Studie

Phantomschmerz zweier Völker

Alles Verdrängte wirkt nach und neigt zu katastrophalen Explosionen. Es gibt einen Ort in Israel, an dem man das studieren kann: Wadi Salib, ein Ruinenareal im unteren östlichen Haifa. Dort bricht plötzlich Anfang Juli 1959 ein Aufstand los. Im Nu werden aus einer Kneipenstreiterei mit ein paar kaputten Flaschen Straßenschlachten. Ein Polizist hat auf den Kneipenrandalierer geschossen. Sofort strömen Einwohner zusammen, Fensterschei- ben werden eingeschlagen, Autos angezündet, die Büros von Histadrut und Mapai angegriffen, Polizisten mit Steinen beworfen.

Aber es ist kein jüdisch-arabischer Konflikt, sondern ein innerjüdischer, der der jungen Nation zum ersten Mal drastisch klarmacht, dass sie voller massiver innerer Spannungen steckt. Die Aufständischen sind aus Marokko geflüchtete arme, eher ungebildete Misrachim. Ihre Wut ist lange aufgestaut und richtet sich gegen die Aschkenasim, die überall im Staat das Sagen haben und keineswegs frei von Vorurteilen und Klassendünkel sind.

Unter diesem bis heute weitgehend verdrängten historischen Ereignis liegt aber noch ein zweites, gewaltsameres: die Enteignung und Vertreibung der arabischen Einwohner der viel besungenen »gemischten Stadt«. Am 21. April 1948 mittags beginnt die Hagana mit der Eroberung der arabischen Viertel, am 22. April beginnt der Exodus der Araber.

Von den 30 bis 60.000 Muslimen und Christen – die Zahlen schwanken – sind bald nur noch drei- bis 6.000 da, auch weil die britische Mandatsverwaltung kurz in Fluchthilfe-Aktionismus verfällt. Manche im Jischuw und vor allem Lokalpolitiker sind bestürzt, sehen den Exodus als moralische Katastrophe und rufen die Araber zur Rückkehr auf.

Exodus Golda Meir, die Haifa sofort besucht, fühlt sich beim Anblick der wartenden Flüchtlinge und der leeren Wohnungen, in denen noch Kaffee und Brot auf dem Tisch stehen, an Pogrome und an die Schoa erinnert: »Ich konnte nicht anders, als mir vor Augen zu führen, dass das sicher das Bild in vielen jüdischen Städtchen gewesen ist.«

Sie weint gemeinsam mit einer alten Araberin, die gerade mit ein paar Bündeln ein entvölkertes Haus verlässt. Aber: »Es war die Erschütterung des Augenblicks«, schreibt Yfaat Weiss. »Noch bevor die Briten das Land verlassen hatten, zog die jüdische Führung ihren Appell an die Araber zurück.« Haifa wird »hebraisiert«, Wadi Salib die neue Heimat für marokkanische Flüchtlinge.

Verdrängte Nachbarn ist eine ungemein lebendige Studie über einen Ort, an dem der Phantomschmerz zweier verfeindeter Völker sitzt. Yfaat Weiss, Direktorin des »Franz Rosenzweig Minerva Center for German-Jewish Literature and Cultural History« an der Hebräischen Universität Jerusalem, gehört zur neuen Generation jüdisch-israelischer Historiker.

Wie eine Archäologin, in narrativen Spiralbohrungen, gräbt sie sich durch die Schichten, kreist um einen innerjüdischen Konflikt, kratzt die verdrängte Vertreibung darunter frei und scheut auch nicht das arabische Wort dafür, nakba Haifa. Ihr Buch braucht keine Fotos, sie erzählt so bildhaft konkret und detailreich, dass eines ganz klar wird: Der interne und der externe Konflikt sind zutiefst ineinander verschränkt und konstitutiv für die Identität beider Völker.

Die moralische Strahlkraft von Geschichtsschreibung bemisst sich an der Offenheit gegenüber den dunklen, inhumanen Seiten von Siegen wie von Niederlagen. Yfaat Weiss klopft ihre ergreifenden Fundstücke immer auch auf kulturelle, urbane, soziale Maserungen ab und zeigt, wie haarfein und wie verknotet die Fäden in dem ängstlich beäugten Spannungsfeld namens »Nahostkonflikt« sind und wie prekär die Zuordnung von Siegen und Niederlagen.

Yfaat Weiss: »Verdrängte Nachbarn. Wadi Salib – Haifas enteignete Erinnerung«. Aus dem Hebräischen von Barbara Linnert. Hamburger Edition, Hamburg 2012, 286 S., 25 €

Medien

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