Jüdisches Museum Frankfurt

»Neuer Blick auf die Gegenwart«

»Bei uns spielt das spezifisch Deutsche der jüdischen Geschichte vor Ort keine besonders große Rolle«: Museumschefin Mirjam Wenzel Foto: Rafael Herlich

Frau Wenzel, nach fünf Jahren Bauzeit und zweimaliger Verschiebung des Eröffnungstermins soll das Jüdische Museum Frankfurt nun am 21. Oktober wieder seine Türen öffnen. Wie zuversichtlich sind Sie, dass es diesmal wirklich klappt?
In den letzten Monaten haben wir alle gelernt: Nichts ist gewiss. Dennoch bin ich zuversichtlich. Aufgrund der Corona-Pandemie gibt es aber natürlich noch ein paar Unwägbarkeiten. Das betrifft insbesondere den internationalen Leihverkehr von Objekten aus Ländern wie Israel, die von der Pandemie stärker betroffen sind. Aber ich halte das für lösbar und freue mich jetzt vor allem darauf, dass wir unser neues Museum bald wieder für diejenigen öffnen können, für die ein Museum da ist: die Öffentlichkeit.

Wird Frankfurt als viel zitierte »jüdischste Stadt Deutschlands« eine besondere Rolle in der neuen Dauerausstellung spielen?
Frankfurt hat eine über 800-jährige jüdische Geschichte und in der jüdischen Welt einen großen Namen. Das hat sowohl mit der Gelehrsamkeit in der Frühen Neuzeit als auch mit den vielen bedeutenden Personen zu tun, die in dieser Stadt in der Moderne wirkten. Die Gemeindespaltung und die Begründung der Neoorthodoxie, die sich hier im 19. Jahrhundert ereignete, ist bis heute weltweit von Bedeutung. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts führten Juden bahnbrechende Forschungen in Medizin und Neurowissenschaft durch, waren als prägende Persönlichkeiten an den sozialen Bewegungen beteiligt, gestalteten die Modernisierung der Stadt und ihre Kultur maßgeblich mit. Das und vieles mehr wird in der Ausstellung sicht- und erfahrbar.

Wie geht die Dauerausstellung mit dem Zivilisationsbruch Holocaust um?
Die Ausstellung im Rothschild-Palais knüpft an die Ausstellung im Museum Judengasse an. Beide beginnen mit der jüdischen Gegenwart und der Nachkriegsgeschichte. Dann setzen sie noch einmal neu an, wobei die Ausstellung im Rothschild-Palais erzählt, wie sich jüdisches Leben in Frankfurt von der Emanzipation bis zum Nationalsozialismus entwickelte. Der doppelte Beginn der Ausstellungserzählung markiert den Bruch. Darüber hinaus thematisieren wir im Rothschild-Palais, was die Schoa für jüdische Familien bedeutete. Etwa für die Familie von Anne Frank, der sich unser Familie-Frank-Zentrum widmet. Im letzten Raum der Ausstellung zeigen wir anhand von Gegenständen und Dokumenten aus dem Familienbesitz, wie der Auschwitz-Überlebende Otto Frank das Tagebuch seiner Tochter lektoriert und in die Welt gebracht hat.

Beschäftigen sich darüber hinaus weitere Ausstellungsbereiche mit der Schoa?
Es gibt zwei Ausstellungsräume, die sich ausschließlich den Jahren 1933 bis 1945 widmen. In einem stellen wir das Schicksal von sieben ausgewählten Personen mit Dokumenten, Objekten und Animationsfilmen vor. In dem anderen Raum erzählen wir, welche Auswirkungen die nationalsozialistische Gesetzgebung auf das Leben von Juden hatte. In dem benachbarten Galerieraum präsentieren wir zur Eröffnung den Grafikzyklus »Massacres in Poland«, den der Künstler Ludwig Meidner im Londoner Exil schuf.

Welche thematischen Schwerpunkte und Akzente möchten Sie in Ihren Wechselausstellungen setzen?
Mich interessieren Ausstellungen, die Ritualgegenstände und Alltagsobjekte mit Kunst verbinden und die eine kulturhistorische Tiefendimension eröffnen. Genau dies wird unsere erste Ausstellung »Die weibliche Seite Gottes« tun. Mir ist es zudem wichtig, neue Perspektiven auf die Gegenwart zu entwickeln. In unserer zweiten Ausstellung »Unser Mut: Juden in Europa 1945–48« geht es etwa um Flucht und Migration sowie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Unsere Ausstellungen bauen auf unserer digitalen und sozialen Museumsarbeit der vergangenen Jahre auf. Sie fragen danach, wie wir in einer zunehmend diversen und polarisierten Gesellschaft zusammenleben wollen.

Wie definieren Sie für Ihr Museum das Jüdische?
Wir haben ein kulturelles Verständnis von Jüdischsein. Dieses Verständnis bezieht auch Personen mit ein, die von anderen als jüdisch markiert werden. Wir unterscheiden nicht, ob jemand halachisch jüdisch, praktizierend, säkular, übergetreten oder Vaterjude ist oder von den Nationalsozialisten zum Juden gemacht wurde, obwohl er oder sie Christ war.

Welches Verhältnis pflegt Ihr Museum zur Jüdischen Gemeinde Frankfurt?
Das Museum hat ein enges und kooperatives Verhältnis zur Jüdischen Gemeinde und ihren Repräsentanten. Das hat mit den handelnden Personen auf beiden Seiten zu tun. Die Gemeinde selbst und einige ihrer Mitglieder haben dem Museum bedeutende Leihgaben anvertraut, Ignatz Bubis dem Museum gar seine Sammlung an Zeremonialobjekten geschenkt, andere sich über Jahre hinweg in der Gesellschaft der Freunde und Förderer des Jüdischen Museums engagiert. Im Jüdischen Museum selbst arbeiten mehrere Personen, die auch aktiv das Gemeindeleben mitgestalten, sodass es hier ein selbstverständliches Bezugsverhältnis gibt. Das Vertrauen zeigt sich unter anderem auch darin, dass die Gemeinde uns ermöglichen wird, ein milchig-koscheres Deli zu betreiben. Darüber freuen wir uns ganz besonders, weil uns sehr an sinnlichen Erlebnissen in unserem neuen Museum gelegen ist.

Was verbindet Ihr Haus mit anderen großen jüdischen Museen – etwa in München und Berlin –, und was unterscheidet es von anderen?
Jüdische Museen sind europaweit miteinander in der Association of European Jewish Museums vernetzt. Zugleich sind sie sehr unterschiedlich organisiert und setzen in thematischer Hinsicht verschiedene Akzente.

Inwiefern?
Ein Schwerpunkt der Sammlungstätigkeit im Jüdischen Museum München etwa liegt im Bereich der Nachkriegszeit, insbesondere bei den »Displaced Persons«. Unser Sammlungsschwerpunkt liegt im Bereich der Zeitgenössischen und der Bildenden Kunst, der Zeremonialkultur und der Familiensammlungen rund um das Familie-Frank-Zentrum. In den letzten Jahren haben wir mit den »Jüdischen Kulturen der Gegenwart« einen neuen Sammlungsbereich geschaffen, in dem wir vor allem digital sammeln. Der thematische Fokus unserer Sammlungstätigkeit und der beiden Dauerausstellungen liegt auf der jüdischen Geschichte und Kultur Frankfurts. Diese erzählen wir in einer europäischen Perspektive, denn die meisten unserer Objekte wie auch die Personen, die wir in unseren Ausstellungen vorstellen, haben eine europäische Migrationsgeschichte. Bei uns spielt die Ebene des Nationalen keine besonders große Rolle, das spezifisch Deutsche der jüdischen Geschichte vor Ort …

Anders als im Jüdischen Museum Berlin, oder?
Ja, als bundesunmittelbare Stiftung ist das Jüdische Museum Berlin ebendieser Perspektive verpflichtet. Ein weiterer großer Unterschied zwischen den jüdischen Museen in Frankfurt und Berlin sind die Gebäude. Unsere beiden Häuser befinden sich an Orten mit einer spezifisch jüdischen Geschichte, die wir in unseren Ausstellungen auch thematisieren. In Berlin hingegen bildet der spektakuläre Bau von Daniel Libeskind das symbolische Vorzeichen der Museumsarbeit.

Wo wir gerade beim Jüdischen Museum Berlin sind: Wie politisch kann oder sollte ein Jüdisches Museum Ihrer Ansicht nach sein?
Darf ich Sie fragen, was Sie unter politisch verstehen? Das Handeln von Exekutive und Legislative? Die verbale und tätliche Gewalt von Verfechtern einer homogenen Vorstellung von Gesellschaft gegenüber allem, was als anders wahrgenommen wird, insbesondere gegenüber Migranten? Die Frage, wie ich mich selbst verstehe und handle?

Zum Beispiel.
Jüdische Museen thematisieren die kon­flikt­reiche Geschichte des Zusammenlebens von Juden mit Nichtjuden in sich wandelnden Gesellschaften. In den meisten europäischen jüdischen Museen geschieht dies unter dem Vorzeichen einer Zäsur, die bis heute nachwirkt. Jüdisches Leben in Europa ist nach wie vor nicht selbstverständlich und zudem bedroht. Der Judenhass steigt europaweit und in den USA an; der Terror von Halle setzte die Reihe von Anschlägen gegen Juden in Frankreich, Belgien, Dänemark und den USA fort. Dennoch gibt es eine sich zunehmend selbstbewusst artikulierende junge Generation in der jüdischen Diaspora, die Respekt einfordert und sich häufig mit anderen Minderheiten solidarisiert. All diese Entwicklungen sind politischer Art und gehen mit einer zunehmenden Gereiztheit öffentlicher Diskurse sowie einer Verrohung im Umgang miteinander einher. Ich betrachte es als die Aufgabe von jüdischen Museen, sie zu adressieren und ihnen Strategien der Gegenwehr, der Selbstvergewisserung und der Selbstreflexion entgegenzuhalten. Das ist keine leichte Aufgabe, aber sie ist relevanter denn je.

Das Jüdische Museum Frankfurt wurde 1988 eröffnet. Wie hat sich seitdem das Selbstverständnis des Museums gewandelt?
Das Anliegen des Gründungsdirektors Georg Heuberger war es, die Pracht, die Schönheit und die Bedeutung der deutsch-jüdischen Kultur zu sammeln und zu dokumentieren – also etwas zu bewahren, das es so nicht mehr gibt. Sein Nachfolger Raphael Gross verschob den Akzent hin zur Zeitgeschichte – etwa mit der Ausstellung »Ausgerechnet Deutschland«, die die Einwanderung der russischsprachigen Juden thematisierte. Heute steht die Reflexion über jüdische Gegenwart in Europa im Zentrum unserer Museumsarbeit.

An welches Publikum richten sich die Angebote Ihres Museums?
Wir haben etwa 15 bis 20 Prozent jüdische Besucherinnen und Besucher. Ihnen sehen wir uns im besonderen Maße verpflichtet. 80 Prozent unseres Publikums sind Nichtjuden. Sie haben natürlich andere Fragen und Perspektiven. Unter ihnen spielen Schülerinnen und Schüler für uns eine zentrale Rolle.

Viele Frankfurter Schüler kommen aus Familien mit Migrationserfahrung. Muss das in der Museumsarbeit berücksichtigt werden?
Ja, etwa drei Viertel der Schülerschaft unserer Stadt kommen aus Familien mit Migrationserfahrung. Für sie müssen wir jüdische Geschichte als persönliche Geschichte erzählen, die an ihre eigene Geschichte anschlussfähig ist. Ähnliches gilt für Touristen etwa aus Asien, die zu uns kommen werden, weil sie schon einmal von der Familie Rothschild gehört oder das Tagebuch der Anne Frank gelesen haben.

Was ist Ihr persönlicher Lieblingsort im neuen Jüdischen Museum?
Die Bibliothek im Lichtbau ist ein ganz überraschender Ort, weil sie ein riesiges Fenster hat, das einen lichtdurchfluteten Raum eröffnet. Sie ist komplett in Eschenholz gestaltet und hat daher eine warme Atmosphäre. Wir möchten gerne, dass sie ein lebendiger sozialer Ort wird, an dem sich insbesondere Kinder und Jugendliche gerne aufhalten. Deshalb haben wir unsere Buchbestände um Kinder- und Jugendliteratur sowie Nichtbuchmedien zu jüdischen Themen erweitert und werden hier zukünftig, auch im Zusammenhang mit dem Familie-Frank-Zentrum, Lesungen und Workshops anbieten.

Was werden Sie angehen, wenn die bauliche Erneuerung des Museums abgeschlossen ist?
Die große Herausforderung nach der Eröffnung wird sein, so etwas wie einen stabilen und zugleich beweglichen Betrieb zu entwickeln. Unser Ziel ist: Das neue Museum soll zu einem lebendigen Zentrum für jüdische Kultur in Geschichte und Gegenwart mit internationaler Strahlkraft werden.

Das Interview mit der Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt führte Eugen El.

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