Terror

Plötzlich Polizeischutz

Thomas Meyer Foto: dpa

Terror

Plötzlich Polizeischutz

Seit dem Anschlag in Halle ist für den Schweizer Autor Thomas Meyer, der sich in Deutschland immer sicher fühlte, alles anders

von Thomas Meyer  24.10.2019 13:18 Uhr

Meine Mutter mag Deutschland nicht, und sie mag es nicht, wenn ich hinreise. Sie ist 1941 geboren und erinnert sich noch, wie in Zürich Fliegeralarm gegeben wurde, als die Royal Air Force über dem südlichen Deutschland Angriffe flog. Sie erinnert sich auch an die Anfeindungen ihrer Mitschüler.

Saujude, Saujude, riefen die Kinder, und der Lehrer fand das lustig. Man kann ihr nicht verübeln, dass das für sie alles zusammengehört.

Wolkenbruch Ich hingegen mochte Deutschland immer sehr. In den sieben Jahren seit Erscheinen meines ersten Wolkenbruch-Romans habe ich hier über 120 Lesungen absolviert. Die Menschen, denen ich dabei begegnet bin, habe ich überall als offen, herzlich und aufgeschlossen erlebt. Das mag mit dem literarischen Umfeld zu tun haben, es mag mit meiner eigenen Art zu tun haben, es mag aber auch damit zu tun haben, dass das Deutschland von heute nicht das Deutschland aus der Kindheit meiner Mutter ist.

Jedenfalls fühlte ich mich jederzeit sicher. Ich habe mir, anders als meine Mutter, die grundsätzlich stets um meine Gesundheit fürchtet, bei Deutschlandreisen aber erst recht, dabei nie Gedanken darüber gemacht, ob jemand auf dumme Ideen kommen könnte, weil sich da ein Jude vor Deutschen hinstellt und eine jüdische Geschichte erzählt.
Aber das war eben vorher.

Ich hatte keine Lust, meinem Publikum mit Politik die Laune zu verderben.

Dann geschah der Anschlag in Halle. Ich war mit meinem neuen Wolkenbruch gerade auf Lesetour. Darin geht es um Fake News, Hass im Netz und Antisemitismus. Und um Terror gegen Muslime und Juden, ironischerweise.

Fellheim Am Abend des 9. Oktober trat ich in der ehemaligen Synagoge Fellheim auf. Der Veranstalter begrüßte mich und fragte bedrückt: »Was machen wir mit Halle?« Ich antwortete: »Nichts. Was Sie oder ich jetzt sagen würden, ist ohnehin falsch.« Ich hatte keine Lust, meinem Publikum die Laune zu verderben. Auch wenn die Themen des Buches ernst sind, ist es ein lustiger Text. Er ist der Versuch, der Katastrophe mit Humor entgegenzutreten. Ich halte das auch für richtig, nachdem sie tatsächlich eingetreten ist.

Kurz darauf kam die Polizei. Niemand hatte sie gerufen. Sie kam wegen Halle. Eine Polizistin und ein Polizist saßen während meiner Lesung in ihrem Wagen vor dem Gebäude. Nicht meinetwegen, sondern weil in einer ehemaligen Synagoge eine kulturelle Veranstaltung stattfand. Das war das Ende meines Empfindens von Sicherheit in Deutschland. Es gibt jetzt ein Nachher.

Zwei Tage später gab ich einer Schweizer Zeitung ein Interview und wurde gefragt, ob Ereignisse wie in Halle mich dazu bewögen, mich mit Antisemitismus auseinanderzusetzen. Ich antwortete, dass ich mich außerordentlich freuen würde, müsste ich mich nur in solchen Momenten mit Antisemitismus auseinandersetzen. Tatsächlich muss ich es ständig. Immer wieder konfrontieren mich Freunde, auch enge, und Bekannte mit antisemitischen Klischees – der Jude kann gut mit Geld umgehen, der Jude ist klug, der Jude ist geizig.

Entrüstung Protestiere ich, bezeichnen mich die Leute entweder als humorlos (»War doch nur ein Witz!«) oder als rechthaberisch und beharren starrsinnig auf der Richtigkeit ihrer Aussagen: Doch, der Jude sei »geldaffin«! Ich kann dann voller Entrüstung darauf hinweisen, wie respektlos es sei, mir sowas ins Gesicht zu sagen, aber noch nie, in 45 Jahren nicht, hat sich je einer entschuldigt. Der Jude ist eben nicht nur geizig, der Jude hat auch kein Recht, sich zu beschweren. Erst recht nicht, wenn er lustige Bücher schreibt. Wenn ich es richtig verstanden habe, ist meine Arbeit eine offene Einladung, mir erst recht Geldgier zu unterstellen.

Diese Sprüche ärgern mich. Sie verletzen mich. Sie empören mich. Aber sie sind keine Bedrohung gegen mein Leben. Ich kann diese Probleme lösen, indem ich mich von ihren Urhebern löse. Was leider die einzige Maßnahme ist, denn mit Verweisen auf Logik und Anstand erreicht man, wie jeder Jude weiß, nichts.

Jom Kippur Aber wenn ein Neonazi versucht, an Jom Kippur in eine Synagoge einzudringen, um alle zu töten, die sich darin befinden, und wenn meine Lesung am Abend darauf unter Polizeischutz gestellt wird, dann geht es sehr wohl um mein Leben. Um meines und jenes aller anderen Juden, die sich in Deutschland eben doch nicht sicher fühlen dürfen. Ich habe mich geirrt.

Meine Mutter – da macht sie dem Klischee alle Ehre – ist genauestens informiert darüber, wann und wo ihr Sininke auftritt und was er in welchem Interview sagt. Sie streitet vehement ab, den ganzen Tag vor dem Computer zu sitzen und nach diesen Informationen zu suchen, aber ich bin überzeugt, dass es genau so ist. Und ich hoffe sehr, dass sie diesen Text trotzdem nicht findet. Er würde ihr das Herz brechen. Sie sähe all ihre Befürchtungen bestätigt. Und es gäbe nichts, was ich ihr entgegnen könnte.

Der Autor ist Schriftsteller und Kolumnist und lebt in Zürich. Zuletzt erschien sein Roman »Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin« (Zürich 2019).

Leipzig

Ausstellung zu jüdischem Leben und Bach

Johann Sebastian Bach hat sehr wahrscheinlich keine persönlichen Kontakte zu Jüdinnen und Juden gepflegt. Doch seine Werke wurden schon im 18. Jahrhundert von der jüdischen Community aufgeführt und verbreitet

von Katharina Rögner  20.05.2026

Programm

Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 21. Mai bis zum 3. Juni

 20.05.2026

London

»In The Grey«: Jake Gyllenhaal als Schuldeneintreiber

Regisseur Guy Ritchie schickt den jüdischen Schauspieler in eine gefährliche Grauzone zwischen Gesetz und Unterwelt

von Philip Dethlefs  20.05.2026

Programm

Lebenswille, musikalische Soiree und Fußball unterm Hakenkreuz: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 14. Mai bis zum 21. Mai

 19.05.2026

Analyse

Warum Israel beim ESC so erfolgreich war

Gegen Israels Teilnahme am ESC gab es viele Proteste, doch die Zuschauer stimmten am Ende überaus oft für den Beitrag ab. Wie passt das zusammen? Eine Analyse zum Voting-System, zur Werbung und dem Beitrag selbst

von Daniel Zander  19.05.2026

Kultur

Wer ist »Michelle«? Das Geheimnis um Israels ESC-Song

Noam Bettans Lied klingt wie eine Trennungsgeschichte – doch viele interpretieren den Text anders: Als die komplizierte Beziehung des jüdischen Volkes zu Europa

von Sabine Brandes  19.05.2026

New York

Bob Dylan - Der geniale Sonderling

Protestlieder, elektrischer Rock, Country-Alben, religiöse Musik. Die Welt hat ihm einige der einflussreichsten Musikstücke zu verdanken. Eine Ikone wollte er aber nie sein

von Anne Pollmann  19.05.2026

Berlin/Paris

Berliner Fotograf dokumentiert Pariser Juden-Deportation

Lange Zeit unbekannte Fotos zeigen, wie Pariser Juden 1941 ahnungslos einer Vorladung folgten – und in den Abgrund geführt wurden. Was der Harry Croner dabei dokumentierte

 19.05.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« erhält Tacheles-Preis

Der Tacheles-Preis wird alle zwei Jahre an Personen oder Organisationen verliehen, die sich für die Sicherung einer jüdischen Zukunft in Deutschland einsetzen. Die Laudatio hält der neue WELT-Chefredakteur Helge Fuhst

 18.05.2026