»Fauda«

Noch mehr Chaos

Immer eine Hand am Abzug: In der zweiten Staffel kopiert der Sohn des Scheichs (r.) das Vorgehen der Mista’aravim, wodurch Doron (2.v.r.) und sein Team zu Gejagten werden. Foto: Netflix

Die Erfahrung lehrt: Eine Fortsetzung nach einem überwältigenden Erfolg kann nur schlechter werden, oder? Mitnichten! Die zweite Staffel der israelischen TV‐Serie Fauda (arabisch: Chaos) ist nach ihrem Start in der Heimat endlich auch bei Netflix Deutschland angelaufen.

Und die Schöpfer der Agenten‐Thriller‐Action, Avi Issacharoff, Lior Raz und das gesamte Team, haben sich in solchem Maße selbst übertroffen, dass man sich nach der letzten Folge erst einmal glücklich‐erschöpft zurücklehnen und fragen muss, wie das überhaupt möglich sein kann. Ein Erklärungsversuch.

Sie erinnern sich: Die »Mista’aravim« sind ein Sondereinsatzkommando der israelischen Armee, das – als Araber getarnt – ins Westjordanland und nach Gaza geschickt wird, um terroristische Anschläge dort zu verhindern, wo sie geplant werden. Fauda folgt dem Team von Doron Kavillio (Lior Raz), einem Sabra, wie er im Buche steht: außen stiernackiger Einzelkämpfer, innen butterweich. Das macht Doron etwas unberechenbar, hat ihn aber auch mit einem Bauchgefühl gesegnet, das nicht nur ihm bei Einsätzen immer wieder das Leben rettet.

 

Das Geheimnis des Erfolges von Fauda – überhäuft mit Preisen und Kritikerlob und 2017 von der »New York Times« zu einer der besten Serien des Jahres gekürt – ist das »Sopranos-Prinzip«: Wie in der gefeierten Serie über das aus dem Ruder gelaufene Seelenleben eines Mafiabosses in den USA, verwischen auch in Fauda die Grenzen zwischen Gut und Böse, sobald man sein Gegenüber aus nächster Nähe betrachtet. Gewalt ist Gewalt, Blut ist Blut, und auf Tod folgt Trauer. Aber Familie ist auch Familie, und Liebe ist Liebe, egal auf welcher Seite man steht.

Natürlich sind Faudas Helden so jüdisch‐israelisch, so sefardisch und aschkenasisch wie die Serienmacher selbst, doch plötzlich gibt es auch Einblick ins Gefühlsleben von Terroristen, von deren Frauen und Müttern. So persönlich war das Politische noch nie in der Mainstream‐Unterhaltung. »Wir wollten thematisieren, welchen Preis die Spezialeinheiten, deren Familien und deren Freunde bezahlen. Aber auch, welchen Preis die Palästinenser zahlen müssen«, betonen Issacharoff und Raz immer wieder in Interviews. »Und den Preis für diesen Krieg zahlen auf beiden Seiten auch die Eltern, die Partner und die Kinder.«

HAMAS Diese Nähe zu allen Figuren und der Ansatz, in wirklich jedem Menschen auch das Menschliche zu sehen, dieser ganz grundsätzliche Bruch mit der Erwartung hat offensichtlich den Zeitgeist getroffen und Fauda zu einem Überraschungshit werden lassen – und das auch beim arabischen Publikum. Die Serie wurde bei den Palästinensern und in vielen arabischen Ländern zum Straßenfeger. Das mag sicherlich auch an der Hauptsprache Arabisch und an den fantastischen Schauspielern liegen – vor allem aber am menschlichen Blickwinkel.

Staffel zwei schafft nun das Unmögliche, diesem Erfolgsrezept auf jeder Ebene noch eins draufzusetzen. Der Hauptfeind ist diesmal der IS (Islamische Staat), und der israelisch‐palästinensische Konflikt hat tatsächlich kurz Auszeit, wenn es um die Kämpfe innerhalb der Hamas geht, die die eigenen Machtstrukturen gegen den Eindringling aus Syrien schützen will. Da wird der politische Terror fast zur psychologischen Familienaufstellung, und staunend folgt man den Hierarchie‐Gefechten, in denen keiner keinem traut.

Der Hauptfeind der israelischen Spezialeinheit ist diesmal der Islamische Staat.

Schließlich werden die Jäger zu Gejagten, als die neuen Angreifer versuchen, nach dem Modell von Zahals Mista’aravim eigene »Mista’yehudim« – Araber, die sich als jüdische Israelis ausgeben – nach Israel einzuschleusen, um dort zu morden. Hat man bei Staffel eins häufig auf der Stuhlkante gesessen, bleibt man am besten gleich an dieser Stelle sitzen.

HART Neu ist ein zuweilen surrealer Humor, der dem Plot immer wieder eine unerwartete Fallhöhe verpasst, aber auch das dringend notwendige Comicrelief bringt, denn die zweite Staffel hat sich, den plötzlichen Tod von lieb gewonnenen Charakteren betreffend, durchaus Game of Thrones zum Vorbild genommen. Insgesamt ist die Serie brutaler geworden, der Ton härter, der Beat schneller, und der Blick in die Köpfe und Herzen geht noch tiefer. Raz und Issacharoff haben ihre Hausaufgaben gemacht, anstatt sich auf dem Erfolg der ersten Staffel auszuruhen.

Das besonders laut schlagende Herz der Serie trägt immer noch Dr. Shirin in sich, die arabische Ärztin, in die Doron sich in Staffel eins verliebt hat. Die Eindringlichkeit dieser eleganten Figur liegt natürlich an ihrer Darstellerin Laëtitia Eïdo. Die französisch‐libanesische Schauspielerin zeigt den inneren Kampf einer Frau in einer schier aussichtslosen Situation mit einer Stärke, die man nicht vergessen kann.

Überhaupt sind die Frauenfiguren in Staffel zwei erfreulich deutlich gezeichnet. Davon kann Hollywood noch etwas lernen. Faszinierend und furchterregend zugleich ist auch wieder Gabi/»Captain Ayub«, der undurchdringliche Schin‐Bet‐Stabsoffizier, der Menschen zum Reden bringt. Die Rolle ist mit dem israelischen Komiker Itzik Cohen verblüffenderweise genial besetzt.

Also, Yalla! Bamba bereitstellen und sich ein weiteres Mal vom »Chaos« in den Bann ziehen lassen. Aber halten Sie sich dazu am besten ein Wochenende frei, Abschalten ist nahezu unmöglich.

Die zweite Staffel von »Fauda« läuft beim Streamingdienst Netflix.

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