Medizin

Paffen gegen Parkinson

So elegant kann Prävention sein. Foto: Thinkstock

Der Griff zur Zigarette kann tödlich sein. Atemwegserkrankungen sowie ein marodes Herz-Kreislauf-System sind die nur allzu bekannten Folgen des Nikotingenusses. Doch das inhalierte Nervengift hat offenbar auch seine guten Seiten. Bereits seit einigen Jahren gehen Wissenschaftler der Frage auf den Grund, warum Raucher zum Beispiel seltener an Parkinson erkranken als Personen, die niemals in ihrem Leben zum Glimmstengel gegriffen haben.

Experten schätzen das Risiko, eines Tages von diesem neurologischen Leiden heimgesucht zu werden, bei Tabakkonsumenten um rund 60 Prozent geringer ein – das jedenfalls berichtete das Fachjournal Epidemiology schon 2001. Diese Zahl schließt auch die Gruppe der Ex-Raucher mit ein, denn der positive Effekt scheint offensichtlich sogar noch 25 Jahre nachzuwirken. Nun haben israelische Forscher ein weiteres Geheimnis gelüftet und herausgefunden, warum der Wirkstoff Nikotin in bestimmten Fällen neuroprotektiv ist, also die Gehirnzellen zu schützen vermag.

Auf Basis der Daten von 677 italienischen Parkinson-Patienten, von denen 438 nie zuvor geraucht hatten und 239 Raucher oder ehemalige Raucher waren, konnte festgestellt werden, dass Teile der genetischen Cluster CHRNB3, CHRNB4 und CHRNB5 den Verlauf der Krankheit verlangsamen, wenn sie einmal mit Nikotin in Berührung gekommen waren.

nervengift »Auf keinen Fall sollte nun angenommen werden, dass Rauchen in irgendeiner Form gut für die Gesundheit sei«, warnt Lior Greenbaum vor voreiligen Schlüssen. »Zweifelsohne ist das Gegenteil der Fall. Die Risiken bleiben nach wie vor weitaus größer als der Nutzeffekt«, so der Leiter des Forscherteams, dem Wissenschaftler der Hebräischen Universität, des Hadassah-Krankenhauses in Jerusalem, des Beilinson-Hospitals in Tel Aviv sowie verschiedener Institute in Mailand angehören. Immerhin lässt sich das stimulierende Nervengift ebenfalls über Nikotinpflaster zur Raucherentwöhnung verabreichen.

Mit diesen hatten Mediziner am Pariser Hôpital Henri Mondor bereits experimentiert und festgestellt, dass Parkinson-Patienten damit ihre üblicherweise mit der Krankheit einhergehenden motorischen Defizite deutlich besser ausgleichen konnten. Nur wusste man bis dato nicht genau, wie das Nikotin die Symptome lindert. Gemeinhin wird vermutet, dass die Wirkung des Nervenbotenstoffs Dopamin dadurch verstärkt wird oder die entsprechenden Rezeptoren vermehrt werden können.

»Uns aber ist es gelungen, eine Kombination von Genen zu identifizieren, deren Aktivitäten eindeutig in einem Zusammenhang mit dem Konsum von Nikotin stehen«, bringt Bernard Lerer, Direktor des Labors für biologische Psychiatrie am Hadassah-Hospital, die Forschungsergebnisse auf den Punkt. »Das hilft uns ungemein zum besseren Verständnis der Mechanismen, die zum Ausbruch von Parkinson führen. Unsere Entdeckungen machen es theoretisch sogar möglich, eine Behandlungsmethode zu entwickeln, die genau bei den Genen ansetzt, die wir beobachtet haben. Vielleicht gelingt es uns dann, den Ausbruch der Krankheit zu verzögern oder ihren Verlauf zu verlangsamen.«

Nikotin scheint aber nicht nur bei Parkinson eine positive Wirkung zu besitzen. Im Jahr 2002 fanden Forscher an der Universität Yale heraus, dass Rauchen ebenfalls die Sehfähigkeit von Schizophrenie-Patienten verbessert. »Es sieht so aus, als ob Nikotin wie eine Art Korrekturfilter funktioniert und externe Reize auszublenden hilft, die bestimmte physiologische Funktionsstörungen auslösen«, kommentiert Lerer die Ergebnisse aus den Vereinigten Staaten.

Finanzielle Unterstützung erhielten die israelischen Wissenschaftler und ihre italienischen Kollegen übrigens seitens der im Jahr 2000 gegründeten Stiftung des selbst an Parkinson erkrankten Hollywood-Schauspielers Michael J. Fox.

Stammzellen Wie wichtig die Parkinson-Forschung ist, belegen die Zahlen: Weltweit gibt es rund zehn Millionen Menschen mit diesem aufgrund des auftretenden Muskelzitterns auch unter dem Namen Schüttelkrankheit bekannten neurodegenerativen Syndrom. Allein in Israel leidet rein statistisch einer von 20.000 Bürgern daran.

Zwar ist Parkinson nach wie vor unheilbar, aber es gibt immerhin einige erfolgreiche Ansätze, Ausbruch und Fortschreiten temporär zu beeinflussen. So war es denn auch der israelische Pharmakonzern Teva, der vor wenigen Jahren mit Azilect das erste Medikament auf den Markt brachte, das nachweislich den Verlauf der Krankheit verlangsamt, indem der Dopamin-Spiegel im Gehirn medikamentös erhöht wird. Mittlerweile wird Azilect in 56 Ländern verschrieben.

Und BrainStorm Cell Therapeutics aus Petach Tikwa experimentiert seit geraumer Zeit recht vielversprechend mit manipulierten Stammzellen aus dem Knochenmark von Patienten. Im Beirat des Unternehmens sitzt niemand Geringeres als Rasheda Ali, Tochter des weltbekannten amerikanischen Box-Profis Muhammad Ali, der ebenfalls seit vielen Jahren an Parkinson leidet.

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