Sechstagekrieg

»Plastischer Moment der Geschichte«

Wie israelische Intellektuelle 1967 reagierten, prägt den politischen Diskurs bis heute

von Noam Zadoff  30.09.2013 21:52 Uhr

Gesiegt und alle Fragen offen: Israelische Soldaten 1967 an der Westmauer in Jerusalem Foto: Reuters

Wie israelische Intellektuelle 1967 reagierten, prägt den politischen Diskurs bis heute

von Noam Zadoff  30.09.2013 21:52 Uhr

Der Sechstagekrieg gilt als ein Wendepunkt in der Geschichte des Staates Israel. Innerhalb von knapp einer Woche, vom 5. bis 10. Juni 1967, veränderte sich die politische Realität des Nahen Ostens radikal. Ein großer Teil der Bevölkerung betrachtete die Niederlage der arabischen Armeen und den unerwarteten territorialen Zuwachs als Erfüllung des zionistischen Traums. Manche jedoch, vornehmlich Intellektuelle, sahen in der neuen Rolle Israels einen Verrat an dem, was sie als zentrales Moment jüdischer Identität betrachteten: die Identifikation mit den Schwachen und Verfolgten.

Jetzt waren Interpretationen der neuen Realität ebenso dringend nötig wie alternative Visionen für die zionistische Ideologie. Und so engagierten sich viele Intellektuelle in der Suche nach politischen Antworten auf die Frage, was mit den besetzten Gebieten und ihrer arabischen Bevölkerung denn zu tun sei. Zwei dieser Lösungsvorschläge wurden unmittelbar nach den Ereignissen niedergeschrieben: Moshe Shamirs My Life with Ishmael und Uri Avnerys Israel without Zionists: A Plea for Peace in the Middle East erschienen 1968. Obwohl beide Werke zwei extreme Stimmen repräsentieren, werden ihre Autoren in Israel als zentrale Vertreter der politischen Öffentlichkeit betrachtet. Die Ideen beider Autoren, Shamir und Avnery, etablierten sich als legitime Richtungen innerhalb der israelischen Öffentlichkeit, die sie entscheidend mitprägten.

Gross‐israel 1967 war Moshe Shamir bereits einer der bekanntesten Autoren Israels. Geboren 1921 und aufgewachsen in Tel Aviv, wurde Shamir Mitglied der sozialistischen Jugendbewegung Hashomer Hatzair. Bis Juni 1967 galt er als Vertreter der Kibbuzbewegung, die er in seinen Romanen eindrücklich geschildert hat. Der Sechstagekrieg sollte sich als Wendepunkt in Shamirs Leben herausstellen. Denn kurz nach Kriegsende initiierte er mit anderen Intellektuellen die Groß‐Israel‐Bewegung. Diese vertrat die Meinung, die eroberten Gebiete sollten behalten und besiedelt werden. Shamir blieb dieser Ideologie bis zu seinem Tod im Jahr 2004 treu.

My Life with Ishmael erschien mit der Absicht, diese Ideologie zu rechtfertigen. Das Buch kombiniert seine persönlichen Erfahrungen aus der Mandatszeit und dem Krieg von 1948 mit allgemeinen Beobachtungen zur Natur des israelisch‐arabischen Konflikts. Zentrales Charakteristikum des Buches ist die Darstellung der jüdischen Geschichte als Leidensgeschichte. Indessen werden die Araber als Teil der ewigen Kräfte des Bösen gesehen, die kontinuierlich das jüdische Volk mit Vernichtung bedrohen.

Um Frieden in der Region zu erreichen, sei ein mächtiges Israel nötig. Doch der Beweis der Stärke allein sei nicht genug: Für einen gerechten Frieden sei auch die internationale Anerkennung von Israels rechtmäßigem Anspruch auf das Land gefordert.

Das jüdische Volk habe die moderne westliche Zivilisation nach Palästina gebracht. Die Böswilligkeit der lokalen arabischen Bevölkerung zeige sich darin, dass sie diese wohlwollende Rolle nicht annahm und sich durch gewaltsame Rebellion wieder und wieder auflehnte.

Westen Doch vor allem entspringe das Recht des jüdischen Volkes auf das Land seinem existenziellen Bedürfnis nach einem Asyl. Selbst 20 Jahre nach der Gründung des Staates Israel und nach dem Sieg von 1967 betrachtete Shamir das jüdische Volk als verfolgte Nation, die einer permanenten Bedrohung ausgesetzt ist. Shamir richtet sich auch gegen zeitgenössische Debatten über das palästinensische Flüchtlingsproblem. So argumentiert er, dass die Palästinenser nicht zu dem Land gehörten und deshalb nicht als Flüchtlinge gesehen werden könnten. Das tatsächliche Palästina sei Syrien, während das Land Israel auf die Rückkehr des jüdischen Volkes warte.

Die Dichotomie zwischen Osten und Westen spielt eine zentrale Rolle in Shamirs Argumentation. Die Rolle Israels sei es, den Westen zu schützen – durch eine strikte Teilung der Welt in den Westen auf der einen, die totalitären arabischen Staaten unter sowjetischem Einfluss auf der anderen Seite. Der Frieden könne nur durch eine Akzeptanz der israelischen Bedingungen erreicht werden. Aber leider werde ein solcher Frieden nie zustande kommen, da die Araber sich niemals dazu bereit erklären würden, die Existenz des Staates Israel zu akzeptieren. Als Konsequenz müsse Israel mit dem Schwert in der Hand leben und siegen.

Shamirs Ideologie wurde von der regierenden Arbeitspartei anfänglich abgelehnt und er selbst aus der Partei ausgeschlossen. Gleichwohl gewann seine Weltsicht mit den Jahren an Bedeutung in der israelischen Bevölkerung und Politik. In diesem Sinn repräsentierte Shamirs Position im Lauf der Jahre mehr und mehr die allgemeine israelische Haltung gegenüber den Arabern.

Teufelskreis Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, wurde nach dem Sechstagekrieg einer der prominentesten Friedensaktivisten Israels, traf sich mit Vertretern der PLO und gründete 1993 die Friedensorganisation Gush Shalom. Genau wie Shamir beginnt Avnerys Buch mit einem autobiografischen Bericht. Doch anders als Shamir, für den der Krieg ein weiteres Glied in der langen historischen Kette jüdischen Leidens bedeutet, bezeichnet Avnery ihn als Ergebnis einer Reihe von unvermeidlichen Reaktionen aufseiten beider Konfliktpartner. Sein Buch beabsichtigt, eine Lösung anzubieten für eine Situation, die er schlicht einen »Teufelskreis« nennt.

Avnery verortet den Beginn dieses Teufelskreises in der Anfangsphase der zionistischen Bewegung. In Europa entstanden, war der Zionismus ein westliches Phänomen und ignorierte deshalb die Existenz einer arabischen Bevölkerung. Die junge Bewegung verortete ihre Wurzeln im Westen, den zu verlassen ihr Ziel war, und nicht im Osten, in dessen Richtung sie blickte.

Integration Avnery legt die Verantwortung für die Lösung der politischen Situation in die Hände Israels. Die Balfour‐Deklaration von 1917 und der Beginn der britischen Unterstützung des zionistischen Projekts hätten maßgeblich zur Entstehung des »Teufelskreises« geführt. Die Lösung, die Avnery vorschlägt, liegt darin, die israelische Gesellschaft von ihrer westlichen Herkunft zu emanzipieren. Obwohl die neue Nation ihre jüdisch‐zionistische Vergangenheit respektieren solle, müsse es ihr Hauptanliegen sein, in die Zukunft zu schauen und sich in den Rahmen des Nahen Ostens zu integrieren. Das Haupthindernis auf dem Weg zu dieser Integration sei die Definition Israels als jüdischer und folglich zionistischer Staat.

Ein solcher Schritt bedeute, dass Israel seine Identifikation mit den westlichen Mächten aufgeben und es zu seiner Priorität erheben müsse, Beziehung zu seinen regionalen und natürlichen Partnern, den Arabern, zu entwickeln. Voraussetzung sei es, dass Israel die gefährliche Idee aufgäbe, die besetzten Gebiete zu annektieren.

Die Gründung einer Palästinensischen Republik werde dann den Weg ebnen für eine zukünftige Föderation zwischen den beiden Ländern. Dieser utopische Traum, so Avnery, könne nur nach der Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge von 1948 und 1967 realisiert werden.

Utopie Gershom Scholem beschrieb die Zeit, die unmittelbar auf den Sechstagekrieg folgte, als einen »plastischen Moment in der Geschichte«. Ihm zufolge konnte die politische Realität Israels für einen Moment lang verändert und ganz neu definiert werden. Diese Möglichkeit zur Veränderung ist ein Punkt der Ähnlichkeit zwischen Avnery und Shamir, trotz der tiefen Differenzen. Beide gehörten der Generation von 1948 an, und beide betrachteten den Sechstagekrieg als Wendepunkt in ihrem Leben.

Shamir und Avnery teilen ähnliche Positionen in Bezug auf einen utopischen Raum: Sie unterscheiden zwischen dem Staat Israel und dem Land Israel als politische und geografische Einheit und betrachten den Staat Israel als eine vorübergehende Lösung auf dem Weg zu einem neuen Land Israel, das über ein größeres Territorium herrschen würde. Mit dem Unterschied, dass dieses utopische Israel für Avnery in Gestalt einer postzionistischen Föderation erscheint und für Shamir als nationalistischer jüdischer Staat.

Uri Avnery und Moshe Shamir repräsentieren zwei Extreme und einander widersprechende, aber trotzdem utopische Stimmen im Israel dieser Ära. Beide Extreme vertraten eine aktivistische Linie für die Politik des Staates nach 1967, und beide waren zeitweise erfolgreich und euphorisch und erlebten zugleich bittere Enttäuschungen. Als Resultat des ungelösten Konflikts sind beide Ideologien heute in der israelischen Gesellschaft vertreten.

Der Autor ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der LMU München. Der Text ist die stark gekürzte Version eines Vortrags, den Zadoff auf der Tagung »Krieg und Frieden. Politische Perspektiven in Israel und der arabischen Welt« der Bildungsabteilung des Zentralrats – 9. bis 11. Oktober in Berlin – halten wird.

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