabsmäßig geplantes Manöver«, dessen Ziel die Zerstörung Israels sei, und bescheinigte Konkret »distinguierten Israelhass mit Koscherstempel«.

Selbst wenn man Brumliks Ansatz für verfehlt hält, drängen sich Fragen auf: Hätten wir’s in der Kritik nicht auch ein paar Nummern kleiner? Was ist von einer Israelsolidarität zu halten, die sich zionistischer als der Zionismus gibt? Sind die Antideutschen, wie ihnen häufig vorgeworfen wird, gar nicht so antideutsch?

wurzeln Die Geburtsstunde der Bewegung war 1989. Schien die Wiedervereinigung zuvor ein eher lustlos vertretenes Dogma zu sein, war nun bei Politikern und Bevölkerung eine emotionale patriotische Aufwallung zu erkennen. Bald darauf entstand das Bündnis »Radikale Linke«, man wählte die Parole »Nie wieder Deutschland« für die Mobilisierung. Dabei waren neben Gremliza unter anderem Trotzkisten wie Winfried Wolf und linke Grüne wie Angelika Beer. Die wohl größte Fraktion stellten Anhänger einer Minderheitsgruppe des KB, der sich in dieser Zeit langsam auflöste.

Die Absage an das Nationale betraf nicht allein Deutschland. Dass vorgeblich linke »nationale Befreiungsbewegungen« in Entwicklungsländern Diktaturen errichteten, war bereits in den 80er‐Jahren kritisch diskutiert worden. Überdies hatten jüdische Wissenschaftler wie Brumlik, Moishe Postone und andere deutlich gemacht, dass Antisemitismus keine nebensächliche Randerscheinung – marxistisch ausgedrückt ein »Nebenwiderspruch« – ist und auch Linke keineswegs immun dagegen sind. Damit standen die traditionelle Solidarisierung mit dem palästinensischen Nationalismus und der Antizionismus infrage.

krieg Doch welche Schlussfolgerungen waren daraus zu ziehen? Zu einem ersten Bruch in der »Nie wieder Deutschland«-Bewegung kam es mit dem amerikanisch‐irakischen Krieg 1991. Die Drohung Saddam Husseins, Israel zu vernichten, bewog viele Linke dazu, den Krieg zu befürworten. Ins Visier nahmen sie dabei auch die Friedensbewegung, die Saddams angekündigten Giftgasangriff auf Israel mit einem Schulterzucken überging und die Lieferung deutscher Abwehrsysteme strikt ablehnte. In der Märzausgabe 1991 von Konkret bezeichnete Gremliza den Krieg als notwendiges Übel, Wolfgang Pohrt drückte seine Hoffnung aus, Israel werde auf einen Giftgas‐ mit einem Nuklearangriff reagieren und die Bundesregierung die Friedensdemonstranten einsperren. Ein Hang zu Übertreibung und Überaffirmation zeichnete von jeher die Antideutschen aus.

Als eigentliche Geburtsstunde der antideutschen Bewegung kann aber das Jahr 1995 gelten. Bei der Zeitschrift »Bahamas« ging die Fraktion, die sich als Teil einer linken Bewegung verstand. Die verbliebenen Redakteure wollten fortan außerhalb der Linken »nur sich selbst verantwortlich« sein. Die Antideutschen, als deren Zentralorgan Bahamas fortan galt, organisierten sich als intellektuelle Zirkel, die sich vor allem auf die Kritische Theorie und die Psychoanalyse berufen. Berühmt und berüchtigt sind sie vor allem, weil sie den unnachgiebigen Kampf gegen den Islamismus propagieren. Für die Ansicht, dass dieser Kampf vor allem militärisch geführt werden müsse und Entwicklungen wie die arabischen Revolten auch langfristig keinen Anlass zur Hoffnung auf Besserung bieten könnten, gibt es komplexe und abstrakte philosophische Begründungen. Mit den Niederungen gesellschaftlicher Realität befassen sich Antideutsche nur ungern.

einfluss Die Zahl der Antideutschen, die sich um »Bahamas« und vergleichbare Publikationen wie »Prodomo« und »Bonjour Tristesse« gruppieren, ist nicht hoch, sie dürfte einige Hundert nicht übersteigen. Es gibt allerdings eine junge Fangemeinde primär in der Universitäts‐ und Antifa‐Szene, vor allem aber eine Verbreitung der brauchbaren Ideen in anderen Strömungen der Linken: Man muss Staat und Kapital nicht lieben, um den »bürgerlichen« Rechtsstaat der Diktatur vorzuziehen. Es gibt daher keinen Anlass, antiwestliche Diktatoren zu unterstützen. Westliche Interventionen gegen rechtsextreme Terrorgruppen wie Al Qaida sind nicht allein deshalb falsch, weil sie westliche Interventionen sind. Und nicht zuletzt: Israel hat ein Recht auf Existenz und Selbstverteidigung.

Die Feindschaft der stalinistischen und antiimperialistischen Linken, die oft hysterische und zuweilen sogar gewalttätige Formen annimmt, zeigt, dass die Antideutschen wichtige Denkanstöße gegeben haben. Die Israelfeindschaft hat ihre Unschuld verloren, vor allem das nehmen antizionistische Linke den Antideutschen und jenen, die sie dafür halten, übel. Mittlerweile gibt es in jeder Strömung der Linken, von den Jusos bis zu den Anarcho‐Syndikalisten, eine explizit proisraelische Fraktion; antiisraelische Aktivitäten wie die BDS‐Kampagne stoßen auf größeren Widerstand. Die Antideutschen mögen einen Hang zum Sektenhaften haben, wie ihnen auch von Wohlmeinenden gelegentlich attestiert wird: Völlig ohne realpolitische Wirkung sind sie nicht.

»Israel. Deutschland. Zwei Staaten. Keine Lösung.« Im und mit dem Polittbüro Hamburg (Steindamm 45), 22. und 23. Februar

www.konkret-magazin.de

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