EILMELDUNG! Medienbericht: Iran soll Ermordung von Josef Schuster und Volker Beck geplant haben

Studie

Phantomschmerz zweier Völker

Alles Verdrängte wirkt nach und neigt zu katastrophalen Explosionen. Es gibt einen Ort in Israel, an dem man das studieren kann: Wadi Salib, ein Ruinenareal im unteren östlichen Haifa. Dort bricht plötzlich Anfang Juli 1959 ein Aufstand los. Im Nu werden aus einer Kneipenstreiterei mit ein paar kaputten Flaschen Straßenschlachten. Ein Polizist hat auf den Kneipenrandalierer geschossen. Sofort strömen Einwohner zusammen, Fensterschei- ben werden eingeschlagen, Autos angezündet, die Büros von Histadrut und Mapai angegriffen, Polizisten mit Steinen beworfen.

Aber es ist kein jüdisch-arabischer Konflikt, sondern ein innerjüdischer, der der jungen Nation zum ersten Mal drastisch klarmacht, dass sie voller massiver innerer Spannungen steckt. Die Aufständischen sind aus Marokko geflüchtete arme, eher ungebildete Misrachim. Ihre Wut ist lange aufgestaut und richtet sich gegen die Aschkenasim, die überall im Staat das Sagen haben und keineswegs frei von Vorurteilen und Klassendünkel sind.

Unter diesem bis heute weitgehend verdrängten historischen Ereignis liegt aber noch ein zweites, gewaltsameres: die Enteignung und Vertreibung der arabischen Einwohner der viel besungenen »gemischten Stadt«. Am 21. April 1948 mittags beginnt die Hagana mit der Eroberung der arabischen Viertel, am 22. April beginnt der Exodus der Araber.

Von den 30 bis 60.000 Muslimen und Christen – die Zahlen schwanken – sind bald nur noch drei- bis 6.000 da, auch weil die britische Mandatsverwaltung kurz in Fluchthilfe-Aktionismus verfällt. Manche im Jischuw und vor allem Lokalpolitiker sind bestürzt, sehen den Exodus als moralische Katastrophe und rufen die Araber zur Rückkehr auf.

Exodus Golda Meir, die Haifa sofort besucht, fühlt sich beim Anblick der wartenden Flüchtlinge und der leeren Wohnungen, in denen noch Kaffee und Brot auf dem Tisch stehen, an Pogrome und an die Schoa erinnert: »Ich konnte nicht anders, als mir vor Augen zu führen, dass das sicher das Bild in vielen jüdischen Städtchen gewesen ist.«

Sie weint gemeinsam mit einer alten Araberin, die gerade mit ein paar Bündeln ein entvölkertes Haus verlässt. Aber: »Es war die Erschütterung des Augenblicks«, schreibt Yfaat Weiss. »Noch bevor die Briten das Land verlassen hatten, zog die jüdische Führung ihren Appell an die Araber zurück.« Haifa wird »hebraisiert«, Wadi Salib die neue Heimat für marokkanische Flüchtlinge.

Verdrängte Nachbarn ist eine ungemein lebendige Studie über einen Ort, an dem der Phantomschmerz zweier verfeindeter Völker sitzt. Yfaat Weiss, Direktorin des »Franz Rosenzweig Minerva Center for German-Jewish Literature and Cultural History« an der Hebräischen Universität Jerusalem, gehört zur neuen Generation jüdisch-israelischer Historiker.

Wie eine Archäologin, in narrativen Spiralbohrungen, gräbt sie sich durch die Schichten, kreist um einen innerjüdischen Konflikt, kratzt die verdrängte Vertreibung darunter frei und scheut auch nicht das arabische Wort dafür, nakba Haifa. Ihr Buch braucht keine Fotos, sie erzählt so bildhaft konkret und detailreich, dass eines ganz klar wird: Der interne und der externe Konflikt sind zutiefst ineinander verschränkt und konstitutiv für die Identität beider Völker.

Die moralische Strahlkraft von Geschichtsschreibung bemisst sich an der Offenheit gegenüber den dunklen, inhumanen Seiten von Siegen wie von Niederlagen. Yfaat Weiss klopft ihre ergreifenden Fundstücke immer auch auf kulturelle, urbane, soziale Maserungen ab und zeigt, wie haarfein und wie verknotet die Fäden in dem ängstlich beäugten Spannungsfeld namens »Nahostkonflikt« sind und wie prekär die Zuordnung von Siegen und Niederlagen.

Yfaat Weiss: »Verdrängte Nachbarn. Wadi Salib – Haifas enteignete Erinnerung«. Aus dem Hebräischen von Barbara Linnert. Hamburger Edition, Hamburg 2012, 286 S., 25 €

Würdigung

»Wo andere laut schweigen, lässt sie sich nicht unterkriegen«

Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland würdigt in seiner Laudatio auf die Jüdische Allgemeine die Verdienste der Redaktion - und ihren Mut

von Abraham Lehrer  21.05.2026

Tacheles-Preis

»Ihr prägt den Journalismus. Ihr prägt unser Land«

WELT-Chefredakteur Helge Fuhst hielt die Laudatio auf die Jüdische Allgemeine. Eine Dokumentation

von Helge Fuhst  21.05.2026

Cannes

Hüller als Erika Mann, Eidinger als Gestapo-Chef

Das Programm der Filmfestspiele ist vom Zweiten Weltkrieg geprägt. Ein Beitrag außerhalb des Wettbewerbs sorgte für Überraschungen

von Patrick Heidmann  21.05.2026

Dokumentation

»Mehr Mut zu unbequemen Wahrheiten!«

Die Jüdische Allgemeine ist mit dem Tacheles-Preis ausgezeichnet worden. Hier dokumentieren wir die Dankesrede von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  21.05.2026

Aufgegabelt

Schawuot: Käse-Bourekas

Rezepte und Leckeres

 21.05.2026

Berlin

Daniel-Ryan Spaulding: Pro-israelischer Comedian aus Kanada in Deutschland

»Wenn wir Freiheit, Demokratie und säkulare Werte verteidigen wollen, dann sollten wir alle an der Seite Israels stehen«, sagt der Künstler, der auch zum Aktivisten wurde

von Imanuel Marcus  21.05.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Bettina Piper, Imanuel Marcus  21.05.2026

Leipzig

Ausstellung zu jüdischem Leben und Bach

Johann Sebastian Bach hat sehr wahrscheinlich keine persönlichen Kontakte zu Jüdinnen und Juden gepflegt. Doch seine Werke wurden schon im 18. Jahrhundert von der jüdischen Community aufgeführt und verbreitet

von Katharina Rögner  20.05.2026

Programm

Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 21. Mai bis zum 3. Juni

 20.05.2026