Harvey J. Alter

Nobelpreis statt Baseball

Harvey J. Alter Foto: dpa

Harvey J. Alter

Nobelpreis statt Baseball

Ein Porträt des 85-jährigen New Yorker Wissenschaftlers

 06.10.2020 12:10 Uhr Aktualisiert

Eigentlich wäre Harvey J. Alter am liebsten professioneller Baseball-Spieler geworden. »Aber es gab da einige Hindernisse – ich konnte nicht schlagen, und ich konnte nicht fangen.« Also studierte der 1935 geborene Virologe Medizin.

»Als einziger Sohn von jüdischen Eltern in New York City war es schließlich vorbestimmt, dass ich Arzt werden würde«, witzelte er später einmal im Fachjournal »Hepatology«.

Karriere Nach dem Studium fing er seine wissenschaftliche Karriere bei den Nationalen Gesundheitsinstituten der USA (NIH) an. Schon in seinen ersten Jahren dort entdeckte Alter einen speziellen Oberflächenpartikel in der Hülle des Hepatitis-B-Virus. »Für viele Wissenschaftler wäre das das Highlight ihrer Karriere gewesen«, sagte der frühere Chef der NIH-Transfusionsmedizin Harvey Klein einmal. »Für Dr. Alter war es nur ein verheißungsvoller Anfang.«

Für seine Arbeit ist Alter, der zum zweiten Mal verheiratet ist und zwei Kinder hat, vielfach ausgezeichnet worden – vor dem Nobelpreis unter anderem mit dem renommierten Lasker-Preis und dem kanadischen Gairdner-Preis.

Der Nobelpreis sei »überfällig« gewesen, sagte Michael Manns, Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie der Medizinischen Hochschule Hannover, nach Bekanntwerden der Nachricht - und beschrieb Alter als sehr humorvoll und zugewandt. Der Virologe sei dafür bekannt, dass er Gedichte zu wissenschaftlichen Themen schreibe.

Telefonanruf Allerdings freute sich Alter zuerst überhaupt nicht über die nächtliche Störung aus Stockholm. Als das Telefon bei ihm an der US-Ostküste gegen 4.45 Uhr klingelte, habe er gedacht, was denn zum Teufel los sei, sagte Alter in einem Telefonat, das am Montag auf dem offiziellen Twitter-Account der Nobelpreise veröffentlicht wurde.

Fünf Minuten später habe es wieder geklingelt, wieder habe er nicht abgenommen, sagte Alter. »Beim dritten Mal bin ich dann wütend aufgestanden, um ranzugehen - dann war Stockholm dran. Das war eine verrückte Erfahrung.«

Sein Ärger sei innerhalb einer Sekunde dem Schock gewichen. »Das ist etwas, von dem du denkst, dass es niemals passieren wird und manchmal, dass du nicht verdient hast, dass es passiert. Und dann passiert es in diesem verrückten Covid-Jahr, in dem alles ohnehin auf den Kopf gestellt worden ist.«

Traum »Mein Leben ist ein Traum gewesen«, schrieb Alter im Fachjournal »Hepatology«. »Das einzige Problem ist, dass es nicht mein Traum war. Ich habe nie davon geträumt, in die Forschung zu gehen. Ich habe nie von Entdeckungen oder dem Gewinn renommierter Preise geträumt.«

Eigentlich habe er sich immer als ganz normaler Praxisarzt gesehen, aber dann sei alles ganz anders gekommen. Er würde gerne immer so weiter machen. »Ich habe schon meine Grabinschrift verfasst, um mein immer wiederkehrendes zeitliches Dilemma zu umfassen: ›Wie im Leben, ihm ist die Zeit ausgegangen.‹«. dpa

Programm

Kultursommer, Führungen und Einstein vs. Hawking: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 31. Juli bis zum 6. August

 02.08.2026

Gesprächsband

Jenseits der Dogmen

Daniel Cohn-Bendit, säkularer und linker Jude, blickt in »Erinnerungen eines Vaterlandslosen« auf ein spannendes Leben

von Marko Martin  01.08.2026

Rezension

Von Gottesmördern und »Genozid«

Renommierte Autoren wie Eva Illouz und Jeffrey Herf wenden sich in einem Sammelband gegen die Umdeutung des 7. Oktobers

von Therese Klein  01.08.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Koschere Küsse und gebrochene Herzen: Jüdische RomCom mit Tiefgang

von Margalit Edelstein  01.08.2026

Medizin

Blutprobe ohne Nadel

In einer israelischen Studie analysiert Künstliche Intelligenz feinste Gefäße im Auge. Das Verfahren könnte Tests sogar ohne Labor ermöglichen

von Sabine Brandes  01.08.2026

Aufgegabelt

Süße Burekas

Rezepte und Leckeres

 01.08.2026

Sehen!

Warten auf »The Pitt«

Es könnte noch sechs Monate dauern, bis die dritte Staffel der Krankenhaus-Serie startet

von Katrin Richter  01.08.2026

New York

John Legend spielt Harry Belafonte in neuem Film

»The Road Home« bringt die Geschichte der Musiker Hugh Masekela, Miriam Makeba und Harry Belafonte auf die Leinwand. Die Soul-Größe John Legend sieht seine Rolle als Privileg

 31.07.2026

London

Nach Protesten gegen sein Lied über Israel: Boy George tritt nicht mehr im London Palladium auf

Die Hintergründe

 31.07.2026