»Freitag«

Nicht mit Todenhöfer

»Die Gazaner leben im weltgrößten Konzentrationslager«: Jürgen Todenhöfer Foto: dpa

»Freitag«

Nicht mit Todenhöfer

Warum ich nach 26 Jahren nicht mehr für die Wochenzeitung schreiben werde

von Martin Krauss  09.01.2017 17:01 Uhr

Seit 1990 gibt es die Wochenzeitung »Freitag«, und seit ihrer Gründung bin ich dort regelmäßiger Autor gewesen. Es gab Phasen in meinem Leben als freier Journalist, da stellten die Honorare des »Freitag« für meinen Lebensunterhalt einen wichtigen Posten dar. Jetzt habe ich die Entscheidung getroffen, nicht mehr für den »Freitag« zu schreiben. Zur Begründung später mehr.

Hervorgegangen ist der »Freitag« zum einen aus dem »Sonntag«, der Wochenzeitung des DDR-Kulturbundes, die als eine Art Nischenblatt für nicht ganz konforme Autoren und Leser fungierte. Zum anderen aus der westlichen »Volkszeitung«, einer linken Wochenzeitung, in der die DKP, etliche linke Sozialdemokraten und Gewerkschafter vertreten waren. Ziemlich viel Geschichte, auch sehr schwierige und widersprüchliche, steckt also in dem Blatt, das 2008 von Jakob Augstein, Sohn und Erbe des »Spiegel«-Gründers Rudolf Augstein, übernommen wurde.

spektrum Diese keineswegs reibungsfreie Vielfalt repräsentierten in der Geschichte des »Freitag« immer die Herausgeber: Das waren etwa Günter Gaus, früher Ständiger Vertreter der Bundesrepublik in der DDR und davor »Spiegel«-Chefredakteur, das waren die Bürgerrechtler Wolfgang Ullmann und Friedrich Schorlemmer, die Schriftsteller Christoph Hein, Daniela Dahn und György Dalos. Viel Widersprüchliches, wie gesagt, aber diese Persönlichkeiten – einige leben nicht mehr – waren doch mehr als nur das Gesicht des »Freitag«. Sie markierten das, einem Wort Gaus’ zufolge, »linksbürgerliche Spektrum«, das die Zeitung erreichen wollte.

Tradition und Herausgeber mögen andere zum Widerspruch reizen, mir aber war dieses Spektrum sympathisch genug, um gerne für den »Freitag« zu schreiben. Es war so, dass mir diese Zeitung als Publikationsort für Dinge lieb wurde, die ich sonst nirgends veröffentlichen konnte: 1991 beispielsweise waren in nur kurzem Abstand mehrere antisemitische Ausfälle im »Neuen Deutschland« erschienen – unter anderem war die Rettung äthiopischer Juden durch Israel als »jüdische ›Heim-ins-Reich‹-Aktion« bezeichnet worden. Der einzige Hinweis auf diese Ungeheuerlichkeit, der irgendwo erschien, fand sich in dieser merkwürdigen Wochenzeitung. Das war eben auch der »Freitag« für mich.

Als Jakob Augstein die Wochenzeitung als Verleger übernahm, kündigte er den damaligen Herausgebern, es bräuchte sie nicht mehr; später machte sich Augstein selbst zum Chefredakteur. Ab dem 1. Januar hat das Blatt doch wieder einen – interessanterweise: nur einen – Herausgeber: Jürgen Todenhöfer.

Schon gegen die Person Jakob Augstein gab es wegen etlicher angeblich antisemitischer Entgleisungen heftige Vorwürfe – zu Recht. Dennoch schrieb ich weiter für den »Freitag«, weil, erstens, die Kollegen, mit denen ich zusammenarbeitete, nicht einmal ansatzweise den Eindruck machten, solche Positionen in ihrem Blatt haben zu wollen. Und weil, zweitens, das Gros von Augsteins Artikeln nicht im »Freitag«, sondern im »Spiegel« und auf »Spiegel Online« erschienen war. (Bemerkenswerterweise wurde deren Boykott, anders als im Fall des »Freitag«, nur selten gefordert; Haltung hat offensichtlich etwas mit Marktmacht zu tun – wenn der »Spiegel« anfragt, sagt kaum jemand ab.)

judenfeindlich Nun also Todenhöfer. Mit seiner These »Die Gazaner leben im weltgrößten Konzentrationslager« kann er Augsteins Satz »Gaza ist ein Gefängnis. Ein Lager« noch überbieten. Und mit der Behauptung »Die Palästinenser zahlen den höchsten Preis für Deutschlands schwere Schuld gegenüber den Juden« hat er gleich zwei antisemitische Evergreens in einem Satz untergebracht: den, wonach die Juden an ihrem Leid kassierten, und den von den Opfern, die zu Tätern geworden seien. Zudem führte Todenhöfer (für die ARD, nicht für den »Freitag«) ein skandalös-kriecherisches Interview mit Syriens Diktator Assad und besuchte sogar den »Islamischen Staat«, um sich danach bei dem »sehr geehrten Herrn Kalifen« gleich dreimal für dessen Gastfreundschaft zu bedanken.

»Der ›Freitag‹ ist mir schon lange als Gegenentwurf zum deutschen Mainstream aufgefallen«, schreibt Todenhöfer nun im Jargon derer, die gerne »Lügenpresse« schreien, in seinem Blog. »Eine Zeitung, die sich so mutig und kompetent dem Mainstream entgegenstellt, muss man unterstützen. Und sei es nur als Herausgeber.«

Das ist also Programm, es ist keine bloße Personalentscheidung. Und so ganz verwunderlich ist das nicht: Der »Freitag« kämpfe wie er selbst auch »gegen Kriege, Intoleranz und krasse soziale Ungerechtigkeiten«, verkündete Todenhöfer, daher wolle er mitmachen. Dafür lobte Augstein seinen Herausgeber: »Er glaubt, dass es keine guten und keine bösen Kriege, keine guten Bomben und keine bösen Bomben gibt – darin sind wir uns einig.«

Pluralität Wer nun argumentiert, dass es eine Linie, wie sie Todenhöfer markiert, auch schon vorher im »Freitag« (und damit auch in der deutschen Linken) gab, hat ja recht. Und ich gebe zu, dass meine Erwiderung schwach ausfällt, sie lautet: Eine gewisse Pluralität braucht jede Zeitung. Aber meine Antwort darf schwach sein, denke ich, denn als freier Journalist – dieses Argument ist mir sehr wichtig – habe ich immer großen Wert darauf gelegt, nur für das verantwortlich zu sein, was ich selbst schreibe und mit meinem Namen zeichne. Auf alles andere habe ich ja keinen Einfluss. Wer nur Texte an eine Redaktion mailt, sollte nicht so tun, als gehöre ihm der Laden.

Aber egal, was ich noch an relativierenden Aspekten zusammentragen könnte: Mit der Personalie Todenhöfer ist bei einer Zeitung, die mir einmal viel bedeutet hat, einiges kaputtgegangen, eigentlich alles.

26 Jahre lang war ich Autor des »Freitag«: Leitartikel, Essays, Interviews, Reportagen und über lange Jahre eine Sportkolumne, ja, sogar für das Vorläuferblatt »Volkszeitung« habe ich schon geschrieben. Auf meinen Absagebrief an Jakob Augstein habe ich keine Antwort erhalten. Ihm scheint das alles egal zu sein. Und ich, ich will nicht mehr.

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