Budapest

Orban lässt antisemitischen Schriftsteller ehren

Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán Foto: imago

Ungarns rechts-nationaler Ministerpräsident Viktor Orban hat einem für antisemitische Äußerungen bekannten Schriftsteller eine hohe staatliche Ehrung zukommen lassen. Der Dichter und Essayist Kornel Döbrentei (72) erhielt den Lorbeerkranz Ungarns, berichteten ungarische Medien am Mittwoch. Die Auszeichnung wird für schriftstellerische Leistungen vergeben, die Zuerkennung schlägt der Ministerpräsident vor.

Döbrentei hatte unter anderen 2004 in einer Rede bei einem Protest der Rechten erklärt: »Falsche Propheten in Verkleidungen und Masken – nur ihr Bart ist echt – dirigieren den moralischen Holocaust am Ungartum.« Als sich der Ungarische Schriftstellerverband damals nicht von Döbrentei distanzierte, führte dies zum Austritt von mehr als 100 Mitgliedern, unter ihnen Imre Kertész, Peter Nadas, Peter Esterhazy, Magda Szabo und György Konrad.

»Falsche Propheten in Verkleidungen und Masken dirigieren den moralischen Holocaust am Ungartum«, so Döbrentei.

ZITAT Kertesz (1929–2016), der 2002 den Literaturnobelpreis erhielt, hatte damals zu Döbrenteis Entgleisung gesagt: »Das ist der alte, klassische, dumme, schlechte und letztendlich nach Auschwitz führende Antisemitismus.« Das Stereotyp von dem sich verstellenden und verkleidenden, im Hintergrund die Fäden spinnenden Juden, den sein Bart verraten würde, ist ein Zerrbild, dessen sich Antisemiten häufig bedienen.

Orbans Regierungspartei Fidesz steht derzeit an der Kippe zum Ausschluss aus der konservativen Europäischen Volkspartei (EVP). Um einen solchen abzuwenden, sprach EVP-Fraktionschef Manfred Weber (CSU) am Dienstag in Budapest mit Orban.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Im Rahmen seiner kurzen Reise an die Donau besuchte er auch die Große Synagoge in Budapest, um zu bekräftigen, dass seine Parteienfamilie jede Form des Antisemitismus ächte. Praktisch zur selben Stunde nahm Döbrentei von Orbans Sozialminister Miklos Kasler den Lorbeerkranz Ungarns entgegen.  dpa

TV-Tipp

Der neue Polizeiruf, Israel und die deutsche Schuld

In der neuen Folge spielt »Shtisel«-Star Dov Glickman einen israelischen Vater, der des Mordes verdächtigt wird

von Silke Nauschütz  03.12.2021

Medien

Antisemitismusvorwürfe: DW stellt Mitarbeiter während Prüfung frei

Geprüft werden die Anschuldigungen von Ahmad Mansour und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger

 03.12.2021

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter  02.12.2021

Nachruf

»Somewhere ...«

Zum Tod des Broadway-Komponisten und Musicaltexters Stephen Sondheim

von Axel Brüggemann  02.12.2021

Bildungsabteilung im Zentralrat

Erinnerung auf der Leinwand

Der Film als Medium des kulturellen Gedächtnisses. Zum Auftakt der Tagung wurde der Klassiker »Exodus« gezeigt

von Jens Balkenborg  02.12.2021

Finale

Der Rest der Welt

Adventskalender mit Chanukkaleuchter oder Es lebe die WIZO!

von Ayala Goldmann  02.12.2021

Chanukka

Dankbarkeit statt Frust

Dauer-Zoom und immer wieder verschobene Israel-Reisen – wie ein alter Segensspruch bei Corona-Missmut hilft

von Sophie Albers Ben Chamo  02.12.2021

TV-Doku

Wer kann uns schützen?

Richard C. Schneider geht den vielfältigen Formen des Antisemitismus nach

von Julia Bernstein  02.12.2021

Literatur

Dichterin und Salonière

Die Aufklärerin Esther Gad (1767–1836) aus Breslau war die erste deutsch-jüdische Schriftstellerin. In ihrem Werk offenbart sie sich als selbstbewusste Frau, die dem Rollenbild der Zeit kaum entsprach

von Christoph Schulte  01.12.2021