Literatur

Orientalische Traumgestalt

Else Lasker-Schüler (1869–1945) Foto: dpa

Literatur

Orientalische Traumgestalt

Vor 70 Jahren starb die Dichterin Else Lasker-Schüler

von Andreas Rehnolt  22.01.2015 16:22 Uhr

Ihre Themen waren jüdisch, ihre Phantasie orientalisch, aber ihre Sprache war deutsch, ein üppiges, prunkvolles, zartes Deutsch», schrieb der Arzt und Dichter Gottfried Benn über seine zeitweilige Geliebte Else Lasker-Schüler. Die Künstlerin starb am 22. Januar 1945 im Alter von 75 Jahren im Exil in Jerusalem.

Die Dichterin und Zeichnerin der avantgardistischen Moderne und des Expressionismus in der Literatur gilt als eine der schillerndsten Figuren der deutschen Literaturgeschichte. Sie nannte sich «Tino von Bagdad», «Liebling des Pharaos» oder auch «Dichterin von Arabien». Bis zu ihrem Lebensende blieb sie zudem «Prinz Jussuf von Theben».

Unterstützung Else, eigentlich Elisabeth, Schüler kam am 11. Februar 1869 als Tochter eines jüdischen Bankiers in Wuppertal-Elberfeld auf die Welt. Sie galt als Wunderkind der Familie und erhielt Privatunterricht. Zweimal verheiratet – mit dem Arzt Jonathan Berthold Lasker, später mit dem Schriftsteller Georg Lewin – und zweimal geschieden, war sie ohne eigenes Einkommen nach dem Tod ihrer Eltern auf die finanzielle Unterstützung ihrer Künstler-Freunde angewiesen. Vor allem der Wiener Schriftsteller Karl Kraus half ihr und ihrem Sohn.

In Berlin, wohin es sie Ende des 19. Jahrhunderts durch ihre erste Ehe verschlagen hatte, lernte Lasker-Schüler über ihren Kunstlehrer Simon Goldberg auch andere Künstler kennen, die sie in die «Neue Gemeinschaft» mitnahmen, einen Szenetreff von Anarchisten, Malern, Musikern und Schriftstellern. Die Dichterin lernte die Maler George Grosz, Oskar Kokoschka und Franz Marc kennen.

Nach dem Scheitern ihrer zweiten Ehe und der Scheidung von Lewin begegnete Lasker-Schüler 1912 dem 17 Jahre jüngeren Arzt und Dichter Gottfried Benn (1886-1956). Eine intensive Freundschaft und Liebesbeziehung entstand. Sie widmete Benn zahllose Liebesgedichte, 1912 erschien der Liebesroman Mein Herz.

Wenige Jahre vor Beginn des Ersten Weltkriegs beschwor Lasker-Schüler in ihren Gedichten und Zeichnungen immer wieder den Orient als märchenhafte Gegenwelt. Sich selbst setzte sie darin vornehmlich als den hoffnungslos liebenden Träumer «Prinz Jussuf» in Szene, Herrscher über Theben und den ganzen Vorderen Orient. In schrille Gewänder gekleidet, begleitet von Flöten, Trommeln und Rasseln, deklamierte sie ihre Gedichte auf den angesagten Bühnen Berlins. «Wilde schwarze Augen, dunkle Mähne, liebessüchtig, lebensuntüchtig», beschreibt Florian Illies sie in seinem Bestseller 1913.

Blauer Reiter Mit dem Maler Franz Marc führte sie eine poetisch-zeichnerische Korrespondenz zwischen dem Prinzen Jussuf von Theben (Lasker-Schüler) und dem Blauen Reiter (Marc). Von den privaten, eigenhändig bemalten Kartengrüßen und Briefen sind 66 von Else Lasker-Schüler, 28 von Franz Marc erhalten.

Im Jahr 1919, in dem auch ihr Roman Der Malik erschien, wurde ihr 1909 entstandenes Drama Die Wupper im Deutschen Theater Berlin erfolgreich uraufgeführt. Noch im selben Jahr begann der Verlag Paul Cassirer mit einer zehnbändigen Gesamtausgabe der Gedichte und Prosatexte von Lasker-Schüler.

Und 1932 erhielt sie für ihr Werk Arthur Aronymus über die brüchige Beziehung zwischen Juden und Christen den angesehenen Kleistpreis. Erfolg und Anerkennung waren nach Jahrzehnten endlich da.

Der Tod ihres Sohnes Paul 1927 stürzte Lasker-Schüler in eine Krise. Und mit Adolf Hitlers Amtsantritt als Reichskanzler 1933 änderte sich alles für sie. Die jüdische Dichterin emigrierte vor den Nationalsozialisten zunächst in die Schweiz, dann im April 1939 siedelte sie als alte Frau nach Palästina über, mittellose und vereinsamt. 1943 veröffentlichte sie in Jerusalem ihren letzten, vielleicht schönsten Gedichtband mit dem Titel Mein blaues Klavier.

Ölberg Darin schien sie den Tod bereits zu ahnen. In einem der Gedichte heißt es: «Ach liebe Engel öffnet mir – Ich aß vom bitteren Brote – Mir lebend schon die Himmelstür – Auch wider dem Verbote». Das Buch widmete sie «Meinen unvergesslichen Freunden und Freundinnen in den Städten Deutschlands – und denen, die wie ich vertrieben und zerstreut. In Treue!» Else Lasker-Schüler starb am 22. Januar 1945 in Jerusalem. Ihr Grab befindet sich auf dem Ölberg.

In ihrer Geburtsstadt Wuppertal engagiert sich heute die Else Lasker-Schüler-Gesellschaft für das künstlerische Erbe der Dichterin, die Stadtbibliothek verfügt über ein umfangreiches Archiv.

Mit Lesungen, einem Liederabend im Opernfoyer des Theaters Duisburg, einer Ausstellung im westfälischen Oelde, einer Neuinszenierung ihres Theaterstücks Die Wupper am 28. März in ihrer Geburtsstadt sowie einer Tagung über die Lyrikerin im Martin-Niemöller-Haus in Schmitten/Arnoldshain im April wird an Leben und Werk von Lasker-Schüler erinnert.

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