Yishai Sarid

»Natürlich ist es Literatur«

»Ich finde alle kommerziellen Sender in Israel schlecht«: Der Schriftsteller und Rechtsanwalt Yishai Sarid lebt in Tel Aviv. Foto: imago images/Agencia EFE

Herr Sarid, der Held Ihres neuen Romans ist der Israeli Shai Tamus. Wie sind Sie auf diesen Namen gekommen?
Shai klingt ähnlich wie Yishai, mein eigener Vorname. »Chamäleon« ist das erste Buch, das ich in der dritten Person geschrieben habe. Durch seinen Namen konnte ich den Helden wieder näher an mich heranziehen.

Der fiktive Printjournalist war früher populär und ist heute so gut wie vergessen. Ist Ihnen dieser Typus vertraut?
Einige solcher Journalisten sind Freunde von mir. Früher waren sie Stars, heute funktioniert die Medienwelt anders, junge Leute lesen keine gedruckten Zeitungen mehr. Mein Buch dreht sich um eine Generationenfrage, aber auch um einen Menschen, der relevant bleiben will und die Seiten wechselt, weil er den Kontakt zu einem Massenpublikum, zum »Volk«, sucht …

… und deshalb Studiogast bei einem rechten TV-Sender wird.
Früher war der Protagonist des Romans links angehaucht, aber nicht allzu sehr, in etwa so wie Yair Lapid. Weil sich die gesamte israelische Gesellschaft sehr stark nach rechts bewegt hat, ist dieser Sender für ihn eine Möglichkeit, wieder gehört zu werden. In Israel läuft das so: Wer nicht im Fernsehen ist, ist keine Celebrity. Der Traum von Shai Tamus ist es, auf den Bildschirm zurückzukehren, wo er früher regelmäßig zu sehen war. Der »patriotische Sender« steht in meinem Buch für den israelischen TV-Kanal 14, einen rechten Sender, der die Regierung von Benjamin Netanjahu unterstützt. Da treten einige auf, die ihre Meinung geändert und so ihre Karriere aufpoliert haben.

Shai Tamus hat auch liebenswerte Seiten. Mögen oder verachten Sie ihn?
In meinen Augen ist er sehr menschlich. Ich würde mich nicht so verhalten wie er, aber ich verstehe ihn. Seine Frau schaut auf ihn herab, seitdem sein Stern gesunken ist. Die meisten Menschen, nicht nur in der Medienwelt, sind eher gehorsam und schwimmen mit dem Strom, sie haben vor allem ihr eigenes Einkommen im Kopf. Shai Tamus ist auch ein kultivierter Mensch, und mein Buch dreht sich unter anderem um die Kulturszene, die den Bach runtergeht. Früher hat er über Literatur und Theater geschrieben, aber das ist inzwischen Nebensache geworden, die meisten Menschen lesen keine Bücher mehr. Also muss Shai Tamus etwas Neues finden, worüber er schreibt, und auch das ist frustrierend für ihn.

Sie beschreiben einen »Kulturminister«, der Literaturpreise für die passende Gesinnung vergeben will. Läuft das jetzt so?
Es gibt großen Druck vonseiten der Regierung, auch in der Kultur »das richtige Maß« zu finden. Das zieht Kreise. Insofern bildet mein Buch Realität ab.

Haben Sie vor dem Schreiben viel Kanal 14 geschaut?
Genug, um das Prinzip zu verstehen, und Kanal 14 ist ein extremes Beispiel, weil dieser Sender einfach alles unterstützt, was Netanjahu tut, egal, was es ist. Aber ich finde alle kommerziellen Sender in Israel schlecht. Man sieht es auch daran, wie sie über den Krieg in Gaza berichten. Sie sind populistisch und wollen den Geschmack der Mehrheit treffen, obwohl sie unlängst damit angefangen haben, harte Bilder aus Gaza zu zeigen, was sie in den ersten eineinhalb Jahren seit Kriegsbeginn nicht getan haben. Das hat unter anderem dazu geführt, dass Israelis nicht verstehen, was die Welt eigentlich von uns will und warum man uns hasst, wo doch bei uns im Fernsehen das ganze Recht auf unserer Seite ist.

»Der Sohn« und »die Frau« des »Ministerpräsidenten« sowie der »Polizeiminister« sind nicht fiktionalisiert. Die rechte Zeitung »Makor Rischon« befand, Ihr Roman habe keine Tiefe. Ist das Literatur oder politisches Statement?
Ich streite mich nie mit Kritikern. Es ist ihr Recht, zu schreiben, was sie wollen. Es gibt Leute, die sagen, es müssten Jahre vergehen, damit Literatur entstehen kann. Ich sehe das nicht so. Mein Buch ist in der Tat voller Gefühle und voller Ärger über die jetzige Situation geschrieben. Aber vor allem ist es Literatur. Natürlich Literatur, was denn sonst? Die realen Figuren sind eher Schatten, vor deren Hintergrund sich die Handlung abspielt.

Shai Tamus wird vor jedem TV-Auftritt angerufen, und man bläut ihm ein, was er vor der Kamera sagen soll. Das haben Sie doch erfunden?
Die Handlung ist fiktiv, aber sie beruht teilweise auf Dingen, die veröffentlicht oder mir erzählt wurden. Es gibt wirklich »Schofare« der Berater des Ministerpräsidenten. Das bedeutet, dass an einem einzigen Tag mehrere Menschen ähnliche Formulierungen verwenden, und es ist klar, dass sie aus ein und derselben Quelle stammen. Ich habe im Nachhinein bedauert, dass meine Kritik eher soft war im Vergleich zu dem, was in der »Katargate«-Affäre ans Licht kam.

Ihr Buch klingt streckenweise verzweifelt.
Ich bin nicht verzweifelt, ich bin wütend. Was mit unserem Land, das ich sehr liebe, geschieht, zerfrisst mich. Wenn wir uns weiter in diese katastrophale Richtung bewegen, könnte dieser Staat zerstört werden. Aber ich bin ein israelischer Patriot, ich würde Israel nie verlassen, außer, es bleibt mir keine Wahl, und ich werde diese schreckliche Regierung und ihr Vorgehen bekämpfen, so sehr ich es kann.

Welches Gefühl bringt »Chamäleon« noch zum Ausdruck?
Shai Tamus wird auch von einem Gefühl der Beleidigung angetrieben. Er ist gekränkt, dass man ihn vergessen hat. Diese Empfindung trifft auf viele andere Israelis zu, ob Sefarden oder Aschkenasen. Auch bei den Demos gegen die Regierung spielt sie eine Rolle. Natürlich wird dieses Gefühl auch von Netanjahu instrumentalisiert.

Die Handlung Ihres Romans endet einige Monate nach dem 7. Oktober 2023 …
In der ersten Zeit nach der Katastrophe habe ich das Manuskript nicht angefasst, dann bin ich an den Schreibtisch zurückgekehrt.

Hat Ihnen das Schreiben geholfen?
Es ist ausgezeichnete Therapie für mich und mein einziger Weg, mit der Situation klarzukommen.

Mit dem israelischen Schriftsteller sprach Ayala Goldmann.

Yishai Sarid: »Chamäleon«. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama.
Kein & Aber, Zürich 2025, 288 S., 25 €

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