Porträt

Nobelpreis für Literatur: Dieser jüdische Schriftsteller gilt als großer Favorit

»Ich lese László Krasznahorkais Buch und stehe an einem Strudel. Nach kurzem Zögern stürze ich hinein, sofort erfasst er mich, reißt mich mit sich fort, lässt mich nicht mehr los«, so rühmte ein Kollege Krasznahorkais Werk »Melancholie des Widerstands«: Nobelpreisträger Imre Kertész. Krasznahorkai stammt wie Kertész aus Ungarn, geboren ist er 1954 in Gyula, sein jüdischer Vater war Anwalt. Er hat Jura und Literatur studiert und seine Abschlussarbeit über Sándór Marais Werk nach dessen Flucht aus Ungarn verfasst. 

Krasznahorkai schreibt ungarisch, spricht hervorragend Deutsch und lebt immer wieder in Berlin. Seine Erzählungen wirken wie literarische Meditationen voller Bilder, die grundiert sind von einer eine tiefe Seelenkunde. »Satanstango«, einer seiner bekanntesten Romane, 1985 erschienen, lässt das Verderben aufscheinen in einem verrotteten ungarischen Dorf während der letzten Tage des Kommunismus.

Folgende kleine Sequenz zeigt die moralische Verrohung der Macht gegenüber jenen, die sich nicht wehren können. Ein Mädchen namens Estike quält eine Katze, die ihm vertraute. Die Katze hat keine Chance, Estike ist viel stärker, und doch: »Sie wusste, ihr Sieg war durch nichts mehr wieder gut zu machen. Bisher hatte sie gedacht, nur die Niederlage sei unerträglich, jetzt verstand sie, dass auch der Sieg unerträglich ist, denn das Beschämende war nicht, dass sie sich durchgesetzt hatte, sondern dass eine Niederlage von vornherein ausgeschlossen war«.

Alle Grausamkeit totalitärer Strukturen findet sich in dieser Beobachtung, auch die vollkommene Mitleidlosigkeit während der Schoa. »Ich spüre sofort, es nicht mit diesem, einen bestimmten Buch zu tun zu haben, sondern mit dem Ganzen - wie immer bei großen Schriftstellern«, so noch einmal Imre Kertész.

In »Krieg und Krieg« durchstreift ein Archivar die Katastrophen der abendländischen Geschichte, während er in New York auf den Tod wartet. Susan Sontag hat Krasznahorkai einmal den Meister der Apokalypse genannt. Bei aller Melancholie und Düsternis - Krasznahorkais Romane sind wahrlich keine Unterhaltungsliteratur - scheint in seinen späteren Werken auch Humor und tiefes Verständnis für die conditio humana auf. Wenn zum Beispiel ein weiser junger Narr in einem thüringischen Dorf regelmäßig Briefe an Angela Merkel schreibt. Der Gebäudereiniger Herscht hat festgestellt, das Universum sei schutzlos. Neonazis bedrohen währenddessen die wacklige Idylle im Dörfchen Kana, aber Florian Herscht glaubt, alle versöhnen zu können mit Hilfe der naturwissenschaftlich und musikalisch gebildeten Kanzlerin.

Die Musik Bachs durchzieht dabei den Roman. Herscht schreibt an Angela Merkel, Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, Willy Brandt Straße 1, 10557 Berlin, »er kenne offen gesagt außer Bach niemanden, vor Bach sei er taub gewesen und nach Bach taub für alles andere geworden, er müsse zugeben, dass ihm keinerlei Musik fehle, die nicht Johann Sebastian Bach geschaffen habe, für ihn sei Bach eigentlich auch gar keine Musik, sondern das Paradies«. Bach tröstet zwar, aber Bach begleitet auch die Gefahr. Es kommt zur Katastrophe. 

Das Theater Rudolstadt unter seinem erfolgreichen Intendanten Steffen Mensching hat »Herscht 07769« 2022 als Drama uraufgeführt und das imaginäre Dorf Kana eindrücklich als Brennspiegel deutscher Stimmungen gezeigt. Krasznahorkais Text ist voller Sarkasmus und Witz und gleichzeitig eine Parabel auf die Schreckgespenster, die Unsicherheiten und die reale Furcht vor rechter Gewalt.

»Weltliteratur. Unbedingt lesen« resümiert Literaturkritiker Denis Scheck.

Wünschen wir László Krasznahorkai, dass ihm die höchste literarische Ehrung zuteil wird. Ihm gebührt der Literaturnobelpreis. Bald! 

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