André Aciman

»Niemals nur der eine«

Der Schriftsteller über die Stadt Alexandria, seine Version des Seders und sein Buch »Out of Egypt«

von Katrin Richter  15.04.2022 08:17 Uhr

»Ein Jude ohne Ironie ist kein Jude«: André Aciman Foto: picture alliance / Photoshot

Der Schriftsteller über die Stadt Alexandria, seine Version des Seders und sein Buch »Out of Egypt«

von Katrin Richter  15.04.2022 08:17 Uhr

Herr Aciman, woran denken Sie, wenn Sie den Namen Alexandria hören?
Es gibt ja viele Alexandrias. Es gibt das literarische, das eine lange Geschichte literarischer Exzellenz hat. Es ist bewegend, es ist mystisch, es ist magisch. Und für einen Schriftsteller, der in Alexandria geboren ist, ist es sehr schwer, der kompletten Geschichte dieses gewaltigen, schönen, magischen Alexandria zu widerstehen. Also kann man es entweder in irgendeiner Form angreifen, was nicht meine Art ist, oder es komplett absorbieren und wieder so mit Farbe füllen, dass meine Erinnerungen sich darin widerspiegeln. Das ist das eine Alexandria.

Und das andere?
Das andere Alexandria war absolut schrecklich. Denn als einer der wenigen Juden, die in der Stadt geblieben waren, in Alexandria zu leben, bedeutete, dass man immer und überall einen potenziell feindlich gesinnten Menschen antreffen konnte. Außerdem war ich ja auch Europäer, und es gab eine starke antikolonialistische Bewegung in Alexandria – und auch in Kairo. Ich war oft Ziel von Beschimpfungen, Beleidigungen, manchmal sogar Steinwürfen. Es wurde zunehmend unmöglich, dort zu leben. Meine Mutter und mein Vater wären bestimmt noch dort geblieben, trotz der Mühsal – ihr Geld war ihnen gestohlen worden, alles wurde ihnen weggenommen –, und es wäre zunehmend schwieriger geworden, ein Auskommen zu haben. Aber sie wollten bleiben – so lange sie nur irgendwie konnten. Es war vielleicht auch ein Widerspruch, denn meine Eltern wussten, dass die Zeit begrenzt war, ich wusste es, und ich wollte weggehen. Man musste uns förmlich rausschmeißen, ansonsten wären wir wohl geblieben – nur wer weiß, wie lange.

Wie sieht das Alexandria aus, das Sie im Kopf haben, wenn Sie in New York sind, wo Sie seit Jahrzehnten leben?
Das ist ganz eigenartig, denn auf der einen Seite versuche ich, dieses Alexandria zu liebkosen, es zu säugen, denn es ruft immer noch die wundervollsten Dinge hervor, den Strand, das Leben am Strand, die enorme Freizeit, die ich jeden Tag in jedem Sommer hatte. Es gab so viele Ablenkungen. Das Kino! Wir sind eigentlich immer ins Kino gegangen. Heute gehe ich kaum noch, denn ich finde, dass viele Filme noch dümmer sind als die, die wir uns angesehen haben. Aber auch, wenn ich dieses entzückende Bild von Alexandria bebrüte, und ich habe viele gute Erinnerungen, kommt gleichzeitig der Schmerz, die Feindschaft.

Sie sind einmal nach Alexandria zurückgekehrt.
Ja, 1995, 30 Jahre, nachdem ich die Stadt verlassen hatte. Und es war eine große Enttäuschung.

Können Sie beschreiben, warum?
Es gab noch Überbleibsel des alten Alexandria, aber alle Europäer waren weg. Und das hat den Charakter der Stadt komplett verändert. Sie war unaufgeräumt, hässlich, nichts funktionierte – sogar die Geldscheine waren irgendwie alt, dreckig, jedenfalls so, dass wir sie nicht anfassen wollten. Die Stadt war ein einziges Zeugnis des Verfalls. Heutzutage soll es besser sein, aber damals waren die wunderschönen alten Häuser zerstört. Ich bin ja bei Facebook und sehe, wie hinfällig diese alten Häuser sind. Und das zu sehen, ist sehr traurig.

Wie haben Sie sich auf dieser Reise in Ihre Vergangenheit gefühlt?
Da ich mit »Out of Egypt« ein Buch über die Stadt geschrieben habe, war alles sehr präsent. Ich hatte nichts vergessen, und selbst, wenn ich mich hätte verlaufen wollen, es wäre mir nicht gelungen. Nach 30 Jahren vergisst man schon eine Menge, aber ich konnte mich kein einziges Mal verlaufen. Ich ging überallhin zu Fuß. Mich überraschten die Entfernungen, denn alles war irgendwie ein zehnminütiger Gang. Wenn man wie ich in New York lebt, dann überrascht einen das. Es war etwas merkwürdig, denn ich laufe gewöhnlich auf dem Gehweg nahe der Straße, etwas, was man macht, wenn man fürchtet, dass jemand einen belästigen würde. Aber das geschah nicht – einmal hielt mich jemand an, weil er sah, dass ich nicht von dort war, aber ansonsten ließ man mich in Ruhe. Sie ignorierten mich, und das ist gut.

Wohin sind Sie als Erstes gegangen?
Ich wollte in ein wirklich gutes Hotel, das geschichtlich mit dem Schriftsteller Lawrence Durrell verbunden ist. Aber auch das war hinfällig. Kein Luxushotel, es war mit viel »Augen zudrücken« eher ein Drei-Sterne-Hotel. Am zweiten Tag suchte ich das Haus meiner Großmutter auf. Widerlich, es roch schlecht, und am dritten Tag besuchte ich die American School, deren Schüler ich war. Sie waren dort sehr nett und fuhren mich sogar zum Friedhof, wo ich das Grab meines Großvaters besuchte. Wissen Sie, es war so, dass ich die Tage zählte, bis ich wieder abreisen konnte.

Sie sind in einer jüdischen Familie aufgewachsen. Wie war das in einer Stadt wie Alexandria?
Nun, im Alter von sechs bis zehn fühlte ich, dass das Französische langsam aus dem Alltag verschwand. Französisch war die Sprache, die überall gesprochen wurde. Es gab einen Umschwung, und diese polyglotte Stadt existierte auf einmal nicht mehr. Ich war dort geboren, es war meine Stadt, aber es war auf einmal nicht mehr meine Heimat. Alles änderte sich doch sehr schnell. Briten, Franzosen und nicht zuletzt wir Juden wurden förmlich rausgeschmissen.

War denn Ihre Kindheit sehr vom Judentum geprägt?
Nein, gar nicht. Um ganz ehrlich zu sein, ich kann mit Religion nicht viel anfangen. Mein Vater fragte mich, ob ich denn Barmizwa werden wollte, aber ich verneinte. Sehen Sie, mein Vater war auch nicht religiös. Aber ich bin Jude, und ich habe in Ägypten den Preis dafür bezahlen müssen. Meine Großmutter wollte, dass ich in die Synagoge gehe, sie wollte zu Pessach einen Seder haben, und einer ihrer Brüder las die Haggada auf Hebräisch – die komplette Haggada, vier Stunden lang, und das Einzige, was wir alle wollten, war, einfach nur zu essen. Aber sie bestand darauf, dass ich mit ihr an Jom Kippur in die Synagoge ging. Das war nicht mein Ding. Das war nicht das, was ich eigentlich machen wollte.

Was wollten Sie stattdessen machen?
Fußball spielen! Ich zeichnete gern, und ich las unheimlich gern. Lesen wurde meine Leidenschaft.

In Ihrem Buch »Out of Egypt« haben Sie das letzte Kapitel dem Sederabend in Ägypten gewidmet. Wie sieht Ihr Seder aus?
Meine Frau hat ganz gern einen Seder, aber manchmal machen wir auch gar keinen. Und ein anderes Mal wiederum machen wir ein – ich nenne es mal – organisiertes Abendessen für unsere drei Söhne. Aber wir nehmen das Ganze nicht so ernst.

Was bedeutet Ihnen Freiheit?
Ich weiß es, ehrlich gesagt, nicht. Ich verstehe Pessach auch nicht als Statement für die Freiheit, denn ich finde, dass Juden nicht nur ihre Befreiung in sich tragen, sondern auch das Eingesperrtsein, die Grenzen. Es ist, als ob das Judentum sich selbst fortwährend im Exil sieht. Sehen Sie: Ich habe einen ausgiebigen Sinn für Ironie. Ein Jude ohne Ironie ist kein Jude. Ich bin in allem, was ich tue, sehr jüdisch: Wie ich denke, wie ich lebe, wie ich schreibe. Vielleicht eine Art Straßen-Judentum, ein Bauchgefühl-Judentum.

Haben Sie ein Beispiel?
Wenn ich sage, dass ich heute glücklich bin, dann weiß ich, dass ich dafür irgendwann später am Tag bestraft werde, und deswegen sage ich lieber: Ach, ich bin vielleicht nicht allzu glücklich heute. So, jetzt fängt es an: Wenn ich sage, dass ich nicht wirklich glücklich bin, wird Gott das wissen und mich sowieso bestrafen.

Das klingt ziemlich pessimistisch.
Es tut mir leid, aber ich befürchte, dass das Judentum keine sehr optimistische Religion ist. Zumindest das kulturelle Judentum. Ich mache diese Unterscheidung zwischen dem religiösen Judentum, das ich ernst nehme, respektiere, aber zu dem ich keine Beziehung habe, und dem kulturellen Judentum, meinem Judentum.

Und wie ist das?
Es ist dieses ständige Gefühl, dass irgendetwas passieren wird, dass da noch was folgt. Das Böse lauert immer. Es gibt diese Anekdote, wonach zwei Juden auf der Straße laufen. Sie werden von zwei Christen verfolgt, die sie angreifen. Ein Jude sagt zum anderen: Ich will mich nicht so beleidigen lassen. Und der andere erwidert: Du verstehst das nicht. Das da sind zwei, wir sind für sie je einer. Man wird immer zum Opfer. Ein Jude, der nicht versteht, dass er allein wegen seiner Kultur schikaniert wird, hat eine Form des Judentums verlassen.

Wann fühlen Sie sich jüdisch?
Wann immer ich nach Israel gehe. Ich bin immer sehr erfreut, denn für mich ist jeder dort wunderbar. Es sagt mir: Siehst du, Juden sind die besten Menschen der Welt. Aber ich muss mich davon natürlich etwas distanzieren. Ich mag es, dass es Juden gibt, die ausgesprochen nett sind. Aber dann frage ich mich selbst: Kann ich in einem Land sein, in dem jeder jüdisch ist? Ich war noch nie in dieser Situation, aber ich habe diese Angewohnheit, dass, wenn ich unter zu vielen Juden bin, ich mich nicht als Jude zu erkennen gebe. Aber ich bin dann eher »wie die anderen«. Wenn ich bei den anderen bin, bin ich sehr jüdisch.

Ist das eine Frage der Identität?
Vielleicht liegt es daran, dass ich keine Identität habe. Jede Form der Identität missfällt mir. Sie grenzt einen nur ein. Ich weiß nicht, welche Nationalität ich habe. Ich bin amerikanischer Staatsbürger, ich wurde als Türke geboren, wir sprachen Französisch zu Hause, ich wurde Italiener, verlor meine italienische Staatsbürgerschaft. Ich weiß nicht, wer ich bin. Ich habe keine Vorstellung davon, eine richtige Identität zu haben. Wenn ich in Italien bin, und ich liebe Italien, fühle ich, dass es mir dort nicht gefällt. Wenn ich nach Frankreich gehe, meiner kulturellen Heimat, mag ich es dort auch nicht so. Und wenn ich wieder zurück in New York bin, vermisse ich Frankreich und Italien.

Gibt es einen Ort, der in Ihnen dieses Gefühl nicht hervorruft?
Nein.

Sie haben mit dem Buch »Call Me by Your Name« vielen Leserinnen und Lesern eine literarische Heimat gegeben. Das Buch wurde sehr erfolgreich verfilmt mit Michael Stuhlbarg, Timothée Chalamet und Armie Hammer. Sie haben den Film zuerst in Berlin auf der Berlinale gesehen.
Genau. Eigentlich wollte ich ihn auf dem »Sundance«-Filmfestival sehen, aber das hatte sich nicht ergeben. Also sagte ich, dann schaue ich mir die DVD an, aber es stellte sich heraus, dass der Film richtig erfolgreich war und es lange dauern würde, bis es eine DVD geben würde. Deswegen war die nächste Möglichkeit für mich, den Film in Berlin zu sehen. Und es war wundervoll. Meine Frau und ich hatten ein tolles Hotel, die Deutschen waren umwerfend zu uns.

Wie haben Sie die Aufführung des Films erlebt?
Das war schon eine Erfahrung. Ich kannte die Schauspieler nicht – übrigens sind sie alle perfekt –, aber wenn der Vater seine Rede hält oder wenn Elio und Oliver auf dem Platz miteinander sprechen und er ihm beinahe alles gesteht, da dachte ich: Ich habe das geschrieben. Es war überwältigend. Oder zum Schluss, es hörte auf, und ich dachte, das ist jetzt das Ende des Films. Man sieht Elio in den Kamin blicken, und plötzlich kamen die Credits. Das bedeutete, der Film war zu Ende. Ich habe nicht geweint, ich habe gezittert.

Sie haben nicht nur in »Call Me by Your Name« über Etymologie geschrieben. Was fasziniert Sie daran?
Jedes Wort, das wir nutzen, hat eine Geschichte, eine Art Genealogie. Wenn diese Genealogie durch eine Diaspora geht, interessiert mich das. Mein Beispiel ist immer »Alchemie«. Das ist ein ganz seltsames Wort. Es hat eine scheinbar ägyptische Wurzel, aber diese Wurzel migrierte nach Europa und kam über Europa zurück ins Arabische. Ich liebe das. Wörter haben keine Identität. Sie haben vermischte Identitäten. Wörter sind Hybride.

Haben Sie ein Lieblingswort?
Das englische »almost«. Es kommt bei allem vor, was ich schreibe. Es sagt mir: Moment, da steckt was dahinter. Es beschreibt exakt, was ich bin. Ich bin fast dieser, fast jener. Ich bin niemals nur der eine.

Mit dem Schriftsteller sprach Katrin Richter per Zoom.

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