»Parallelgeschichten«

Panorama des Jahrhunderts

Mit einer Leiche im Berliner Tiergarten beginnt Nádas’ 1.700-Seiten-Werk. Foto: Fotolia

»Parallelgeschichten«

Panorama des Jahrhunderts

Péter Nádas’ Opus Magnum definiert den Roman neu

von Wolf Scheller  13.03.2012 07:04 Uhr

Fast 20 Jahre lang hat Péter Nádas an seinem dreibändigen Mammutroman Parallelgeschichten gearbeitet, einem mehr als 1.700 Seiten umfassenden literarischen Kolossalgemälde. 2005 erschien die ungarische Originalfassung, jetzt liegt die von Christina Viragh in herkulischer Arbeit übersetzte deutsche Version vor.

familien Zu Beginn haben wir es mit einem zeitgenössischen deutschen Kriminalfall zu tun: Ein junger Mann findet beim Joggen im Berliner Tiergarten eine Leiche. Dem Kommissar Dr. Kienast, der den Fall untersucht, begegnen wir auch ganz am Ende des dritten Bandes wieder. Mit dem »Vatermord« betitelten Fall eröffnet der Roman eine sich ständig teilende Handlung und gerät dabei in die weit gefächerte Inspektion einer düsteren Familiengeschichte, die von Schuld und Rache erzählt.

Viele der hier agierenden Personen kann man sich vor allem wegen ihrer Neurosen merken. Der junge Döhring zum Beispiel, der den Toten gefunden hat, sieht sich als »den treuesten Spürhund des Schöpfers«, hält es aber auch für möglich, dass er den alten Döhring, seinen Vater, umgebracht hat, der – wie wir später erfahren – vier Zwangsarbeiter auf dem Gewissen hat. Döhring junior hat auch eine vom Leben frustrierte Tante Isolde in Düsseldorf, die ihn nur Carlino nennt und vergeblich versucht, den Neffen enger an sich zu binden.

Dann kommt das ungarische Personal des Romans. Alle marschieren sie am Nationalfeiertag 1961 auf: Der Dandy Samu Demén, der Hauswart Imre Balter, die Billetfrau Róiszi, Frau Erna und die Geerte mit der Hasenscharte. Dazwischen die Jeunesse dorée, bei der es auch zur Zeit der Kommunisten drunter und drüber geht wie schon bei den Alten – André Rott, Ilona, Ninó, Irén und Irmela Szemzó, Maria und Margit Huber und wie sie alle heißen. Wer sich in diesem bizarren Figurenkabinett zurechtfinden will, sollte sich das bei Rowohlt von Daniel Graf herausgegebene Buch Péter Nádas lesen besorgen, das all die Verästelungen und komplizierten Familienzusammenhänge entwirrt.

geschichtstragödien Eng verknüpft in Vergangenheit und Gegenwart sind die Geschichten der deutschen Familie Döhring und der Budapester Familie Lippay-Lehr. Dazu kommt eine Aneinanderreihung von politischen Possen, die auch vor der Fälschung des Wetterberichts nicht haltmachen. Die einzelnen Akteure lassen sich freilich nicht ohne weiteres den verschiedenen Lagern zuordnen, zumal oft mitten im Geschehen der Schauplatz übergangslos wechselt.

Dennoch kann man zwei Hauptstränge erkennen, die das Gerüst des dreibändigen Romans bilden. Der eine ist die gescheiterte ungarische Revolution von 1956, die von sowjetischen Panzern niedergewalzt wurde und zum Exodus von Hunderttausenden Ungarn ins Ausland führte. Der andere ist die Deportation der ungarischen Juden 1944/45, die unter der unmittelbaren Ägide von Adolf Eichmann betrieben wurde. So entsteht ein Pandämonium der europäischen Geschichte des 2o. Jahrhunderts, in dem Reales mit Poesie verschmilzt, sich der Autor als Exzentriker im Stadium sensibelster Beobachtung zeigt.

Für den 1942 geborenen Nádas, der mit seiner Mutter 1944 der Schoa nur knapp entkam, ist Erinnerung nicht nur Literatur, sondern auch Trauerarbeit, Selbstvergewisserung. Er reiht Beobachtungen, Geschichten, Erinnerungen, Assoziationen und Allegorien kunstvoll aneinander – ein monumentales Zeit-Konstrukt, dessen Einzelstücke miteinander verbunden sind, deren Verschränkungen aber ihr Zentrum im authentischen Sein seiner Figuren haben.

eros Dabei ist Péter Nádas keineswegs ein politischer Schriftsteller, eher ein gelehriger Schüler von Robert Musil, dessen Pedanterie für den Möglichkeitssinn, auch für die Körperlichkeit er auf vertraute Weise zu handhaben versteht. Die Parallelgeschichten rücken die Sexualität des männlichen und des weiblichen Körpers so nachdrücklich in die Mitte des Geschehens, dass man sich dem obsessiven Charakter dieses Beschreibungsmarathons kaum entziehen kann.

So tobt sich der Liebesrausch im Dienstmädchenzimmer zwischen Ágost und Gyöngyvér auf einer Strecke von mehr als 5o Seiten als das »glühende Magma« aus, als »das in der Tiefe ihrer Seele und ihres Geistes ruhende Zündmaterial«. Derart ekstatisch ist in der jüngeren Literatur dem Eros selten gehuldigt worden.

Die Nächte auf der Margarethen-Insel in Budapest mit Maria Szapáry und Irma Arnot, mit Dobrovan und Margit, Vladas Korsakas und Bella, Elisa und Médi – hier gelingen Nádas, der sich auch als Fotograf einen Namen gemacht hat, vor dem Hintergrund des Aufstands 1956 Erzählbilder von geradezu fotografischer Genauigkeit. Da quält sich das Individuum mit seinen sexuellen Vorlieben, während zur gleichen Zeit in der Nähe ein Kampf um Leben und Tod stattfindet.

mystik Es hat etwas von Exorzismus, wenn am Ende des zweiten Bandes das Morden in einem KZ in der Nähe von Venlo in den Niederlanden beschrieben wird. Das Schicksal des schwulen Juden Kammer und seines mörderischen Schützlings Peix lässt im Grunde nichts Sagbares zu – und wird doch vom Autor in all seiner grauenhaften Brutalität ins Wort gesetzt.

Auch wenn im dritten Band »der Atem der Freiheit« weht, alte Rechnungen beglichen werden, Nazis und unbelehrbare Nachfahren die Erinnerung an vermeintlich bessere Zeiten aufzufrischen versuchen, bleibt doch am Ende »diese verschreckte Befriedigung« des immer wieder mal sich zu Wort meldenden Ich-Erzählers, in der sich seine Figuren vereint haben. Péter Nádas, dieser moderne Mystiker, hat mit Parallelgeschichten die Grenzen des Romans in unserer Zeit neu vermessen und der Literatur ein grandioses Werk geschenkt.

Péter Nádas: »Parallelgeschichten«. Übersetzt von Christina Viragh. Rowohlt, Reinbek 2012, 1.723 S., 39,95 €

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