Porträt

Pedro Roths Dämonen

Er malt surreale Figuren, Vögel – und immer wieder Rabbiner: Pedro Roth Foto: Gregor Zielke

Pedro Roth ist ein kräftiger Mann, mittelgroß. Graues Haar, helle, wache Augen. Er trägt eine bequeme Fleece-Jacke, über der Brust baumelt an einer Kordel seine Brille. Er setzt sie nur zum Lesen auf. Oder wenn er die Buntstifte zur Hand nimmt. Roth, geboren 1938 in Budapest, ist Maler: »Momentan besteht mein Leben zu hundert Prozent aus Kunst. Das Leben ist Kunst. Und zwar die ganze Zeit.«

wanderungen Lebenskünstler, Überlebenskünstler, das war Roth immer – gezwungenermaßen. Er wuchs in einem großbürgerlichen jüdischen Elternhaus auf. In der Budapester Oper hatten die Eltern eine Loge. Der Vater sammelte Porzellan, war gebildet, las viel. 1944 wurde er in ein Arbeitslager deportiert. Einmal durfte er nach Hause. Pedros Mutter erkannte ihren Mann nicht mehr, so ausgezehrt war er. Er ging dennoch zurück, obwohl seine Frau ihn verstecken wollte. »Wegen meiner Kameraden, man wird ihnen sonst etwas antun.«

Es war Pedros letzte Begegnung mit seinem Vater. Er wurde in Auschwitz ermordet, vier Tage vor Befreiung des Lagers im Januar 1945. Ehefrau und Sohn überlebten im Budapester Ghetto. »Ich erinnere mich an Bomben rund um die Uhr. Vier Monate lang lebten wir in einem Keller und plötzlich: Stille. Nach zwei Stunden dann Akkordeonklänge. Die Rote Armee war gekommen. Wir krochen wie Ratten ans Tages- licht, um das zu sehen.«

Nach der Befreiung gingen Pedro und seine Mutter zu einer Tante nach Rumänien. Er wurde junger Pionier, sang Lieder zu Ehren Stalins. Nachmittags lernte er bei Rabbinern Hebräisch, abends las er Bücher aus einer Leihbibliothek, Cowboy- und Indianergeschichten, die Abenteuer von Tarzan. 1950 wanderten die Roths nach Israel aus. Ein Dampfer brachte sie von Constanza nach Haifa. Die Mutter blieb in der Hafenstadt, Pedro kam aufs Land. Im Lauf der folgenden fünf Jahre lebte er in vier verschiedenen Kibbuzim.

Mit 17 begleitete er seine Mutter dann nach Buenos Aires – dort lebten inzwischen ein Onkel und die Großmutter. Pedros viertes Land. Wieder eine neue Sprache, wieder bei null beginnen. »Ich wollte bleiben. Ich war der ständigen Neuanfänge müde.« Roth begann eine Ausbildung als Fotograf. »Meine Mutter sagte, wenn man immer wieder das Land wechselt, muss man etwas können, wofür man nur seine Hände braucht. Man muss etwas können, mit dem man auch in anderen Ländern über die Runden kommt.«

buenos aires Roth spricht langsam auf Englisch – sein »Tarzan-Englisch« scherzt er. Spanisch spricht er immer noch mit ungarischem Akzent. Die Tora liest er auf Hebräisch. Hin und wieder fließen die vielen Sprachen zusammen. Dann ist es schwer, ihn zu verstehen. Vielleicht drückt er sich deshalb so gerne in Bildern aus.

Als Fotograf machte Pedro Roth in seiner neuen Heimat Karriere. Er arbeitete für die wichtigsten Zeitschriften Argentiniens, schoss Titelfotos, porträtierte Politiker, Stars, Intellektuelle und Künstler, dokumentierte die Werke der bedeutenden ar-gentinischen Maler. »Es gibt inzwischen achtzig Kunstbücher von mir. In meinem Archiv befindet sich die argentinische Kunstgeschichte der letzten vierzig Jahre.«

In Buenos Aires fühlt Pedro Roth sich zu Hause. Er kennt die Stadt und ihre Menschen. Und sie kennen ihn. Es sei ihm leicht gefallen, sich einzuleben, stellt er rückblickend fest, Buenos Aires sei Budapest ähnlich. Nur unter der Militärdiktatur 1976 bis 1983 war es sehr hart für ihn. Freunde wurden verschleppt und umgebracht, auch der Kollege, mit dem er gemeinsam sein Fotostudio betrieb. Das auszuhalten, halfen Roth seine beiden kleinen Söhne. »Sie gaben mir das Gefühl, weiterleben zu müssen.« Heute sind die Jungen erwachsen. Einer ist Fotograf, der andere Filmemacher.

Beide haben nichtjüdische Mütter. Aber die jüdische Tradition hat ihr Vater ihnen nah gebracht. Der Sederabend wird gemeinsam gefeiert. Weil er selbst so wenig von seinem Vater hatte, erzählt Roth, habe er sich vorgestellt, wie er ihn gerne gehabt, was er gerne mit ihm gemacht und worüber er gerne mit ihm gesprochen hätte. Und genau das tat er dann für seine Söhne.

gemälde Seit Mitte der 70er-Jahre arbeitet Pedro Roth auch als Maler. »Es gibt Dinge, die kann ich nicht mit Fotos ausdrücken. Ich habe so viele Dämonen in mir.« Gesichter dominieren seine Bilder, Menschen, die sich wie Schlingpflanzen auf Papier oder Leinwand winden. Bunte, surreale Gestalten mit unproportionierten Gliedmaßen.

Auch Vögel – und immer wieder Rabbiner. In unzähligen Ausstellungen sind Roths Gemälde und Fotografien gezeigt worden. In Buenos Aires gibt er mit Freunden eine Internetzeitung heraus, mit seinem Sohn dreht er gerade einen Film über Migration. 72 ist Pedro Roth und ein kreatives Kraftwerk. »Ich habe schließlich zwei Augen. Und auch eine ganz eigene Vorstellung von der Welt.«

Das Ibero-Amerikanische Institut Berlin zeigt bis 27. Mai Buchillustrationen von Pedro Roth. www.iai.spk-berlin.de

Gedenkstätte

»Design für alle« am Täterort

Das Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin eröffnet seine neue Dauerausstellung

von Ayala Goldmann  28.01.2020

Sprachgebrauch

Der schwierige Umgang mit dem Erbe

Die nationalsozialistische Vergangenheit und ihre Giftpfeile in der heutigen Alltagssprache

von Julia Bernstein  27.01.2020

Los Angeles

US-Regisseure zeichnen Sam Mendes für »1917« aus

Der Award für das beste Regiedebüt ging an die Israelin Alma Har’el

 26.01.2020

»Messiah«

Der Erlöser spricht Iwrit

Die Serie verlegt die Ankunft des Gesalbten in die Gegenwart

von Sophie Albers Ben Chamo  25.01.2020

Dresden

Verhandlungen über Jüdisches Museum

Pläne für Museumsgebäude werden konkreter – möglicher Standort ist der Alte Leipziger Bahnhof

 24.01.2020

Berlin

Beuth-Hochschule wird umbenannt

Namensgeber Christian Peter Beuth war Antisemit – eine Ausstellung soll seine judenfeindliche Haltung thematisieren

 24.01.2020

Hören!

Zeugen sterben, Dinge erinnern

Der Deutschlandfunk widmet eine »Lange Nacht« den letzten Habseligkeiten der Ermordeten in Auschwitz

 24.01.2020

Wuligers Woche

Rat und Schläge

Wenn Medien nichts mehr einfällt, gibt es immer noch das Jüdische Museum Berlin

von Michael Wuliger  23.01.2020

Literatur

Auf eine Suppe in Stuttgart

Eine Erinnerung an den israelischen Schriftsteller Aharon Appelfeld sel. A.

von Anat Feinberg  23.01.2020