Literatur

Nobelpreis-Kandidat und Politiker

S. Yizhar (1916–2006) Foto: Flash 90

Er war eine Art Grandseigneur der Literatur – sehr zuvorkommend, eine beeindruckende Persönlichkeit. S. Yizhar konnte mit einem Friedens-T-Shirt herumlaufen, aber man merkte sofort, wie er war.»

Gut zehn Jahre nach seinem Tod (am 21. August 2006 in Sderot) erinnert sich die Übersetzerin Ruth Achlama, die sieben Erzählungen Yizhars und den autobiografischen Roman Auftakte ins Deutsche übertragen hat, im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen an einen der bedeutendsten Schriftsteller Israels.

«James Joyce» S. Yizhar, den man angesichts der ausufernden inneren Monologe seiner Figuren auch den «israelischen James Joyce» nannte, wurde 1916 als Yizhar Smilansky, Sohn zionistischer Pioniere, in Rechovot geboren. Sein Pseudonym S. Yizhar gab ihm der Dichter Yitzhak Lamdan, der als Herausgeber der Zeitschrift «Gilyonot 1938» die erste Kurzgeschichte S. Yizhars veröffentlichte.

Unter diesem Pseudonym publizierte S. Yizhar seitdem seine Texte und Bücher. Am 27. September wäre er 100 Jahre alt geworden – kurz vor dem jüdischen Neujahrsfest. «An Rosch Haschana hat er immer seinen Geburtstag gefeiert», erinnert sich Ruth Achlama.

Den einen galt er als moralisches Gewissen, weil er – selbst als Nachrichtenoffizier der Hagana am Krieg beteiligt – als erster hebräischsprachiger Autor in seiner Erzählung «Chirbet Chisa» (wörtlich: «Die Ruine von Chisa») schon 1949 über die Vertreibung von Arabern während des Unabhängigkeitskrieges 1948/49 aus einem fast verlassenen Dorf schrieb.

Drohanrufe
Andere sahen ihn als Verräter. Ruth Achlama berichtet: «S. Yizhar steht bis heute auf der Empfehlungsliste des israelischen Erziehungsministeriums für freiwillige Oberstufenlektüre, und zwar mit den Erzählungen ›Der Gefangene‹ und ›Chirbet Chiza‹ und dem Roman Auftakte. Unter Menachem Begin war ›Chirbet Chiza‹ vom Lehrplan abgesetzt worden, unter Yitzhak Rabin wurde es wieder aufgenommen. Und S. Yizhar sagte einmal, er wisse immer, wann sein Buch auf dem Lehrplan stehe, denn dann kämen wieder Drohanrufe.»

Er war nicht nur Literat, sondern lange Jahre auch Politiker. «S. Yizhar hat sich bis zu seinem Tod zu politischen Themen geäußert, und zwar nicht im Sinn von Benjamin Netanjahu», sagt Ruth Achlama. Der Schriftsteller gehörte der Knesset von 1949 bis 1967 an, erst als Abgeordneter der linksgerichteten Mapai-Partei, später der Rafi, die David Ben Gurion unterstützte.

Als Künstler stand er in einer Familientradition: Sein Vater, der Autor Zeev Smilansky, war 1890 aus Odessa nach Palästina eingewandert – wie überliefert wird, «in der einen Hand die Bibel, in der anderen Hand Tolstoi». Der Onkel des Vaters, Moshe Smilansky, war ein bekannter hebräischer Schriftsteller. S. Yizhar studierte am Lehrerseminar und an der Hebräischen Universität in Jerusalem, wo er später als Professor für Erziehungswissenschaft lehrte. Ab 1982 war er Professor für Hebräische Literatur an der Universität Tel Aviv.

freundschaft Ruth Achlama, die 2015 mit dem Hebräisch-Deutschen Übersetzerpreis ausgezeichnet wurde, hatte S. Yizhar über ihre Arbeit kennengelernt: «Bei Rowohlt erschien 1998 Auftakte. Als ich das übersetzt hatte, wurde ich gebeten, das Manuskript Yizhars Frau Noemi Smilansky zu übermitteln, die Deutsch konnte. Und sie hat es voll anerkannt, und dann wurden mein Mann und ich zum Nachmittagskaffee eingeladen. Von da an war es eine richtige Freundschaft.»

Achlama weiß auch, dass S. Yizhar einst für den Literaturnobelpreis nominiert wurde: «Wir hatten darauf gehofft, und er hat einmal gesagt: ›Dann fahren wir alle zusammen hin.‹» Doch es seien dafür wohl zu wenige Bücher des Autors übersetzt worden. Allerdings sei auch bekannt, dass die Jury in Stockholm, als Schmuel Yosef Agnon 1966 als erster hebräischsprachiger Autor den Literaturnobelpreis erhielt, dessen Roman Nur wie ein Gast zur Nacht in deutscher Übertragung gelesen habe.

«Er war enttäuscht, dass so wenig von ihm übersetzt war», erinnert sich Ruth Achlama: «Ich werde es nicht vergessen, als wir das erste Mal von ihm und seiner Frau zum Nachmittagskaffee eingeladen wurden, kam er mit einem Stapel fremdsprachiger Bücher aus seiner Bibliothek und sagte: Schau mal, ›Der Gefangene‹. Und wieder ›Der Gefangene‹. Und sonst gar nichts.» In der 1948 entstandenen Kurzgeschichte wird das Dilemma eines jüdischen Soldaten geschildert, der gemeinsam mit seinen Kameraden einen arabischen Schafhirten gefangengenommen hat und wider besseres Wissen nicht wagt, ihn wieder freizulassen.

Benny Ziffer, Literaturchef der israelischen Zeitung «Haaretz», hat einmal behauptet, Israel habe seit Agnon und S. Yizhar keinen großen Schriftsteller mehr hervorgebracht. Ruth Achlama will diesem Urteil nicht zustimmen, sagt aber: «Die Parallele zwischen Agnon und Yizhar ist vielleicht, dass sie beide hervorragend schreiben, aber sozusagen in eine Sackgasse.»

Tage des Ziklag Dies könnte vielleicht für S. Yizhars Hauptwerk gelten, das 1156 Seiten lange, zweibändige Epos Tage des Ziklag, das fiktive Gedankenströme von Soldaten während des 1948/49er-Krieges beschreibt. 1959 wurde S. Yizhar dafür mit dem Israel-Preis ausgezeichnet, allerdings ist das Werk bis heute nicht übersetzt.

Doch mit der hervorragenden literarischen Autobiografie Auftakte sowie mit den sieben «Geschichten von Krieg und Frieden», darunter «Chirbet Chisa», das in der Bibliothek Suhrkamp auch als Ein arabisches Dorf erschien, ist S. Yizhar deutschen Lesern zum Glück zugänglich.

Über Ein arabisches Dorf schrieb die Allgemeine Jüdische Wochenzeitung schon Ende der 90er-Jahre, der «Doyen der israelischen Gegenwartsliteratur» erweise sich «als ein unverkennbarer Moralist und als ein Prophet im eigenen Land». Warum sollte man dieses Buch noch heute lesen – ein Buch über die Vertreibung arabischer Dorfbewohner, das nicht zuletzt aus einem Schuldgefühl heraus entstand?

«Wir werden einen Konsum eröffnen, eine Schule errichten, vielleicht auch eine Synagoge. Es wird hier Parteien und lebhafte Diskussionen geben. Man wird die Felder pflügen und abernten, ja wird Großes leisten. Es lebe das hebräische Chisa! Wer würde noch auf den Gedanken kommen, daß es einmal ein Chirbet Chisa gegeben hat, das wir vertrieben und auch beerbt haben», heißt es gegen Ende des Buchs.

Einfühlsamkeit
Ruth Achlama sagt: «S. Yizhar war Mitglied der Hagana, er war am Krieg beteiligt. Und trotzdem konnte er sich in die vertriebenen Menschen hineinversetzen, in die Frauen und Männer und Kinder. Yoram Kaniuk hat das Jahrzehnte später beschrieben, in ›1948‹, aber S. Yiszhar war der Erste, er hat es schon 1949 aufgeschrieben. Das ist in einer unübertroffenen Einfühlsamkeit geschildert.»

Doch auch Auftakte, mehrere Jahrzehnte später in Israel erschienen (1992), ist ein literarisches Werk, das sich niemand entgehen lassen sollte. Es schildert den Alltag einer zionistischen Pionierfamilie und die tiefe Verwurzelung der Aktivisten in biblischen und talmudischen Quellen.

Ob es sich um den kleinen Jungen handelt, der von Hornissen gestochen und auf einem Eselskarren halbtot zum Arzt gebracht wird, während die zionistisch-sozialistischen Eltern aus Verzweiflung Trost in den Psalmen suchen, um den ersten Schluck Limonade in Tel Aviv, deren Genuss aus Sicht eines Pioniersohns geradezu Sünde ist, oder um Assoziationen des hochbegabten Kindes, das eine Dampflok beschreiben will – die Sprache ist herausfordernd, detailreich, farbig und mitreißend.

«In dem Buch liest man, dass er sehr unwillig von Tel Aviv nach Rechovot verschleppt wurde, als er zwölf war. Das Haus gehörte den Eltern, und später hat Uzi Smilansky, der Sohn seines älteren Bruders, erzwungen, dass das Haus verkauft und abgerissen wurde», berichtet Ruth Achlama: «Yishar war darüber zunächst sehr traurig, aber eigentlich war es sein Glück, denn er ist in das Dorf Meishar gezogen, wo sein jüngerer Sohn Zeev ein Weingut und Landwirtschaft hatte, und S. Yishar hatte dort ein eigenes Haus hinter dem Haus des Sohnes.»

Neuanfang
Aus der Krise über den Verlust seines Elternhauses, sagt Ruth Achlama, sei der Neuanfang von S. Yizhars Werk entstanden: «Auftakte war nach einer 30-jährigen Schreibpause, in der er nicht literarisch tätig war, ein Riesenerfolg.»

In israelischen Buchhandlungen, sagt Ruth Achlama, stehe S. Yishar heute nur noch vereinzelt. «Dort, wo er zuletzt gewohnt hat, gibt es kein Museum oder Ähnliches», sagt die Übersetzerin bedauernd. Seine Witwe, die Malerin Noemi Smilansky, ist Anfang 2016 gestorben – kurz vor ihrem 100. Geburtstag. Yizhars Übersetzerin Ruth Achlama hält die Erinnerung an die Künstlerin und den Schriftsteller in Ehren: «In meiner Arbeitsecke habe ich ein Selbstporträt von ihr hängen und eines von ihm, das sie gemalt hat. Die beiden schauen mir immer zu, wenn ich arbeite.»

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