Forschungsprojekt

Propaganda und Schikane

Drei Jahre vor der Machtergreifung: Marlene Dietrich (r.) in »Der Blaue Engel«, musikalisch begleitet von den Weintraub Syncopators und Friedrich Hollaender am Klavier Foto: imago images/Everett Collection

Im Jahr 1937 kam die UFA-Kriminalkomödie Der Mann, der Sherlock Holmes war in die Kinos. Hans Albers und Heinz Rühmann waren die Hauptdarsteller, ihr Duett »Jawoll, meine Herr’n« wurde ein Kassenschlager. Albers und Rühmann waren damals ebenso wie die Sängerinnen und Schauspielerinnen Zarah Leander oder Kirsten Heiberg umschwärmte Stars. Auch Musiker und Komponisten wie Peter Kreuder oder Franz Grothe waren erfolgreiche Künstler im »Dritten Reich«. Und sie blieben es, während jüdische Kollegen – etwa Friedrich Hollaender, der die Musik zum Blauen Engel schrieb – ins Exil gingen, Berufsverbot erhielten oder ermordet wurden.

Welche Rolle spielte Unterhaltungsmusik für die Nationalsozialisten? Wie wurde sie für die Propaganda, die oftmals antisemitisch war, missbraucht? Welchem Druck waren einzelne Musiker oder Sängerinnen ausgesetzt? Die Hintergründe und Biografien vieler Künstler sind aus Forschersicht noch immer weitestgehend »Terra incognita«, sagt Peter Niedermüller, Professor am Institut für Kunstgeschichte und Musikwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Das wollen er und seine Kollegin Pia Nordblom, Wissenschaftlerin am Historischen Seminar, ändern.

GRUNDLAGENFORSCHUNG Niedermüller leitet das Forschungsprojekt »Deutsche Unterhaltungsmusik im 20. Jahrhundert«, welches das Musikgeschehen vom Ende der Weimarer Republik bis 1945 ausleuchten will. »Bisher stützt sich vieles auf Klischees. Wir wollen jedoch ein wissenschaftlich validiertes Geschichtsbild entwickeln. Wir betreiben Grundlagenforschung«, sagt der 52-Jährige. Das Projekt läuft zunächst drei Jahre, finanziell unterstützt von der GEMA und der Franz Grothe-Stiftung.

Im Fokus des Projekts steht auch das Handeln einzelner Musiker.

Im Fokus steht, neben der politischen Einflussnahme und Repression durch die Nationalsozialisten, auch das Handeln einzelner Musiker. Als Filmmusikexperte will Niedermüller zudem untersuchen, wie und zu welchem Zweck Unterhaltungsmusik in Spielfilme eingebettet wurde.

»Unterhaltungsmusik war im Dritten Reich unter Propagandaminister Joseph Goebbels ein wichtiges Kommunikationsmittel. Sie war Teil einer Politik, »die sowohl die Aufführung als auch die Rundfunkausstrahlung von Werken von Komponisten unterbinden sollte, die aus antisemitischen, rassistischen und politischen Gründen unerwünscht waren«, so der Wissenschaftler. »Allen Musikern, die in dieselben Kategorien fielen, sollte die praktische Ausübung ihres Berufes unmöglich gemacht werden.« Dieser Prozess war bis 1938 weitgehend abgeschlossen.

Konsequenz war, dass Musiker, die die Möglichkeit dazu hatten – vor allem, weil sie ohnehin international agierten –, schon früh versuchten, Deutschland zu verlassen. Wie etwa Hollaender, der 1933 nach Hollywood ging. »Oft war dies eine Reaktion auf konkrete Schikanen und Bedrohungen bei Auftritten im Reich«, sagt Niedermüller. Nur wenige konnten noch als Musiker agieren – »und wenn, dann etwa im ›Kulturbund deutscher Juden‹, einer Einrichtung, die im Kontext der fortschreitenden Ghettoisierung der Juden zu sehen ist«, erklärt der Mainzer Professor.

JAZZ Peter Niedermüller verweist auf die Publikation Judentum und Musik: Mit dem ABC jüdischer und nichtarischer Musikbeflissener, die in der ersten Auflage 1935 rund 5000 internationale und nationale Musiker zusammentrug, darunter die jüdischen Jazzmusiker Dajos Béla, James Kok oder die Weintraub Syncopators.

Gerade im Jazz sei der Begriff »jüdisch« ideologisch eingesetzt worden: ein Diskurs, der in Zeitschriften wie etwa »Die Musik«, einem Organ der »Reichsmusikkammer«, offen geführt wurde. Danach repräsentierte der Jazz »rassisch unterlegene« Musik und »jüdische Frivolität«. Sein Erfolg sei Ergebnis des kapitalistischen Geschicks der amerikanischen Juden. Entsprechend wurde die Musik von Künstlern als »Juden-Jazz« verunglimpft, selbst wenn sie – wie beispielsweise Teddy Stauffer – gar keine Juden waren, sagt Niedermüller.

Den Forschern ist die vergleichende Perspektive bei den Biografien wichtig.

1938 wurden in der Ausstellung über »entartete Musik« farbige amerikanische Jazzer als Affen mit »Judenstern« diffamiert. Jazz und Swing aus der deutschen Unterhaltungsmusik zu verdrängen, gelang Goebbels und seiner Propaganda allerdings nicht. Beim Publikum kam diese Musik an, und gleichzeitig wollte sich Deutschland als Ausrichter der Olympischen Spiele wiederum mondän geben, so der Forscher.

Wie wirkte sich die Repression auf die Branche und nichtjüdische Musiker aus? »Die Entwicklung führte zu einer Ausdünnung des Marktes. Wenn Musiker aus antisemitischen Gründen entfernt wurden, das Ensemble aber fortbestehen durfte, so rückten natürlich ›arische‹ Musiker nach«, sagt Niedermüller. In einzelnen Fällen lasse sich gerade mit Blick auf den Jazz opportunistisches Verhalten nachweisen.

Den Musiker Oskar Joost etwa, der 1933 in die NSDAP eintrat und sich 1936 bei den Nazis mit einer Denkschrift zur Kultivierung der Tanzmusik in Deutschland anbiederte, beschreibt der Forscher als einen Vertreter des »Hot Jazz«. Er beteiligte sich an dem Versuch der »Reichsmusikkammer«, die eine »deutsche« Tanzmusik als allgemein verbindlich durchsetzen wollte. Joosts Musik blieb dennoch Jazz. »Er predigte Wasser und trank Wein«, so Niedermüller.

EINORDNUNG Nazi, Mitläufer oder Opportunist? Diese Frage stellt sich bei vielen Biografien, die die Forscher in den Blick nehmen. Warum und wie durften Musiker weiterarbeiten? Kirsten Heiberg war Sängerin und UFA-Star. Sie trat in NS-Propagandafilmen auf, weshalb sie nach 1945 in ihrer Heimat Norwegen boykottiert wurde. Verheiratet war sie mit Franz Grothe, der Schlager komponierte und als einer der beliebtesten deutschen Komponisten und Dirigenten auch nach dem Krieg Karriere machte. Er schrieb die Musik für 170 Filme und Musicals wie Das Wirtshaus im Spessart.

Grothe trat schon 1933 in die Partei ein, eine Unterschrift fehlt aber auf seinem Mitgliedsantrag. Später behauptete er, nie wissentlich Parteimitglied gewesen zu sein. Er war in der »Reichsmusikkammer« aktiv, Sendegruppenleiter beim »Großdeutschen Rundfunk« und künstlerischer Leiter des Deutschen Tanz- und Unterhaltungsorchesters – eine Position, die ihm Goebbels 1944 entzog. Musikalisch kann Niedermüller keine Veränderung in Grothes Werk während der NS-Zeit ausmachen. War er ein Nazi?

Diese Einordnung will das Projekt vornehmen. Den Forschern ist die vergleichende Perspektive bei den Biografien wichtig. Zum Beispiel mit Peter Kreuder, der Schlager und Musicals komponierte. Auch er schrieb Musik für NS-Filme. 1932 hatte er die Parteimitgliedschaft beantragt, zwei Jahre später wurde sie wieder gestrichen. Niedermüller macht viele Grauzonen in den Lebenswegen aus. »Es gab nicht nur schwarz und weiß«, sagt er.

Miriam Cahn

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