Glosse

Nie wieder Bangkok!

Das Maniküre-und-Pediküre-Business gehört zu Israel wie die Sonne und das Tote Meer. Foto: Yulia-Images

Ich war in Bangkok. Nicht »one night«. Nur kurz. Zwei Stunden. Aber selbst die bereue ich. Denn schon nach fünf Minuten hatte ich Heimweh nach Aserbaidschan direkt an der Dizengoff Street Ecke Frishman. Ich sehnte mich nach »Yullia«, dem Können dort, der Herzlichkeit und Gewissenhaftigkeit.

Mitte der 90er-Jahre kam die echte Yullia nach Israel. Aus Aserbaidschan. Ins Gelobte Land. Aber nicht, um als Mädchen aus der ehemaligen UdSSR einen gelobten Ehemann zu finden. Nein, Yullia kam, um ihre Träume wahr zu machen.

schönheitssalon Und 25 Jahre später ist sie nicht nur Inhaberin etlicher Schönheitssalons in Israel, sie hat auch eine eigene Kosmetikschule, in der sie junge Frauen, vorwiegend aus den ehemaligen GUS-Staaten, exzellent ausbildet und anschließend in einem ihrer Salons beschäftigt. Lernen, arbeiten und leben in Israel. Yullia ist mittlerweile die »Traumwahrmacherin« unzähliger junger Frauen. Jede Maniküre und Pediküre wird fotografiert, und via WhatsApp werden die Bilder ans Office geschickt. Vertrauen ist gut. Kontrolle ist besser.

Im »Thai Spa«, nur einen Steinwurf von Yullia entfernt, sitzt die Kosmetikerin auf einer Bank vor dem Geschäft und raucht. Sie wäscht sich nicht die Hände, bevor sie die meinen bearbeitet. Eine Freundin überredete mich. »Komm, da ist es so schön plüschig …« Inzwischen weiß ich: Ich bin zu sehr aus dem Osten, ich brauche keinen Plüsch, ich brauche russisch-weißrussisch-ukrainische Hektik, gepaart mit den »Djewutschki«-(Mädchen)-Rufen von der Rezeptionistin, wenn neue Kundinnen den Salon betreten und nicht sofort betreut werden.

Ich hadere mit meiner Untreue, lernte ich doch schon als Kind: Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen.

Die Kosmetikerin im Thai Spa spricht kein einziges Wort mit mir. Was daran liegt, dass ich nicht nur kein Thailändisch kann, ich kann auch nicht Moldawisch. Von da nämlich kommt Carolina. Ebenso wie ihre Kollegin Riwa, die sich an meiner Freundin ausschweigt. Ich sitze mitten auf dem Dizengoff-Boulevard, dem vermutlich lautesten Ort Tel Avivs, und fühle mich Lichtjahre von Israel entfernt.

maniküre Das Maniküre-und-Pediküre-Business gehört zu Israel wie die Sonne und das Tote Meer. Nicht nur, weil man hier mit Händen und Füßen spricht. Es komplettiert, obwohl nicht selten Anwältinnen oder Architektinnen in Leggins und mit Flip-Flops ins Büro gehen, ein gepflegtes Erscheinungsbild.

Ich hadere mit meiner Untreue, lernte ich doch schon als Kind: Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen. Das gilt auch in Israel. Die Einwanderer aus der ehemaligen UdSSR brachten nicht nur Borschtsch, die Tif-Tam-Supermärkte und das herrlich gerollte russische »R« in Wörtern wie »Lehitrrrraot« (Bis bald) mit, sie zeigen am Beispiel von Yullia, dass sich Balagan und Akkurat-sein dennoch nicht ausschließen.

Es war ja schließlich auch Avigdor Lieberman, der Yullia gleich den alten Lack der Regierung von Benjamin Netanjahu entfernte. Ich bin gespannt auf die neue Farbe – in der israelischen Staatsführung und an meinen Fingern.

Aufgegabelt

Datteln auf Mohnsamen-Toffee

Rezepte und Leckeres

 14.09.2026

Nachruf

Sie lehrte Israel das Träumen

Ada Yonath, Nobelpreisträgerin für Chemie, wurde durch ihre Forschung zum Ribosom berühmt

von Sabine Brandes  14.09.2026

Berliner Leuchtturmprojekt

Musikalische Stolpersteine jetzt in fünf Bundesländern

Mehrere Tausend in Gehwegen eingelassene »Stolpersteine« halten europaweit die Erinnerung an Verfolgte des Naziregimes wach. Jetzt gibt es auch »Stolperstein«-Podcasts

 14.09.2026

Pink

»Ich wurde als Jüdin geboren«

Die amerikanische Sängerin reagiert auf Hass-Kommentare zu einem Repost

von Katrin Richter  14.09.2026

Fritz Busch

»Verräter raus!«

Vor 75 Jahren starb der Dirigent. 1933 vertrieben ihn die Nazis vom Pult der Sächsischen Staatskapelle

von Claudia Irle-Utsch  14.09.2026

Jubiläum

Filme für das Land der Täter: 80 Jahre CCC Filmkunst

1946 gründet der Holocaustüberlebende Artur Brauner die »CCC Filmkunst«. Sie wird zur erfolgreichsten unabhängigen Produktionsfirma im Nachkriegs-Europa, liefert Kassenschlager - und thematisiert immer wieder die Schrecken der NS-Zeit

von Gerhard Midding  14.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  14.09.2026

Streaming-Hit

»Nobody Wants This«: Staffel drei startet im Oktober

Diesmal ist auch die Comedienne und Schauspielerin Sarah Silverman beteiligt. Sie verkörpert Rabbinerin Eden

 14.09.2026

Kanada

»Breitscheidplatz 19/12« feiert Weltpremiere in Toronto

Die sechsteilige ARD-Serie erzählt über die Ermittlungen vor dem islamistischen Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt im Jahr 2016

von Manuela Imre  14.09.2026